Noch bevor das Gesetz mit 1. Juli in Kraft tritt, weicht die Kampfhundeszene auf Rassen aus, die nicht auf der Liste stehen. Nun fordert die Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins einen Hundeführschein für alle Hunde.
WIEN. Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, lässt mit einer spektakulären Aussage im „Presse“-Gespräch aufhorchen: Der Kampfhundeführschein, der ab 1. Juli sicherstellen soll, dass ein Besitzer seinen Kampfhund unter Kontrolle hat bzw. nicht für Hundekämpfe oder als Waffe verwendet, sei wirkungslos. Petrovic: „Die einschlägige Branche – darunter auch die einschlägigen Händler –, sattelt derzeit auf jene Rassen um, die nicht auf der Wiener Kampfhundeliste stehen, aber denselben Zweck erfüllen würden.“ Nachsatz: „Man muss sich nur die Foren ansehen, wo diese Tiere gehandelt werden.“
Nächste Kampfhunde-Generation
Nun fordert Petrovic einen Hundeführschein für alle Hunde: Jene, die sich einen Hund als Waffe zulegen wollen, könnten ansonsten auch nach dem 1. Juli (dann tritt das Gesetz in Kraft) nahezu alle großen Hunde als Kampfhunde missbrauchen. Außerdem: „Die meisten Vorfälle ereignen sich mit Schäferhunden. Und die stehen nicht auf der Kampfhundeliste.“
Welche Hunde werden nun von der Szene als neue Kampfhunde, bzw. Waffe und Machtinstrument bevorzugt? Petrovic trocken: „Die Rassen werde ich nicht nennen. Sonst haben wir sie auf der Wiener Kampfhundeliste . . .“ Und nicht das sei das Ziel, sondern ein Hundeführschein für alle Hunde; wobei bei kleinen Hunden über Ausnahmen diskutiert werden könne.
Hinter den Kulissen werden die neuen Lieblinge der Szene genannt: Dobermann, teilweise Schäferhund. Aber „man kann auch einen Bernhardiner als Kampfhund züchten“, so Petrovic: „Mit dem Gesetz wollte man jene Besitzer treffen, die den Hund als Repräsentationsobjekt oder Kampfmaschine verwenden wollen, aber das funktioniert nicht.“ Ihre Forderung: Bereits bei dem ersten Vorfall sollte gegen derartige Hundebesitzer durchgegriffen werden, indem ein generelles Tierhalteverbot ausgesprochen wird. Petrovic: „Es gibt Personen, die sollten keine Tiere halten.“
Widerstand gegen das Gesetz, das am 1. Juli in Kraft tritt, kündigt auch Josef Pfeffer, Präsident des österreichischen Gebrauchshundeverbandes, an (Gebrauchshunde sind Hunde, die für eine bestimmte Tätigkeit eingesetzt werden, z. B. scharfe Wachhunde). Nachdem Umweltstadträtin Ulli Sima erklärt hatte, dass künftig auch die private Schutzhundeausbildung – also das Scharfmachen eines Hundes – in Wien verboten sein wird („In den Händen Privater ist ein derart ausgebildeter Hund einer Waffe ähnlich, was zu gefährlichen Situationen führen kann“), mobilisiert Pfeffer gegen diesen Plan. Man distanziere sich zwar von Leuten, die Hunde als Waffe verwenden würden, lehne das Verbot zum Scharfmachen aber ab. Und die Kombination von privat scharf gemachtem Hund und beispielsweise Kindern? Man müsse aufpassen, Kind und Hund nie alleine lassen, so Pfeffer. Und was ist mit Fällen wie jenen in Niederösterreich, als ein Kind getötet, ein anderes schwer verletzt wurde? Pfeffer: „Unfälle passieren auf der ganzen Welt.“
Derweilen mobilisiert Petrovic an einer zweiten Front: „Die Stadt beschließt etwas, und wir sollen das ausbaden.“ Grund des Ärgers: Kampfhunde, die den Führschein auch im zweiten Anlauf nicht bestehen, wandern ins Wiener Tierschutzhaus. Petrovic: Man werde sicherlich nicht diese (finanzielle) Last tragen. „Denn unser Haus ist derzeit schon völlig überfüllt, und es nimmt uns dann sicher keiner einen Bullterrier ab.“ Wenn die Stadt die Tiere beschlagnahmt, werde sich die Stadt eben selbst darum kümmern müssen.
Parallel zu dem neuen Hundegesetz verstärkt Umweltstadträtin Sima im Wahljahr die Präsenz auf der Straße, um Konflikte zwischen undisziplinierten Hundebesitzern und Nicht-Hundebesitzern zu senken: In der nächsten Woche finden in Wien Schwerpunktkontrollen statt, bei denen die Polizei die Einhaltung der Leinen- bzw. Maulkorbpflicht kontrolliert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2010)