Stadtflucht: Mit harten Schlägen über die Alte Donau

„Auslage“ heißt es, wenn alle Ruderer sich vorlehnen, bereit zum ersten Schlag. Redakteurin Anna-Maria Wallner (2. von vorne) auf der Alten Donau im Doppelvierer „Gunther“, hinter der Schlagfrau.
„Auslage“ heißt es, wenn alle Ruderer sich vorlehnen, bereit zum ersten Schlag. Redakteurin Anna-Maria Wallner (2. von vorne) auf der Alten Donau im Doppelvierer „Gunther“, hinter der Schlagfrau.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Schwäne, Schwimmer und Partyboote hinter sich lassen kann man beim Sportrudern an der Alten Donau. Einer der ältesten Rudervereine der Stadt ist der Wiener Ruder Club Donaubund. Er wird demnächst 100 Jahre alt.

Der Fischer auf dem kleinen grünen Boot ist unübersehbar genervt. Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als würde das schlanke Ruderrennboot seine ausgelegte Angelschnur kreuzen. Es war aber doch genug Platz und das Ruderboot schon wieder weggezischt, bevor er sich lautstark beschweren konnte. Im Sommer kann es eng werden auf der Alten Donau. Unter Elektroboote, Stand-up-Paddler, Schwan-Familien und Schwimmer mischen sich ab dem späten Nachmittag auch Ruderboote, auf denen ein, zwei, vier oder mehr Ruderer im Gleichklang ihre Schläge machen.

So wie das Boot „Gunther“, ein Doppel-Vierer aus der Flotte des Wiener Ruder Club Donaubund, der im Dezember 100 Jahre alt wird. Steuermann Christian Rutka bleibt bei den Ausfahrten gelassen. Dass der Fischer die Augen verdreht hat, hat Rutka gesehen, doch er beschwichtigt: „Der weiß ja, dass sich das immer ausgeht.“

Das Interesse steigt. An die 14 Ruderklubs gibt es allein in Wien, und wenn man Trainer Christian Rutka vom Donaubund glauben kann, dann spüren die Vereine seit einiger Zeit einen ordentlichen Zulauf. Vor allem im Sommer kommen viele interessierte Sportler, die wieder mit dem Rudern beginnen oder es zum ersten Mal ausprobieren wollen. Und es sind aktuell mehr Frauen als Männer. Rutka sagt: „Frauen können es auch meistens besser, weil sie gefühlvoller sind.“

Vor der Ausfahrt muss „Gunther“ vorsichtig aus dem Bootshaus getragen und neben dem Steg ins Wasser gelassen werden.
Vor der Ausfahrt muss „Gunther“ vorsichtig aus dem Bootshaus getragen und neben dem Steg ins Wasser gelassen werden.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Weil mit dem Rudern ist das so eine Sache: Es sieht sehr einfach aus. Wer aber erstmals in einem schmalen, wackligen Rennruderboot und auf dem Rollsitz Platz nimmt, merkt bald, dass es nur wenig mit einem Ausflugsruderboot zu tun hat und wie schwierig es ist, die beiden Ruder, die man Skulls nennt, gleichzeitig nach vor zu bewegen, zu drehen, im richtigen Winkel ins Wasser gleiten zu lassen und kraftvoll durchzuziehen. Gleichgewichtssinn und Koordinationsfähigkeit sind wichtig. Das Endergebnis ist ein Zusammenspiel von Armen, Händen und Beinen. Zudem ist Rudern fast immer ein Mannschaftssport. Man kann sich auch alleine auf einem sogenannten „Einer“ aufs Wasser begeben, doch das wahre Rudern passiert mit anderen. Es ist die gemeinsame monotone Bewegung der Skulls, der Rhythmus des Ein- und Auftauchens der Ruderblätter und der Moment, wenn alle gleichzeitig einen kraftvollen Schlag machen.

Doch der Weg zum Gleichschlag dauert mitunter und beginnt schon vor der Ausfahrt und beim möglichst pünktlichen Eintreffen aller Ruderer. Jeder trägt seine zwei Skulls zum Steg, dann packen alle gemeinsam an, um eines der bis zu 18 Meter langen Boote mit dem Kiel nach oben aus dem Bootshaus zum Steg zu tragen, zu drehen und langsam ins Wasser sinken zu lassen. Schon vor dem Ablegen ins Wasser sollten die Dollen aufgeschraubt werden, das sind die Vorrichtungen am Ende der Ausleger, in die die Skulls gelegt werden. Wenn alle Mannschaftsmitglieder mit dem Rücken zur Fahrtrichtung Platz genommen haben und ihre Füße in der Schuhvorrichtung im sogenannten Stemmbrett vor sich platziert haben, kann die Ausfahrt beginnen.

Einfach ist dafür die Rudersprache. Die meisten Befehle sind selbsterklärend. „Blatt“ heißt etwa, dass man das Rudern stoppen soll und die Ruderblätter flach auf das Wasser legt. „Auslage“ bedeutet, dass sich alle Ruderer nach vorne beugen, die Ruderblätter senkrecht ins Wasser eintauchen und sich auf den ersten gemeinsamen Schlag vorbereiten.

In Oxford wird mit Riemen gerudert. Durcheinander kommen kann man, wenn man anfangs viele Ruderarten ausprobiert. Von Drachenboot bis Kanu – auf fast jedem Bootstyp gilt eine andere Technik. In England, in den Universitätsstädten Oxford und Cambridge, rudert man bevorzugt mit Riemenbooten. Jeder Ruderer benutzt dabei nur ein Ruder mit beiden Händen. In Österreich wird auch mit Skullbooten gerudert, bei denen die Ruderer in jeder Hand ein Ruder haben.

Gemeinsam gehts leichter. Rudern ist – fast immer – ein Mannschaftssport.
Gemeinsam gehts leichter. Rudern ist – fast immer – ein Mannschaftssport.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Rudern erfordert Teamgeist und schon aufgrund der Anfahrt zu den Rudervereinen einen gewissen Aufwand. Dafür wird der gesamte Körper belastet und vor allem der Oberkörper geformt. Nach den ersten Ausfahrten spürt man die Muskeln in Schultern, Handgelenken, Pobacken und Oberschenkeln. Und, keine Sorge: Blasen an den Handinnenflächen gehören am Anfang dazu – Handschuhe helfen. Wer ernsthaft mit dem Sport beginnt, trainiert begleitend zu den Ausfahrten auf dem Wasser auch an Land mit Ruderergometern oder Kraftgeräten. Und hört im Winter nicht auf. Auch in Oxford und Cambridge wird bis in den Dezember und ab Februar auf den Flüssen Isis und Themse gerudert. In den doch kälteren Wiener Wintern ist das eher nicht möglich, darum trainieren die meisten Wiener Ruderklubs von Oktober bis April in einem Ruderbecken in der Stadthalle.

Viel schöner ist es aber an lauen Sommerabenden, auch wenn man sich die betrunkenen Gäste auf den Partybooten wegdenken muss, die einem bisweilen euphorisch zuwinken. Also nein, am schönsten sind die Ausfahrten eigentlich morgens um sechs Uhr Früh. Oder nach einem heftigen Gewitter, wenn das Wasser wieder ruhig ist, die Schwimmer aus dem Gänsehäufel schon nach Hause gegangen sind und man die sechs Kilometer lange Strecke von der Süd- zur Nordspitze der Alten Donau (und zurück), abgesehen von den Schwänen, für sich alleine hat.

Wiener Ruder Club Donaubund, Dampfschiffhaufen 41 (Wien 22). www.wrc-donaubund.at. Schnupperstunden jederzeit vereinbar. Anfahrt mit U1 (Station VIC) oder U2 (Station Donaustadtbrücke), weiter mit Bus (92A, 92B) oder zu Fuß. Daneben am Dampfschiffhaufen 65 ist der Wiener Ruder Club Pirat: www.wrc-pirat.at

Wo und Wie?

Es gibt gut 50 Ruderklubs in ganz Österreich, allein in Wien sind es 14 verschiedene Vereine an Alter Donau und Donau. Sie alle bieten Schnuppertrainings kostenlos oder zu günstigen Pauschalen an, eine Jahresmitgliedschaft kostet im Schnitt 400 Euro. Trainiert wird von April bis Oktober auf dem Wasser, im Winter in einem Ruderbecken in der Stadthalle. In den meisten Ruderhäusern gibt es Trainings- und Kraftgeräte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2018)