ImPulsTanz: Jan Fabre und das fantastische Programmheft

Matteo Sedda gibt den Entrückten – oder die Entrückte? Im Wiener Odeon spielt er nämlich Tabita, auch Dorkas genannt.
Matteo Sedda gibt den Entrückten – oder die Entrückte? Im Wiener Odeon spielt er nämlich Tabita, auch Dorkas genannt.(c) ImPulsTanz
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Der belgische Künstler und Choreograf Jan Fabre schrieb Matteo Sedda das Solo "The Generosity of Dorkas" auf den Leib, das bei ImPulsTanz seine Uraufführung erlebte. Ein seltsamer und selten eitler Abend.

Es ist eine erbauliche Geschichte, wie man sie im Neuen Testament immer wieder liest: Die wohltätige Tabita, auf englisch Dorkas genannt, nähte für Witwen und andere Bedürftige Kleidung – ihr guter Ruf drang bis zu Petrus vor, und als er von ihrem Tod erfuhr, reiste er umgehend nach Joppe, um sie zu erwecken. Dort hatte schon die Totenklage begonnen. Er schickte die Frauen aus dem Raum und sagte: „Tabita, steh auf.“ Und tatsächlich: Sie schlug die Augen auf und reichte Petrus die Hand.

Dieser Figur aus der Apostelgeschichte nahmen sich Choreograf Jan Fabre und sein Tänzer Matteo Sedda an. Sagen sie, bzw. behauptet das Programmheft. Tabitas Großzügigkeit sei „Ausgangspunkt ihrer Erkundungen des vibrierenden Körpers, des Körpers in Ekstase. Durch das Ritual des Tanzes gelangt der Darsteller langsam in einen höheren Seinszustand, ähnlich der Auferstehung der Dorkas'“. Und auch der Geschlechterollentausch spiele eine Rolle: „Während er das Publikum herzlich und charmant begrüßt, verwandelt sich Sedda von männlich zu weiblich und alles dazwischen.“

Das Problem: Von all dem ist nichts zu sehen. Was wir sehen: Ein von Jan Fabre entworfenes, großartiges Bühnenbild mit an verschiedenfarbigen Schnüren hängenden Nadeln. Wie hat man es nur hinbekommen, dass die Farben so gleißen? Dass dieses Bühnenbild wirkt wie aus einem Buch der Reihe „Das magische Auge“ entnommen? So viel 3D gibt es doch in Wirklichkeit gar nicht! Hier tritt also Matteo Sedda auf – und zu Beginn wirkt er wie eine Mischung aus Revolverheld und Derwisch. Seine in weißen Satin-Handschuhen steckenden Hände verwandeln sich in Pistolen, er zielt ins Publikum, ins nirgendwo, spielt damit herum. Um sich dann im Kreis zu drehen, dass der Rock nur so fliegt. In der Folge wird er Ballettschritte wagen und seine Fäuste wirbeln lassen, als dresche er auf einen Boxsack ein. Er wird Roboter-Moves machen und ein bisschen fechten. Aber was soll das mit Ekstase zu tun haben? Mit Entrückung? Mit der Großzügigkeit der Tabita?

Wenn man hier etwas assoziieren wollte, wäre es der Zirkus: Da wird jongliert und dressiert, Sedda wirft nach Art der Varieté-Tänzerinnen die Beine in die Höhe oder präsentiert die Nadeln, als würde er sie gleich in einem imaginären Zauberhut verschwinden lassen. Dazwischen stürmt er durch die Manege wie ein Zirkuspferd. Matteo Sedda gelangt nicht in einen höheren Seinszustand, im Gegenteil. Sein ganzer Tanz sagt: Kommt alle her! Ich zeige euch was. Seht, was ich kann.“ Wohlwollend interpretiert wäre es ein Stück über den Wunsch des Menschen, gesehen, beklatscht zu werden, weshalb er sein Leben lang alle möglichen und unmöglichen Kunststücke aufführt.

Die Frau ist kokett. Jetzt ist es noch kein Fehler, wenn ein Stück nicht zeigt, was das Programmheft ankündigt. Und tatsächlich muss Tanz auch nicht immer eine klare Geschichte erzählen, nicht einmal eine vage. Wir haben ein Körpergedächtnis, ein aktives und ein passives – wir wissen um den emotionalen Gehalt von Gesten, Bewegungen, intuitiv. Nur hat dieser Solo-Abend auch auf dieser Ebene nicht sehr viel zu bieten. Es bleibt eine Menge Virtuosität. Dass Sedda, sobald er angeblich seine weibliche Seite zeigt, irgendwie unterwürfig kokett dreinschaut und sich geziert bewegt, ist aber tatsächlich nur ärgerlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2018)

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