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Papst: "Ihr habt die Achtung des Volkes verspielt"

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Papst(c) EPA (ALESSIA PIERDOMENICO / POOL)

Papst Benedikt XVI. schwingt im Hirtenbrief starke Worte gegen Kirchenleute auf der "Grünen Insel", blendet aber die Situation in anderen Ländern aus. Der Papst spricht von "Scham und Reue".

Lange war der Hirtenbrief ersehnt worden. Am Samstag war es dann soweit. Der Vatikan veröffentlichte das Schreiben von Papst Benedikt XVI. zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Es barg einige Überraschungen - in mehrfacher Hinsicht.
Erst vor vier Tagen, als in Deutschland die Kritik am „schweigenden Papst" immer stärker wurde, war Robert Zollitsch für Benedikt XVI. in die Bresche gesprungen: Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz rief - zu Recht - in Erinnerung, dass es „nicht den Papst für Deutschland und nicht den Papst für Spanien" gebe: „Es gibt nur den einen Papst für die weltweite Kirche."

Provinzieller als vermutet

Nun zeigt sich, dass Benedikt XVI. in dem mit zunehmender Spannung erwarteten „Hirtenbrief" das derzeit brennendste Kirchenthema provinzieller angeht, als Zollitsch das vermutet hat. Missbrauchs- und Vertuschungsvorwürfe gegen Kirchenleute werden derzeit in etlichen Ländern lauter als je zuvor, aber Benedikt richtet sein Schreiben immer noch ausschließlich „an die Katholiken Irlands". Und nicht nur das: Er blendet die Situation in anderen Ländern derart aus, als wäre dort nie etwas gewesen.


An einer Stelle räumt der Papst zwar ein, der Missbrauch von Minderjährigen sei „weder spezifisch für Irland noch für die Kirche", dann aber fordert er die Iren auf, nicht auf die Seite zu blicken, sondern die eigenen Hausaufgaben „mit Mut und Entschlossenheit" zu erledigen. Benedikt hätte lediglich einen Halbsatz einfügen müssen, des Inhalts etwa, er wünsche, dass seine Mahnungen auch in den anderen betroffenen Ländern gehört würden. Damit hätte er zu erkennen gegeben, dass die „globale" Schwere des Problems zu ihm vorgedrungen ist. So aber ist er ein Papst für Irland geworden.

Trotzdem: An Benedikts Worten wird sich auch in Deutschland, Österreich oder den Niederlanden kein Kirchenmann mehr vorbeimogeln können. Sie sind so hart, wie sie nicht härter sein können. Den schuldigen Priestern und Ordensleuten gönnt der Papst keinerlei mildernde Klausel: „Ihr habt das Vertrauen verraten, das unschuldige Jugendliche und ihre Eltern in Euch gesetzt haben; Ihr habt die Achtung des Volks verspielt; Ihr habt Schande auf Eure Mitbrüder ergossen. Ihr müsst Euch dafür verantworten vor dem allmächtigen Gott und den weltlichen Gerichten." Außerdem sollten die schuldigen Priester „persönlich Schadenersatz leisten" für ihre Taten.

Harsche Worte für die Bischöfe

Die Bischöfe müssen sich anhören, sie hätten mit jahrzehntelanger Vertuschung „schwere Führungsirrtümer" begangen und „ernsthaft Eure Glaubwürdigkeit beschädigt". Es sei zwar „gute Absicht, aber falsche Tendenz" gewesen, Strafen zu vermeiden, schreibt der Papst. „Sorge um den guten Namen der Kirche" angesichts solcher Skandale hält er für „fehl am Platz". Und wieder dringt eine veränderte vatikanische Sichtweise durch: Nicht mehr von außen, hatte Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone unlängst gesagt, kämen die „schlimmsten Prüfungen für die Kirche, sondern von den eigenen Leuten". Benedikt formuliert es so: Durch die Missbräuche sei in Irland „das Licht des Evangeliums so verdunkelt worden, wie es nicht einmal zur Zeit politischer Verfolgung der Fall war".

Den Opfern, denen „niemand zugehört" habe, als sie von ihren Leiden erzählten, drückt Benedikt XVI. „im Namen der Kirche offen die Scham und die Reue aus, die wir alle empfinden". Das Wort „Entschuldigung" taucht nicht auf; für derartige Verbrechen, weiß Benedikt als Theologe, kann sich im menschlichen, gesellschaftlichen Sinne keiner von sich aus ent-schuldigen. „Nichts kann das Böse auslöschen, das Ihr ertragen habt", schreibt der Papst an die Opfer.

Nach Benedikts Empfinden sind wohl so manche der Entschuldigungsbitten, wie sie heute in fast inflationärer Weise von allen Möglichen für alle möglichen Vergehen verlangt und vorgetragen werden, oberflächliche, leere Rituale, die letztlich alles beim Alten lassen. Wenn, so denkt der Papst, dann kann einem Schuldigen höchstens verziehen werden, von anderen, von Gott, vom Volk, dann aber nur auf einem „langen Weg der Heilung, der Erneuerung, der Wiedergutmachung, auf dem noch viel zu tun ist". Und was schlägt Benedikt konkret vor? Päpstliche Kontrollkommissionen für einzelne Diözesen, eine Neu-Missionierung erstmals nicht des Kirchenvolks, sondern der Priester, Ordensleute und Bischöfe. Die Krise erblickt der Papst also - ganz anders als der Kölner Kardinal Joachim Meisner - nicht in der öffentlichen Erregung über die Kirche oder in der erwarteten Austrittswelle, sondern in einem verminderten Glauben der Amtsträger selbst. Das ist eine für den Vatikan gänzlich neue Perspektive.

Keine „causa finita"

Den Gläubigen rät der Papst unter anderem zur „Verstärkung der Ewigen Anbetung", oder zur „besonderen Widmung des Freitagsopfers für ein Jahr". Auch hier bleibt Benedikt sehr irisch: Solche Frömmigkeitsformen spielen in säkularisierten Gesellschaften wie der deutschen fast keine Rolle mehr. Wer, außerhalb traditioneller Katholikenkreise, weiß noch, was das „Freitagsopfer" ist (Anm.: Fleischverzicht etwa)? Das heißt: Benedikts Vorschläge an die Gläubigen, so sehr sie auf die Mitte des Glaubens und auf eine radikal selbstkritische Erneuerung des Denkens zielen, können außerhalb Irlands als blass erscheinen; als „stark" vermittelbar sind sie einer säkularisierten Gesellschaft jedenfalls nicht.

Was aber dann? „Roma locuta, causa finita" - dieser Satz des Kirchenlehrers Augustinus, des Lieblingsheiligen und Vorbildes von Benedikt XVI., trifft hier nicht zu: Rom hat zwar gesprochen, aber zu Ende ist diese Sache noch lange nicht. ?

 

Kritik am Hirtenbrief des Papstes kam hingegen von Opferverbänden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)