Wurm: "Bin strikt gegen die Rückgabe"

Wurm strikt gegen Rueckgabe
Wurm strikt gegen Rueckgabe(c) Michaela Bruckberger
  • Drucken

Die erneute Forderung der Familie Czernin auf Restitution einer Wiener Kunstikone, Vermeers "Malkunst", beschäftigt auch zeitgenössische Künstler: Erwin Wurm über das ewige Desinteresse der Politik an Kunst und Kultur.

Wir treffen uns hier im Kunsthistorischen Museum vor Vermeers „Malkunst“, deren Verbleib voraussichtlich im September der Kunstrückgabebeirat entscheiden wird...

Erwin Wurm: Ich finde die erneute Forderung der Czernin-Erben eine ungeheure Chuzpe. Jaromir Czernin wollte das Bild in den 1930er-Jahren verkaufen und hat dafür eine Summe von 1,8 Millionen Reichsmark genannt. Aber er fand in Österreich keinen, der es um den Preis kaufen wollte. Außerdem war das Bild mit Ausfuhrverbot belegt. Verkauft hat er es nach dem „Anschluss“ dann um 1,65Millionen Reichsmark an Adolf Hitler. Schon ein erster Antrag auf Rückgabe knapp nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde abgelehnt. 1998 veröffentlichte Jaromirs Nachfahre Hubertus Czernin, ehemaliger „Profil“-Herausgeber, die Ergebnisse seiner Recherchen im „Standard“: Seiner Meinung nach ist die Restitution zu Recht nie erfolgt, denn dem Kläger war es nie gelungen, den Nachweis dafür zu erbringen, dass das Bild auf politischen Druck hin an Hitler verkauft werden musste. Ich finde es also empörend, dass etwas, das extrem bedeutend ist, nämlich Restitutionsverfahren, missbraucht und umfunktionalisiert wird. Nur um für etwas, das man teuer verkauft hat, einen noch besseren Preis zu erzielen.


Was Sie also so ärgert, ist der Vorgang, nicht so sehr die Sorge um dieses spezielle Bild?

Der Vorgang regt mich extrem auf. Ein gutes Instrumentarium wird hier falsch verwendet. Und natürlich geht es mir auch um das Bild – es ist eines der großartigsten Bilder überhaupt. Ich habe es zigmal besucht, viele Leute kommen extra dafür nach Wien. Erbärmlich ist, dass die meisten Menschen in Österreich davon nichts wissen und dass auch die Politik kein Interesse daran hat. Das zeigt unser wahre kulturelle Bewusstseinslage.

Finden Sie, dass in dieser Legislaturperiode eine besonderes Desinteresse zu spüren ist?

Immerhin haben wir wieder eine eigene Ministerin, nicht mehr nur einen Staatssekretär. Das ist schon einmal etwas. Aber als Künstler darf man sich nie vom Staat abhängig machen. Man soll sich relativ früh auf andere Ebenen konzentrieren, auf Galerien oder sich selbst in Produzentengalerien organisieren. Aber es ist schon erschreckend: Vor kurzem aber war ich bei einem Vortrag des Außenministers, es ging um die Zukunft Europas, ein programmatischer 40-Minuten-Vortrag. Es ist 100- oder 200-mal das Wort Wirtschaft gefallen – und ein Mal das Wort Kultur. Das Wort Kunst überhaupt nie. Auf der anderen Seite hört man aber immer, dass wir uns als Kulturnation verstanden wissen wollen. Dabei ist eines unserer wesentlichsten Güter die Kultur! Das Desinteresse zieht sich aber durch alle Schichten: Die Kultur ist den Wohlhabenden gleich egal wie denen, die nicht finanzkräftig sind. Das ist das Erschreckende daran.

War das Desinteresse der Politik je anders?

Ich glaube nicht. Aber unter den Sozialisten hat es zumindest den Anschein gehabt: Obwohl die Künstler instrumentalisiert, wie Hofnarren gehalten wurden. Und die Künstler sich gerne instrumentalisieren haben lassen.

Wenn man es sich aussuchen kann, ist man aber wahrscheinlich lieber Hofnarr, als völlig ignoriert zu werden.

Sicher. Obwohl auch die völlige Ignoranz mich als Künstler nicht kratzt. Aber mich kratzt die Sache: Wir leben in einer Stadt, die von der Kultur und der Kunst, alt und neu, lebt.

Die Sammlung Czernin war schon früh öffentlich zugänglich. Nach einer Auktion droht das Vermeer-Bild in irgendein Zollfreilager zu verschwinden. Aber darf man überhaupt dafür plädieren, es nicht zurückzugeben – nur um es öffentlich zugänglich zu belassen?

Also ich bin strikt für die Nichtrückgabe. Die Malkunst ist ein derartiges Kulturdenkmal und mit dem Land schon so lange verbunden – das sollte man sich gut überlegen. Dieses Ansuchen, das hauptsächlich aus monetärem Interesse gestellt wurde, finde ich unmoralisch.

Wenn die Rückgabekommission nun doch befindet, dass die Malkunst unter Druck verkauft wurde?

Dann müsste der Staat einspringen und zahlen, dass es hier bleibt. Aber ich stelle mir trotzdem immer mehr die Frage – wo beginnen wir mit der Restitution, wo hört es auf. Beginnt man mit Napoleon? Mit André Malraux, der vieles mit fragwürdigen Mitteln aus Kambodscha geholt hat? Mit den Amerikanern, die vom Zweiten Weltkrieg Dinge mitgenommen haben? Oder dem Pergamonaltar in Berlin? Da kommt man vom Hundertsten ins Tausende – und es ist letztendlich nicht lösbar. Es hat immer Raubzüge gegeben.

Wer so argumentiert, wird meist mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert.

Was ich damit sagen will, ist, dass, wenn es Unklarheiten gibt, man einfach sehr aufpassen muss. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das heute nur ein Spiel superschlauer Rechtsanwälte ist, die Millionen verdienen wollen.

Meisterwerk Vermeers:
„Die Malkunst“ gilt als ein Hauptwerk Jan Vermeers (1632–1675). 1804 wurde das Gemälde von Rudolf Czernin angekauft. 1940 verkaufte es Jaromir Czernin an Hitler. 1946 kam es ins KHM. Ein erstes Rückgabeverfahren scheiterte in der Nachkriegszeit. Seit September 2009 fordern die Erben das Bild erneut zurück.

Ausstellungen:
Bis 25.April ist der „Malkunst“ eine Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum gewidmet. Bis 6.Juni läuft Erwin Wurms Ausstellung „Liquid Reality“ im Kunstmuseum Bonn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.