Als Korrespondent der "NZZ" lebt Charles Ritterband seit acht Jahren in Wien. Seine Lieblingsplätze hat er rund um die Mariahilfer Straße gefunden. Hauptsache, sein Hund darf mit.
Mit Charles Ritterband durch Wien zu spazieren hat etwas von einem Hindernislauf. Ständig muss man Menschen ausweichen, die einen Blick auf sein Markenzeichen werfen wollen: Königspudel Samy, der den Österreich-Korrespondenten der „Neuen Zürcher Zeitung“ immer begleitet.
Immerhin, im Café Sperl hat man ein paar ruhige Momente mit Ritterband, während Samy von den Kellnerinnen mit verliebtem Blick gestreichelt wird. Das Sperl, für den Schweizer die idealtypische Verkörperung des Wiener Kaffeehauses – ein Eckcafé mit Windfang, Kassa, Fensternischen, Holzsesseln, Marmortischen und Zeitungen. „Rendezvous im Café Sperl“, ein Chanson von Erika Pluhar – dadurch wurde Ritterband auf das Café in der Gumpendorfer Straße aufmerksam. Dementsprechend führte ihn eine seiner ersten Geschichten als Wien-Korrespondent hierher. Dienstlich verkehrt er ja eher im Landtmann („Bei Treffen mit Politikern liegt das strategisch gut!“), aber heute ist er ja privat da.
Die Gegend um die Mariahilfer Straße kennt er noch aus seiner Kindheit, von den Besuchen bei seinen Großeltern, die in der Stiftgasse15 eine Wohnung hatten. Genau jene Adresse, die auch in Orson Welles' „Der dritte Mann“ als Wohnort von Harry Lime genannt wird – und dementsprechend begegnete man hier immer wieder Filmfans, die vergeblich nach dem Originalschauplatz suchten. Dummerweise zeigte Welles Harry Limes Wohnung im Palais Pallavicini, das in Wirklichkeit in der Innenstadt liegt.
Sogar Ponys haben Titel. Episoden wie diese hat Ritterband in einem Buch beschrieben, in dem er seine Kolumnen und Geschichten über das österreichische Wesen zusammenfasst. Und dabei so manche Eigenheiten verwundert beschreibt. Als er etwa als Kind regelmäßig aus der Wohnung der Großeltern die gegenüberliegende Stiftskaserne beobachtete: „Das Highlight war immer der Einzug der Soldaten mit Pomp und Musik – und ein Pony zog die Pauke.“ Besonders verwunderlich für ihn: „Sogar das Pony hatte einen Titel – ich glaube, es war Gefreiter.“
Erinnerungen an seine Wiener Kindheit verbindet er auch mit dem Hofmobiliendepot. Hier entdeckte er Jahre später einige der Möbel, die einst in der Wohnung seiner Großeltern gestanden waren. „Als meine Großmutter ins Altersheim gehen musste, fand sie für manche der sperrigen Möbel keine Abnehmer.“ Das Hofmobiliendepot holte sie gratis ab – und stellte sie kürzlich sogar aus. Mittlerweile, stellt Ritterband beim Besuch fest, dürften sie aber wieder in einem Lager stehen. Ein bisschen enttäuscht ziehen der Journalist und sein Pudel weiter.
Richtung Burgtheater geht der Spaziergang, denn dort ist er oft und gern. „Das ist schon ein Kaliber“, schwärmt Ritterband, „jeder einzelne Schauspieler ist überragend. Sogar die Nebenrollen.“ Schon als Kind war er oft hier – ein Nachbar der Großeltern, der bei den Bundestheatern arbeitete, hatte sie mit Regiekarten versorgt. „Ein Herr Maier – der banalste Name überhaupt. Aber er war Amtsrat, dann Oberamtsrat und am Ende Regierungsrat.“
Romantischer Volksgarten. Den Abschluss bilden Volks- und der Burggarten. „Das ist die perfekte Vorstellung von Natur in einer gezähmten urbanen Form – aus der Schweiz kannte ich so etwas nicht.“ Besonders die Rosen haben es Ritterband angetan – als romantische Fantasie während ihrer Blüte und wegen ihrer Verhüllung in Säcken während der Wintersaison. „Das einzige Dilemma“, erzählt der 57-Jährige, „ist der Hund.“ Denn eigentlich, so erklärte ihm kürzlich ein Polizist, dürfe er mit Samy gar nicht in den Burggarten. Nicht einmal mit Leine. Und ein Spaziergang ohne Samy? Undenkbar! Darum geht er dann doch lieber in den Prater.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)