Kettenreaktion der Skandale: Kehrseite ohne Medaille

Dopingskandal Kehrseite ohne Medaille
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Der größte Skandal der österreichischen Sportgeschichte wurde von einer amerikanischen Putzfrau ins Rollen gebracht. Sie löste vor acht Jahren eine Kettenreaktion aus.

Am 27.Februar 2002, drei Tage nach Ende der Winterspiele in Salt Lake City, sticht sich eine Putzfrau mit einer Infusionsnadel in den Finger. Die Frau ist gerade dabei, das verlassene Quartier der österreichischen Langläufer in Midway nahe dem Langlaufstadion zu reinigen. Als sie die Müllsäcke entsorgen möchte, spürt sie einen Stich. Sie fürchtet eine Infektion und meldet den Vorfall dem örtlichen Sheriff.

Das ist der Beginn der größten Affäre im österreichischen Sport. Sie handelt von Doping, Korruption, Intrigen, politischen Seilschaften und erbitterten Feindschaften. Diese Geschichte wäre nie geschrieben worden, hätte sich nicht vor mehr als acht Jahren eine Putzfrau zufällig gestochen.

In den Müllsäcken werden Utensilien für Bluttransfusionen gefunden. Bald ist nur noch von der „Blutbeutel-Affäre“ die Rede. Das Internationale Olympische Comité verhängt gegen den österreichischen Biathlon- und Langlauftrainer Walter Mayer einen lebenslangen Ausschluss von den Olympischen Spielen. Auch der Weltskiverband FIS verurteilt die Praktiken des ÖSV-Mannes und sperrt ihn. Mayer ist sich keiner Schuld bewusst. „Wir haben nicht gedopt“, erklärt er. Die Athleten hätten sich lediglich eine kleine Menge Blut abgezapft, dieses mit ultraviolettem Licht bestrahlt und wieder injiziert. Diese Behandlung beuge Schnupfen und Erkältungen vor, heißt es im Österreichischen Skiverband ÖSV. Toni Innauer, der Mayer in den 1990er-Jahren als Trainer geholt hat, bezeichnet Mayers Sperre als „Sauerei“ und spricht von einem „konstruierten Kriminalfall“. In den meisten österreichischen Medien wird diese Ansicht geteilt. Schnell sind die wahren Schuldigen ausgemacht. Sie sitzen im Ausland, im Internationalen Olympischen Comité (IOC), in der Anti-Doping-Agentur Wada. Die kleine österreichische Sportnation schwört sich auf die Opferrolle ein. Als Mayer später gegen seine FIS-Sperre erfolgreich vor Gericht kämpft und der Olympiabann auf zehn Jahre reduziert wird, arbeitet er für den ÖSV weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Am 2.Juli 2003 erhält jedoch nicht Salzburg den Zuschlag für die Winterspiele2010, sondern die kanadische Stadt Vancouver. Ob die Blutbeutel-Affäre der Bewerbung geschadet hat? Die Salzburger setzen auf Zeit. Man wolle einen neuen Anlauf starten, heißt es. Wenn 2007 die Entscheidung für die Spiele 2014 fallen, werde Gras über die Affäre gewachsen sein. Ein Irrtum.


Affäre von Turin.Als am 18.Februar 2006 während der Winterspiele in Turin ein Großaufgebot von Carabinieri das Quartier der österreichischen Biathlon- und Langlaufmannschaft in Pragelato stürmt, sitzt Walter Mayer mit Journalisten und Betreuern in einer Pizzeria bei Turin. Er ist der Grund für die Razzia. Obwohl von den Spielen ausgeschlossen, feiert er im Österreich-Haus und nächtigt bei seinen Athleten. Mayer hat über den Durst getrunken. Als er von der Dopingrazzia erfährt, setzt er sich in ein Auto des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) und flieht. Mayer durchbricht in Kärnten eine Polizeisperre und verursacht einen Unfall. Tage später wird er von Schröcksnadel entlassen.

Die Dopingaffäre von Turin erschüttert nicht nur die Glaubwürdigkeit des ÖSV. Sie gefährdet die Bewerbung Salzburgs für Olympia 2014. ÖOC-Präsident Leo Wallner und sein Generalsekretär Heinz Jungwirth gehen auf Konfrontationskurs zum ÖSV. Sie hoffen, so die mächtigen IOC-Granden gnädig zu stimmen. „Austria is too small to make good doping“, erklärt ein schlecht vorbereiteter Schröcksnadel in einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Turin. Beim ÖOC reibt man sich in Anbetracht des tollpatschigen ÖSV-Krisenmanagements die Hände. Stündlich wird Schröcksnadels Rücktritt erwartet.

Schröcksnadel bleibt. Wallner und Jungwirth unterschätzen sein politisches und wirtschaftliches Netzwerk und vor allem seinen Einfluss auf die österreichischen Medien. Plötzlich stehen sie selbst als Nestbeschmutzer da, die ihre eigenen Landsleute beim IOC angeschwärzt haben sollen.

Die Salzburger Olympiabewerbung läuft aus dem Ruder. Mayer klagt IOC-Chef Jacques Rogge und Wada-Boss Dick Pound, weil sie ihn als Dopingdrahtzieher bezeichnen. Jungwirth erinnert sich an eine Krisensitzung, an der die damaligen ÖVP-Minister Günther Platter und Liese Prokop, Salzburgs Bürgermeister Heinz Schaden und ORF-Informationschef Elmar Oberhauser teilgenommen haben sollen. Es sei beschlossen worden, Walter Mayer zum Schweigen zu bringen. Mit Geld. Mit der heiklen Mission sei der Olympia-Lobbyist Erwin Roth betraut worden. Ob das Geld von knapp 290.000Euro je geflossen ist, ist eines der vielen Rätsel in dieser Geschichte.


Salzburg verliert. Am 4.Juli 2007 zieht Salzburg beim IOC-Kongress in Guatemala-Stadt wieder den Kürzeren. Die Spiele 2014 gehen an Sotschi. „Fünf Stimmen haben gefehlt, und wir hätten das Goldene Ehrenzeichen bekommen“, meint Jungwirth. Stattdessen hagelt es Kritik. Anfang 2008 fehlt bei der Liquidation der Salzburger Winterspiele GmbH eine halbe Million Euro. Die öffentliche Hand muss einspringen. Mitte 2008 stößt der Salzburger Landesrechnungshof auf weitere finanzielle Ungereimtheiten.

Ende 2008 erschüttert auch eine andere Affäre die Sportszene. Radprofi Bernhard Kohl wird des Blutdopings überführt. Ins Gerede kommt das Wiener Blutlabor Humanplasma. Dort soll den Sportlern Blut abgezapft worden sein. Auch Langläufer Christian Hoffmann gerät unter Verdacht. Bei Humanplasma werden ähnliche Blutbeutel verwendet, wie sie in Salt Lake City und Turin sichergestellt worden sind.

Zurück zum ÖOC: Anfang 2009 werden Zeitungsberichte über den angeblich so feudalen Lebensstil Jungwirths lanciert. Luxuswohnung in Wien, Gestüt im Weinviertel. Jungwirth dementiert, fühlt sich verfolgt. Er spricht von Detektiven, die von Schröcksnadel auf ihn angesetzt worden seien.

Im Februar 2009 lässt Wallner seinen engsten Weggefährten fallen. Es wird bekannt, dass Jungwirth eine Familie mit ÖOC-Diensthandys ausgestattet haben soll. „Ich habe kein Vertrauen mehr in ihn“, sagt Wallner. Er drängt Jungwirth zum Rücktritt. Hinter den Kulissen versichert man Jungwirth allerdings einen Posten im Europäischen Olympischen Comité.

Jungwirth geht. Nach 27Jahren im ÖOC nimmt er den Hut. Nach seinem Abgang verschwindet allerdings ein Großteil der Buchhaltung – eine Buchhaltung, die nur auf Papier existiert hat und in dicken Ordnern abgelegt war. Keine elektronische Erfassung.

Trotzdem hat ein unabhängige Untersuchungskommission diese Woche grobe Missstände aufgedeckt. Über ein geheimes Konto wurden Gelder in Millionenhöhe verschoben. Zeichnungsberechtigt für dieses Konto waren Jungwirth und der im September zurückgetretene Leo Wallner. Noch ahnt niemand, wohin diese Geschichte führen wird. Nur irgendwo in Midway bei Salt Lake City lebt eine Frau und ahnt nicht, dass sie diese Geschichte mit einem kleinen Stich ausgelöst hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2010)

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