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Labour, Corbyn und der Antisemitismus

Hinter den Kulissen eines angeblich offenen und dynamischen politischen Projekts lauert ein bestialischer Gestank.

Die drei führenden jüdischen Zeitungen in Großbritannien druckten am 27. Juli denselben beispiellosen Leitartikel ab, „weil eine Jeremy-Corbyn-geführte Regierung eine Existenzbedrohung für Judentum in diesem Land darstellen würde“. Der „Jewish Chronicle“, die „Jewish News“ und der „Jewish Telegraph“ schrieben, Antisemitismus fließe seit 2015 durch die britische Labour-Partei, und es gebe eine unmittelbare Gefahr, dass der nächste britische Premierminister ein Mann mit einer Blindheit gegenüber den Ängsten der jüdischen Gemeinde und keinem Verständnis dafür sein könnte, dass brachiale Anti-Israel-Rhetorik zu Antisemitismus führen könne.

In den letzten Tagen und Wochen kam die Auseinandersetzung über den Antisemitismus zwischen dem linken Oppositionschef und den britischen jüdischen Gemeinden wieder in Fahrt. Corbyn und seine Parteigenossen verabschiedeten am 17. Juli eine neue Definition von Antisemitismus, die von der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance abwich. Es ist laut diesen neuen Regeln nicht antisemitisch, die Existenz des Staates Israel als ein rassistisches Projekt zu bezeichnen oder die heutige israelische Politik mit der der Nazis zu vergleichen.

 

NS-Verbrechen verharmlost

Diese abgemilderte Definition begünstigt (neben anderen Labour-Parteimitgliedern) den Parteivorsitzenden. Am Holocaust-Gedenktag 2010 richtete Corbyn eine Veranstaltung im Parlament aus, die „Never Again – For Anyone“ betitelt wurde, bei der die israelische Regierung mit der der Nazis verglichen wurde.

Im folgenden Jahr unterstützte der Hinterbänkler einen Antrag, den Holocaust-Gedenktag in „Genocide Memorial Day – Never Again for Anyone“ umzubenennen. Nur eine Person mit Interesse am Verharmlosen und Leugnen des ungeheuren Leidens der Juden während des Zweiten Weltkriegs könnte diese Änderung gutheißen.

In einer geschichtslosen Rede hat Corbyn 2010 die Situation in Gaza mit den Belagerungen von Leningrad und Stalingrad gleichgesetzt. 2012 trat er im iranischen Propaganda-Fernsehsender Press TV auf und sagte, Israel habe die Verantwortung für einen Terrorangriff gegen die ägyptische Polizei getragen. „In wessen Interessen ist es, die neue Regierung in Ägypten zu destabilisieren? In wessen Interesse ist es, Ägypter zu töten, außer in Israels?“, fragte der Verschwörungstheoretiker.

Der verurteilte Hamas-Terrorist Abdul Aziz Umar trat in derselben TV-Sendung mit dem Labour-Parteichef auf. Umar wurde 2003 für seine Rolle in einem Selbstmordanschlag in Jerusalem mit sieben Todesopfern in Israel zu sieben Mal lebenslänglich verurteilt, aber er wurde wegen eines Gefangenenaustauschs aus dem Gefängnis entlassen. „Es freut mich, dass [sie] entlassen wurden“, sagte Corbyn, der die Terroristen als „Brüder“ bezeichnete. Während einer Veranstaltung im Parlament bezeichnete er 2009 Hamas und Hisbollah auch als „Freunde“.

 

Corbyn kein Heiland

„Politico“ berichtet, dass Linksparteien in Europa glauben, sie können von der Labour-Partei lernen: ihre klare linke Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Herausbildung einer neuen jungen politischen Basisbewegung und das Wachstum der Parteimitgliedschaften. Aber Corbyn ist kein Heiland, der infolge einer unbefleckten Empfängnis geboren wurde. Hinter den Kulissen seines angeblich offenen und dynamischen politischen Projekts lauert etwas viel Dunkleres – ein bestialischer Gestank, der auf eine Fäulnis in der Partei hindeutet: Antisemitismus.

Liam Hoare (geboren 1989 in Crawley, Großbritannien) studierte Geschichte an der School of Slavonic and East European Studies des University College London. Er arbeitet als freier Journalist und lebt seit 2017 in Wien. Er ist Europe Editor des „Moment Magazine“ und schreibt über Politik und Literatur für britische und amerikanische jüdische Publikationen.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2018)