Donau-Festwochen

Ein Tinder-Date mit Meister Händel und den Royals

Selten hat eine solche Zeitversetzung so viel spontanes Vergnügen bereitet – und selten konnte ein sichtbarer technischer Aufwand so für die Sache einnehmen.
Selten hat eine solche Zeitversetzung so viel spontanes Vergnügen bereitet – und selten konnte ein sichtbarer technischer Aufwand so für die Sache einnehmen.(c) Kobie van Rensburg

Kritik Händels "Atalanta", bei den Festspielen auf Schloss Greinburg in ein virtuelles Bühnenbild getaucht: viel Technik und ein Transfer in heutige Umgangssprache im gelungenen Einsatz für Charme, Witz, Herz - und ein fulminant besetztes Liebespaar.

Arcadia.com: Was als Bildschirmschoner vor Beginn über die große Leinwand flimmert, ist nicht etwa die Werbung eines neuen Sponsors der Donau-Festwochen im Strudengau, sondern bereits der zentrale Kniff des Regisseurs Kobie van Rensburg bei seiner Inszenierung von Händels „Atalanta“.

Aus dem mythischen Arkadien wurde eine Dating-Website mit Luxusresort, wo sich Singles unter Nicknames treffen, in diesem Fall sogar echte Royals. 1736 als Festoper zur Vermählung des Prince of Wales entstanden und beim bürgerlichen Publikum sehr erfolgreich, spielt das „Dramma per musica“ im Rittersaal von Schloss Greinburg also nun in der Gegenwart.

Selten hat eine solche Zeitversetzung so viel spontanes Vergnügen bereitet – und selten konnte ein sichtbarer technischer Aufwand so für die Sache einnehmen.

Zu beiden Seiten der Bühne werden die Darsteller vor Bluescreens gefilmt, ihre Aktionen in Echtzeit in ein virtuelles, animiertes Bühnenbild eingesetzt und beides zusammen auf die zentrale Kinoleinwand projiziert: So entsteht die Operninszenierung gleichsam als Film vor den Augen des Publikums, das die realen Sänger im Augenwinkel behalten kann, währen diese in Großaufnahme im futuristischen Urlaubsparadies agieren, Golfcart und Motorrad fahren, statt des Ebers des Librettos einen weißen Hai unter Wasser jagen oder zuletzt als Götterbote mit Engelsflügeln flattern – alles unter Komödienvorzeichen, versteht sich.

Die Untertitel, Übersetzung in doppeltem Sinne, begnügen sich nicht damit, die metapherngeschwängerte Bühnensprache des Originals einzudeutschen, sondern erzählen den Dialogsinn in moderner Umgangssprache ironisierend nach – vom Blumigen schnurstracks zum Unverblümten: Am bündigen „Friede! Freude! Eierkuchen!“ für ein Ensemble heiterer Eintracht darf man sich nicht stoßen. Hightech und passende textliche Angleichung gewinnen dem Stück einen Unterhaltungsfaktor zurück, den das Original einst wohl besaß, der aber durch die historische Distanz verblasst ist.

 

Amelie Müllers königlicher Sopran

Die Hauptrollen sind großartig besetzt. Besonders prunkt Amelie Müller in der Kastratenpartie des Meleagro: Ihr klanglich fülliger, aber tadellos agiler Sopran betört mit außergewöhnlich sinnlicher, modulationsfähiger Strahlkraft. Eine wahrhaft königliche Stimme, die in der Prinzessin Atalanta von Silvia Frigato ihr Pendant findet – freilich zarter, keuscher, fragiler, instrumentaler. Im optischen und musikalischen Zusammenklang ein Traumpaar. Maria Weiss und Christian Zenker geben Irene und Aminta, das „kleine“, gern zankende Paar, das dem großen in die amouröse Quere kommt; Reinhard Mayr interessiert sich als Hotelier Nicandro nicht für die Verwicklungen und erteilt schließlich als Mercurio den Segen der Olympier.

Bei Intendantin Michi Gaigg und ihrem L'Orfeo-Barockorchester ist die wechselweise gefühlvolle, lautmalerische und brillante Grundierung der Arien in gewohnt sensiblen Händen. Das Fehlen von Trompeten und Pauken gleicht das wandlungsfähige Ensemble mit perkussiv gespieltem Continuo souverän aus: Standing Ovations.

Reprisen: 10., 11. und 12. 8. www.donau-festwochen.at