Das Gesellschaftssystem Sport verliert durch Gier und Größenwahnsinn zusehend seinen Charme.
Anton Innauer beschreibt in seinem neuen Buch „Am Puls des Erfolges“, wie Hans-Georg Aschenbach 1976 während der Pressekonferenz nach seinem Olympiasieg im Skispringen die Coca-Cola-Flaschen vom Tisch räumte. Der DDR-Athlet wollte sich nicht vom Kapitalismus, seinen Insignien und Profiteuren korrumpieren lassen. Zwölf Jahre später setzte sich Aschenbach, mittlerweile Teamarzt der DDR-Skispringermannschaft, während eines Trainingslagers in Hinterzarten in den Westen ab. Er erzählte dort vom flächendeckenden Dopingsystem in der DDR, und er gestand, selber gedopt zu haben.
Der Skispringertrainer Anton Innauer hat vor wenigen Tagen seinen Platz in der Siegermaschine ÖSV geräumt. Deren Piloten räumen die Red-Bull-Dosen nicht nur nicht weg, um die Kinder zu schützen, nein, sie tragen das Logo auf dem Kopf. Und es ist zu befürchten, auch im Herzen. Aschenbachs (gesellschaftskritische) Auseinandersetzung um die Folgen von Erfolg und Misserfolg ist zum Strampeln nach mehr-Wert-für-mich verkommen. Schlierenzauer hat im Unterschied zu Aschenbach noch keinen Olympiasieg aus eigener Kraft geschafft. Aber er redet ununterbrochen davon, wie er eine „Legende“ wird.
Innauers „Sport“ mutierte dank der Medien und dem mit ihnen injizierten Kapital zur weltweit heißesten Amüsiermaschine. Sie muss ständig mehr Energy drinken, um das Publikum auf high zu halten. Sieg oder Niederlage ist nicht mehr, heute gibt es nur mehr Triumph oder Schande.
Die steigende Geschwindigkeit wirkt sich nicht nur auf die Sportidole, sondern auch auf den Freizeitsportler und dessen Lebensumstände verheerend aus. Die Pisten in Hermann Maiers Skiheimat Flachau sind in der Früh eine pickelharte, total glatt gehobelte Schneebeton-Autobahn, am März-Nachmittag Kunstschneematsch.
Der Anblick der vergewaltigten Hänge macht allein schon aggressiv, dazu die von jeder Hütte und Terrasse dröhnende Idiotenmusik, die geheizten Sesselliftsitze, Rolltreppen in riesigen Liftbunkern führen zu den Sechser-Achter-Zehner-Sessellifte-Gondeln. Jeder Wappler rast zu Tal wie ein Möchtegern-Maier. Was soll man denn sonst auch machen auf einer Autobahn, wenn kein Mugel, keine Unebenheit den Menschen koordinativ fordert? Klar sind die Tempobolzer gefährlich, Unfälle, Kollisionen und Verletzungen nehmen zu.
Also, was tun? Nachdenken, naturnahe Vielfalt zulassen, Maschinen abbauen, die Schnee herstellen und plätten?
Aber geh, wir verkaufen lieber Accessoires und benutzen die Sportler zur Pseudo-Sinn-Stiftung! Benni Raich und Marlies Schild werben auf der Piste namens ihres Sponsors Uniqa-Versicherung: „Profis fahren mit Helm und Rückenschutz.“ Aufrüsten statt Umdenken!
Wenn Hermann Maier wirklich was für seinen geliebten Skisport tun will, dann sollte er sich einmal in der Früh auf seine (übrigens ziemlich fade) Weltcup-Strecke stellen, um sich schauen und fragen: In dieser Kunstschnee-Einöde skifahren soll Kindern Freude machen?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2010)