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Kritik: Vestibül: Das Gebet um ewige Jugend

Markus Meyer brilliert als Dorian Gray im Oscar-Wilde-Klassiker.

Dunkel ist es auf der Nebenbühne des Burgtheaters, das zwar kein Kellertheater ist, aber ebensolches Flair versprüht. Plötzlich fällt ein Mann von dem aufgebauten Stahlgerüst, bleibt in ein Tuch gehüllt reglos am Boden liegen. Währenddessen springt einer der Videoschirme an, die am Gerüst montiert sind, ein Mann beginnt zu sprechen. Ein zweiter Schirm geht an, ein anderer Mann beginnt zu sprechen. Das geht so weiter bis alle 15 Bildschirme aktiv sind, alle Protagonisten reden – über einen: Dorian Gray (Markus Meyer).

Dieser wacht plötzlich auf: Im schwarzen Anzug mit golden bemaltem Gesicht beginnt Meyer mit seinen Freunden im Fernsehen zu reden. Dabei klettert er auf dem Gerüst herum, gelenkig wie ein Akrobat, windet sich durch die Stahlrohre, verliert auch in den halsbrecherischsten Positionen den Faden nicht. Der Einfall (Regie: Bastian Kraft), den realen Darsteller mit den Filmzuschnitten kommunizieren zu lassen, ist einfach, aber genial: Er sorgt für Kurzweile und wird vor allem den beengten Platzverhältnissen gerecht. Manchmal wird auch zurückgespult, um einzelnen Episoden mehr Nachdruck zu verleihen.


Lehrstück, Schauergeschichte

So spricht Dorian also mit sich selbst, mit Basil, dem Maler, und Henry, dem Dandy. Es geht um das Bild, das Basil von Dorian angefertigt hat – und auf das der schöne Dorian eifersüchtig ist, weil es im Gegensatz zu ihm niemals altert. Basil bietet an, es zu zerstören, doch Dorian hindert ihn daran.

Der Wunsch, mit seinem Porträt zu tauschen, geht auf magische Weise in Erfüllung: Dorian altert von diesem Tag an nicht mehr und wird so auf der Höhe seiner jugendlichen Schönheit zu einem lebendigen Bild, während das Porträt vom fortschreitenden Leben immer tiefer gezeichnet wird. Die erste tiefe Narbe erhält es, als Dorian seine Verlobte, die Schauspielerin Sybil Vane, schwer enttäuscht, worauf sich diese umbringt. Das Bild wird zu einem „Zauberspiegel“, der ihm seine Seele offenbaren soll, den er daher auf dem Dachboden versteckt. Dorian wird paranoid. Er bereut den Hochmut seines Gebets um ewige Jugend. Er begreift, dass ihn nichts mehr reinwaschen kann, schon gar keine Selbstverleugnung. Es bleibt nur ein Ausweg: der Tod. Dorian Gray ist Wildes einziger Roman, eine „Faust“-Variation unter Betonung des romantischen Doppelgänger-Motivs.

Markus Meyer, 1971 in Cloppenburg geboren, gehört zu den stillen, wandlungsfähigen Könnern des Burgtheaters, wo er seit 2004 fest engagiert ist. Andrea Breth holte ihn für „Die Katze auf dem heißen Blechdach“. Zuletzt glänzte Meyer als bedauernswerter Cassio in Jan Bosses „Othello“-Inszenierung (mit Joachim Meyerhoff).

www.burgtheater.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2010)