Max Kothbauer, Uni-Ratsvorsitzender der Uni Wien und Nationalbank-Vizepräsident, über Zahlscheine für wohlhabende Absolventen, Qualitätsstandards im Studium und seine Forderungen an die Wissenschaftsministerin.
„Die Presse“:Wir sitzen in der Nationalbank, an einem Ihrer beiden Arbeitsplätze. Wie groß ist die Versuchung, angesichts der Finanzlage der Hochschulen, ein bisschen frisches Geld für die Unis zu drucken?
Max Kothbauer:(lacht) Das hat der Gesetzgeber ganz gut gemacht, indem er das von vornherein verboten hat. Aber man kann ja auch auf andere Weise zu Geld kommen.
Und wie?
Kothbauer: Die Unis bekommen gar nicht so wenig Geld. Das Problem ist, dass wir im Verhältnis zu den wachsenden Studienzahlen zu wenig bekommen. Die Unis werden in Europa vornehmlich durch den Staat finanziert, wir haben keine reichen Mäzene, die wie in den USA einfach 50 Millionen Dollar geben. Wir müssen auf den Staat bauen. Und dessen Leistung liegt weit unter jenen zwei Prozent des BIP, die wir haben sollten.
Zwei Prozent sind kein sonderlich ambitioniertes Ziel.
Kothbauer: Ich persönlich bin sogar bescheidener. Wenn alle Unis gemeinsam für Lehre, Forschung und Infrastruktur je 100 Millionen zusätzlich bekämen, wäre uns enorm geholfen. Ich sitze hier in einer Bank; ich will ja nichts sagen, aber das sind nicht so große Beträge. Man kann mit wenigen Millionen einiges erreichen. Etwa mit dem Geld aus der Notfallreserve, das wir zum Teil ins überlaufene Publizistikstudium investiert haben. Das ist eines der Fächer, die weder Staat noch Gemeinschaft so finanzieren können, dass wirklich alle, die das vielleicht gerade wollen, studieren können. Aber wir können die Zahl der Studienplätze auf ein vertretbares Maß anheben.
Um Zugangsbeschränkungen wird man also nicht umhinkommen.
Kothbauer: Wenn Wissenschaftsministerin Karl sagt, ihr Ansatz sei, flächendeckend Beschränkungen einzuführen, dann verstehe ich das nicht. Das kann nicht das wissenschaftspolitische Credo einer jungen, gescheiten Frau sein. Ich sehe mich mit einer Ministerin konfrontiert, die nur über den Zugang redet, obwohl sie das Gesetz zur Studieneingangsphase, in die jeder hineindarf, als Parlamentarierin selbst beschlossen hat. Wir haben den „Notfallparagrafen“, mehr benötigen wir nicht. Im Gesetz steht: Wer die Eingangsphase schafft, darf studieren. Eines ist da jedenfalls unzulässig: Dass das Ministerium in der Leistungsbilanz mit der WU dramatische Zugangsbeschränkungen begrüßt und andere Unis zwingen will, auch Anträge zu stellen.
Die Studienplatzfinanzierung, die die Unis fordern, ist nur mit Zugangsregelung finanzierbar.
Kothbauer: Ich bin ein glühender Anhänger der Studienplatzfinanzierung. Viele fürchten eine Ökonomisierung, aber das ist unbegründet. Eine Uni sollte wissen, was Forschung und Lehre kosten. Das wäre ein Ansporn für die Unis, weil sie Benchmarks hätten. Und zur Politik könnten wir sagen: „Ihr wollt, dass wir soundso viele Studenten ausbilden. Bitte sehr, so viel kostet es.“
Haben Sie Verständnis für den Protest der Studierenden?
Kothbauer: Zum Teil. Wenn man an der Uni arbeitet, dann ergibt man sich seinem Schicksal. Wir haben immer versucht, mit dem wenigen Geld über die Runden zu kommen. Das Aufrütteln, dass das so nicht mehr geht, war wichtig.
Wo konkret sehen Sie an der Uni Wien Verbesserungsbedarf?
Kothbauer: Wenn Studenten keinen Seminarplatz bekommen, ist das unerträglich. Auch bei Bachelorstudien hat die Uni zu viele Freifächer gestrichen. Die Forderung der Protestbewegung geht ins andere Extrem. So zu tun, als könne man ein Qualitätsstudium machen, und jeder sucht sich frei aus, wann und ob er Seminare besucht, ist illusorisch. Die Uni muss sagen: „Du musst bestimmte Voraussetzungen mitbringen. Wenn dir das nicht gefällt, dann geh woanders hin.“ Seien wir ehrlich: Es gibt zu viele, die zunächst Publizistik oder Psychologie inskribieren, ohne wirklich zu wissen, was sie da vorhaben.
Viele Studenten würden gern den Uni-Rat abschaffen. Können Sie ihnen erklären, was gut am unternehmerischen Uni-Konzept ist?
Kothbauer: Ich verwahre mich dagegen, dass unser Uni-Rat etwas mit dem unternehmerischen Konzept zu tun hat. Wir haben an der Uni Wien vier Wissenschaftler im Gremium. Wenn Sie denen sagen, sie seien Vertreter eines Wirtschaftsdenkens, werden die unruhig. Wir brauchen den Uni-Rat als Kontrollorgan eines starken Rektorats, als eine Art Resonanzkörper. Vor der UG-Reform 2002 hat das Ministerium alles politisch entschieden.
Auch Uni-Räte haben politische Interessen.
Kothbauer: Nicht in dieser Funktion.
Sie wollen sagen, dass etwa Oberösterreichs Raiffeisen-Chef Ludwig Scharinger, der dem Rat der Linzer Johannes Kepler Uni vorsitzt, keine politischen Interessen vertritt?
Kothbauer: Natürlich kann ein Uni-Rat so oder so zusammengestellt sein. Viele Unis haben sich für Vertreter des Landes oder große Wirtschaftstreibende entschieden, weil man sich Erfahrung und Unterstützung erhofft. Das ist ja okay.
Die universitäre Demokratie wurde durch das Uni-Gesetz 2002 stark eingeschränkt. War das richtig?
Kothbauer: Viele haben gelitten. Ich persönlich halte die Mitarbeit von Mittelbau, Professoren, Studenten für wichtig. Eine so komplexe Organisation kann nicht zentral geführt werden. Entscheiden müssen letztlich jene, die im Gesetz vorgesehen und der Uni sowie der Öffentlichkeit verantwortlich sind.
Bräuchten unsere heimischen Unis private Mäzene?
Kothbauer: Das hat keine Tradition. In den USA ist es eine Ehre, seiner Uni etwas zurückzugeben, wenn man Erfolg im Leben hat. Darum bekommt jeder einen Zahlschein. Wer nicht zahlt, ist ein Außenseiter.
Würden Sie zahlen, wenn die Uni Wien Ihnen jährlich einen Zahlschein schickte?
Kothbauer: Wenn ich jetzt Ja sage, was ich tun muss, dann klingt das schleimig, oder? Sagen wir so: Der Kontakt zu Alumni gehört verbessert, daran arbeiten wir. Wen wir ins Boot holen müssen, sind die wirklich Wohlhabenden. Die könnten sich ein Denkmal setzen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2010)