In Litschau feiert ab Freitag ein neues Festival Premiere. Gründer Zeno Stanek tauscht Ruhe gegen den Rausch, den Künstler und Publikum erleben.
Wenn Zeno Stanek über Litschau redet, gerät er ins Schwärmen: die Seen, die Fahrradrouten, die Wälder voller Schwammerln und Brombeeren, die er mit seinem sechsjährigen Sohn gern durchstreift („Wenn man in den Wald geht, kommt man satt heim.“). Zu derlei Unternehmungen kommt der 47-Jährige dieser Tage freilich seltener. Heute, Freitag, startet in dem Städtchen an der Grenze zu Tschechien sein neues Theaterfestival Hin & Weg. Sozusagen ein Spin-off des Schrammelklangfestivals, das er seit zwölf Jahren dort organisiert.
„Das Besondere am Schrammelklang war, dass Theaterleute ein Musikfestival machen“, sagt Stanek. „Jetzt machen Theaterleute wieder ein Theaterfestival.“ Und zwar durchaus im strengen Sinn. „Alle Stücke, die wir präsentieren, sind dezidiert für das Theater geschrieben worden.“
Das allerdings in unterschiedlichen Formen: Von Theaterinszenierungen über szenische Lesungen und diverse Diskussionen bis zu Hörspielen („Das ist sozusagen die Einstiegsdroge für viele Dramatiker“) reicht die Palette.
Statt nebenbei beim Autofahren oder beim Bügeln hört man Letztere in Litschau gemeinsam, in voller Länge und an Orten, die irgendeinen Bezug zum Stück haben: „March Movie“ im Wald, „Kein Platz für Idioten“ in einem kleinen Stadl, „Outside Inn“ in der Garage des Dachdeckers. Ebenfalls außerhalb des klassischen Theatersettings finden die Küchenlesungen statt („Die sind etwas ganz Feines“). In privaten Küchen von Litschauern, die ein Menü kochen, lesen Theaterpersönlichkeiten ihr Lieblingsstück. Welches, wissen die Gäste vorab nicht. Sie wissen bestenfalls, wer liest, etwa Katharina Stemberger oder Joesi Prokopetz. „Das ist wie ein Theater-Blind-Date.“
Die Künstler nehmen den Ort ein
In der Stadt Menschen zu finden, die ihre Türen für solche Formate öffnen, sei recht einfach gewesen, sagt Stanek. Auch, weil er mit Litschau eine lange Geschichte hat, inklusive Wohnsitz im früheren Brauhaus. Mit einigen Freunden habe er vor 25 Jahren begonnen, dort Theater zu spielen. „Wir haben ganze Sommer dort verbracht“, erzählt er. „Schöne, arbeitsintensive, lehrreiche Sommer.“ 2007 entstand daraus das Schrammelklangfestival, im Jahr 2009 wurde das Herrenseetheater eröffnet. Und nun startet, unter anderem natürlich auch in dem Theater, eben das neue Festival, mit insgesamt rund 115 Programmpunkten, 180 Künstlern und erhofften 400 bis 600 Besuchern pro Tag. „Wir haben gesehen, dass wir an der Peripherie ein kreatives und spannendes Klima schaffen können“, erklärt Stanek den Reiz des Waldviertels. „Die Künstler nehmen den Ort ein. Und sie erleben zusammen mit dem Publikum eine Art Rausch.“
Manchmal passiert da auch Unerwartetes. Beim Schrammelklangfestival etwa kann es durchaus vorkommen, dass Ernst Molden und Walther Soyka spontan Willi Resetarits auf die Bühne holen, der eigentlich erst später dran ist. Musik gibt es spätabends übrigens auch bei Hin & Weg. Nicht nur, weil Molden einer der Schirmherren des Festivals ist. „Singer-Songwriter sind sozusagen die Geschichtenerzähler der Musik, das hat auch eine Art von dramatischer Form.“
„Die echten Freaks können schon den ganzen Tag im Einsatz sein“, sagt Stanek zu dem dichten Programm, das an den Samstagen von 11 bis 23.30 Uhr geht. Aber das Schöne an Litschau sei, dass man zwischendurch auch Luft holen könne. „Ich vergleiche es ganz gern mit dem Forum Alpbach.“ Wenn man da eine Pause brauche, besteige man zwischendurch einen Berg. In Litschau geht man Schwammerln suchen oder macht eine kleine Radtour über die Grenze. „Oder man geht kurz in den Wald“, sagt Stanek. „Wenn dort nicht gerade ein Hörspiel stattfindet. Aber dann muss man eben in die andere Richtung gehen.“
Zur Person
Zeno Stanek (47) ist künstlerischer Leiter des Theaterfestivals „Hin & Weg“ in Litschau (Waldviertel). Ebendort gründete er 2007 schon das Schrammel.Klang.Festival, seit 2013 ist er außerdem Intendant der Festspiele Stockerau.
„Hin & Weg“ läuft von 10. August bis 19. August. Insgesamt gibt es in dieser Zeit rund 115 Veranstaltungen, Theateraufführungen, Autorenlesungen, Diskussionen und Singer-Songwriter-Konzerte. Infos: hinundweg.jetzt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2018)