Wenn es beim Nachbarn brennt, sollte uns das nicht kaltlassen

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An der türkischen Krise ist vor allem der autokratische Präsident Erdoğan schuld. Dennoch ist ein Kollaps der Türkei absolut nicht in Europas Interesse.

Es gibt wohl kaum einen Staatsmann, der ob seines Verhaltens in den vergangenen Jahren so kritikwürdig war, wie der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan. So hat sich der einstige Reformer schon seit den Gezi-Park-Protesten 2013 darangemacht, die Türkei zu einer Autokratie umzubauen. Eine Entwicklung, die er nach dem Putschversuch im Jahr 2016 noch beschleunigte. Heute werden politisch nicht genehme Personen eingesperrt oder mit Berufsverbot belegt. Für Kritik aus dem Ausland hat Erdoğan dabei nur Spott und nationalistische Parolen übrig.

Aber auch wirtschaftspolitisch wurden viele Fehler gemacht. So zeigten sich Investoren zunehmend verunsichert, weshalb die Türkische Lira schon seit Längerem im Sinkflug unterwegs ist. In solchen Fällen muss die Notenbank einschreiten und die Zinsen erhöhen. Auch das wurde von Erdoğan verhindert – mit Argumenten, die Ökonomen nur die Köpfe schütteln ließen. So erklärte er allen Ernstes, dass hohe Zinsen die Inflation weiter steigern würden. Eine Aussage, mit der erwiesene ökonomische Gesetze einfach negiert werden. Das ist, als ob jemand erklärte, die Schwerkraft ziehe einen Apfel vom Boden zum Baum hoch. Es ist also kein Wunder, dass dieser Apfel Erdoğan nun mit voller Wucht auf den Kopf fällt.

Was die Türkei erntet, hat Erdoğan gesät. Dass die Krise nun von den USA verschärft wird, hat er sich ebenfalls selbst zuzuschreiben. Einen US-Bürger de facto als Geisel zu nehmen, um die Auslieferung von Fethullah Gülen zu erzwingen, hätten sich auch andere US-Präsidenten nicht bieten lassen. Dass Donald Trump nicht mit Diplomatie, sondern dem Twitter-Holzhammer reagiert, sollte nicht überraschen. Es sind solche öffentlichen Machtdemonstrationen und Phallus-Vergleiche, die der Mann im Weißen Haus mit den Autokraten dieser Welt gerne durchführt („Mein Atomwaffenknopf ist größer und mächtiger“). Und im Fall Erdoğan gewinnt er eindeutig.

Dass das System Erdoğan nun mit Volldampf gegen die Wand fährt, dürfte den einen oder anderen zur Schadenfreude verleiten. Doch Schadenfreude ist – wie so oft im Leben – auch hier eine gefährliche Sache. Kommt es in der Türkei zu einem unkontrollierten wirtschaftlichen Kollaps, wären die Folgen auch in Europa zu spüren. So ist das Land nach den USA, China, der Schweiz und Russland der fünftwichtigste Handelspartner der EU. Exporte von fast 85 Milliarden Euro wurden aus Europa im vergangenen Jahr an den Bosporus geliefert. Ein deutlicher Einbruch dieser Nachfrage wäre auch in den Auftragsbüchern heimischer Maschinenbauer zu spüren.

Noch gefährlicher wäre jedoch, wenn türkische Firmen und Banken ihre Kredite nicht mehr bezahlen könnten, die sie bei europäischen Instituten aufgenommen haben. Über 140 Milliarden Euro haben Banken – vornehmlich aus Spanien, Italien und Frankreich – dort im Feuer. Ein großflächiger Ausfall wäre eine ordentliche Belastungsprobe für das europäische Bankensystem, das vielfach erst vor Kurzem die letzten Wunden aus der Eurokrise verarztet hat.

Darüber hinaus könnte ein wirtschaftlicher Kollaps auch die politische Situation in der Türkei durcheinanderwirbeln. Nun wäre ein Machtverlust für die autokratische AKP grundsätzlich nichts, worüber man in Europa in Tränen ausbrechen sollte. Ein plötzliches Machtvakuum könnte aber in wichtigen Bereichen – Stichwort Flüchtlingsabkommen – neue Probleme hervorrufen.

Eine baldige Stabilisierung der Lage in der Türkei ist also auch im Interesse Europas. Verantwortlich für diese Stabilisierung ist allerdings zuerst einmal der Hauptverursacher: Recep Tayyip Erdoğan. Nur wenn er die politische Kontrolle über die türkische Zentralbank aufgibt, kann diese mit einer kräftigen Zinserhöhung das Vertrauen auf den Märkten zurückgewinnen – wenn auch wohl zum Preis einer Rezession.

Darüber hinaus dürfte das Land auch Hilfen des Internationalen Währungsfonds benötigen. Hier gibt es bereits die Sorge, dass Trump erneut gegen die Türkei querschießen könnte. Europa sollte seinen – wenn auch zuletzt oft ungeliebten – Nachbarn dabei nicht im Regen stehen lassen.

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