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Glyphosat: Bayer-Aktionäre nehmen Reißaus

(c) Bloomberg (Luke MacGregor)
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Der Kauf des US-Saatgutherstellers Monsanto kostete den deutschen Konzern Bayer 63 Mrd. Dollar. Die Rechtsprobleme der jungen Tochter lassen nun den Börsenwert einbrechen.

Wien. Die Aktie des deutschen Pharma- und Agrarchemiekonzerns Bayer kam gestern gehörig ins Trudeln. Um bis zu zwölf Prozent brach das Wertpapier ein und erreichte mit einem Wert von 82,31 Euro den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren. Die Anleger nahmen am Montag in Scharen Reißaus, nachdem ein Geschworenengericht in Kalifornien am vergangenen Freitag die neue Bayer-Tochter Monsanto dazu verurteilt hat, 289 Mio. Dollar (253 Mio. Euro) Schadenersatz an den Amerikaner Dewayne Johnson zahlen zu müssen. Er leidet unter Lymphdrüsenkrebs und macht für seine schwere Erkrankung die Unkrautvernichtungsmittel Round up und RangerPro verantwortlich. Beide enthalten Glyphosat.

Mit den vermeintlich giftigen Produkten war Johnson häufig in Kontakt gekommen. Er war als Platzwart an einer kalifornischen Schule tätig und verwendete beide Fabrikate zur Rasenpflege. Niemals hätte er – so betonte der 46-jährige während des vierwöchigen Prozesses immer wieder – die Unkrautvernichter an der Schule eingesetzt, wenn er nur von dessen katastrophaler Wirkung gewusst hätte. Monsanto hingegen, davon zeigte sich der Schwerstkranke überzeugt, habe die Risiken genau gekannt, diese aber, bewusst und mit Vorsatz verschwiegen.

 

Gibt es einen Zusammenhang?

Die Bayer-Tochter hat während des Verfahrens alles daran gesetzt, diesen Vorwurf zu entkräften, und zwar mit einem Argument: Weder Roundup noch andere seiner glyphosathältigen Erzeugnisse würden Erkrankungen wie ein „Non-Hodgin-Lymphom“ verursachen. Ein Risiko, das es gar nicht gibt, könne man auch nicht verschweigen. Um diesen Standpunkt zu untermauern, legten die Anwälte des Chemiekonzerns über 800 wissenschaftliche Studien vor, welche die Unbedenklichkeit von Glyphosat bescheinigten. Tatsächlich sind die Behörden, die Glyphosat als nicht krebserregend einstufen, zahlreich: Etwa die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), die US-amerikanische Umweltbehörde (EPA), die australische und die kanadische Bewertungsbehörde sowie die neuseeländische Umweltbehörde und die japanische Food Safety Commission. Die International Agency for Research on Cancer (IACR), die zu der Weltgesundheitsorganisation WHO gehört, kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ ist.

Die Meinungen der Experten bei der Einschätzung dieses Herbizids sind also äußerst divers. Doch die Mitglieder des Schwurgerichts hatten keinerlei Zweifel: Sie waren einstimmig von der krebserregenden Wirkung von Glyphosat überzeugt und sich auch sicher, dass Monsanto wider besseren Wissens das Risiko verschwiegen hat. Wohlgemerkt: Nach dem gefällten Urteil steht nicht fest, dass Monsanto die 289 Mio. Dollar tatsächlich zahlen muss. Der Saatguthersteller wird gegen das Urteil Berufung einlegen. In der zweiten Instanz kann die Strafe gemindert oder sogar zur Gänze aufgehoben werden.

Doch an dieses Szenario dürften die Bayer-Aktionäre nicht so recht glauben. Eines wissen sie aber: Nicht nur Dewayne Johnson hat sich entschieden, Monsanto zu klagen. Es gibt bereits 4000 andere Menschen, vornehmlich Landwirte, Gärtner, aber auch Private, die dasselbe getan haben. All ihre Klagen wurden zu einer Sammelklage gebündelt und erst im Juli vor Gericht zugelassen. Zwar war sich der zuständige Richter Vince Chhabria selbst nicht sicher, ob Glyphosat Krebs verursacht, aber er fand, dass „die Kläger die Chance auf einen Prozess verdient hätten“. Nach dem aktuellen Urteil sind sie siegessicherer denn je zuvor.

 

EU bleibt bei ihrer Linie

Wie reagiert die EU auf das brisante Urteil? Die EU-Kommission verwies gestern auf die Entscheidung von Dezember 2017, das Mittel weitere fünf Jahre am Markt zu belassen. Ob die einzelnen Mitgliedstaaten für die Nutzung Lizenzen erteilt, liege in ihrem eigenen Ermessen, hieß es aus Brüssel. In Österreich zählt Glyphosat zu den zugelassenen Herbiziden. Ende 2018 wird die Zulassungsentscheidung neu bewertet. (hec)

Auf einem Blick

Der Chemiekonzern Bayer schloss im Juni die Übernahme von Monsanto ab. Durch die Übernahme im Umfang von 63 Milliarden Dollar will Bayer zum weltgrößten Anbieter von Pestiziden und Saatgut aufsteigen. Der deutsche Dax-Konzern will Monsanto auch in die eigenen Strukturen integrieren, sobald es die Auflagen des US-Justizministeriums erfüllt hat. Dafür muss es sein eigenes Saatgutgeschäft an den Konkurrenten BASF abgeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2018)