Innsbrucker Festwochen: Stimmakrobatik im alten Karthago

(c) Innsbrucker Festwochen/ Rupert Larl
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Begeisterung für Mercadantes „Didone abbandonata“ unter De Marchi, inszeniert von Jürgen Flimm: unerschrockene Sänger in düsterer Szenerie.

Abreisen sind immer überstürzt“, stellte einst die Tante Jolesch fest. Sie hat „Didone abbandonata“ nicht gekannt. In der Vertonung durch Saverio Mercadante will Enea (Äneas) nahezu zwei Akte und drei Stunden lang Karthago und damit seine Geliebte, Königin Didone (Dido), endlich verlassen, um dem göttlichen Auftrag nachzukommen und das römische Weltreich zu begründen – aber ständig kommt eine neue Verwicklung zur ohnehin schon unangenehmen Ausgangslage hinzu. Immerhin ist auch der Höfling Osmida in Didone verliebt, und Selene, deren kleine Schwester, in Enea. Dann taucht zu allem Überfluss noch der Maurenfürst Jarba auf – an der Spitze einer Armee und mit der Parole „Krieg oder Hochzeit“. Er wäre als Gatte die schlechtestmögliche zweite Wahl für Didone, und so endet denn alles in Flammen und Tod . . .

Als Mercadante 1823 am Teatro Regio in Turin mit „Didone abbandonata“ einen großen Erfolg feiern konnte, war Pietro Metastasios Libretto schon hundert Jahre alt – und mit über 60 Vertonungen eines der beliebtesten des „Poeta Cesareo“. Allerdings wurden die Texte immer wieder dem Zeitgeschmack angepasst, in diesem Fall durch Andrea Leone Tottola, der die starre Arienabfolge der Opera seria durch Duette, Ensembles und Chöre aufgelockert hat.

Vergessene Opern werden in Innsbruck niemals überstürzt, sondern mit Überzeugung ausgewählt. Intendant und Dirigent Alessandro De Marchi stellt mit diesem Opus quasi den End- und Wendepunkt der neapolitanischen Opernschule neu zur Diskussion – freilich aus ihren musikalischen Wurzeln her verstanden, also: in historischer Aufführungspraxis. Schon die Ouvertüre beginnt furios, danach breitet sich eine chromatisch angereicherte Hornmelodie aus, die heikle gestopfte Töne auf dem Naturtoninstrument verlangt – und im Allegro steigert sich ein „Crescendo Rossiniano“ zu lautem Trubel. Die Academia Montis Regalis verbindet Kantabilität und Biss, Sentiment und Effekt: Mercadante, das bestätigt diese Wiederbegegnung, ist das Missing Link zwischen dem Belcanto Rossinis und der frühromantischen italienischen Oper Donizettis und Bellinis.

Verzierungen wie anno 1823

Aber ist die Verbindung zwischen diesen musikhistorischen Gipfeln eine hohe Passstraße oder führt sie doch durch eine Talsohle? Darauf fällt die Antwort schon schwerer. Sicher ist, dass die Sache für die Sänger alles andere als ein Spaziergang ist, im Gegenteil: Sie sind auf Schritt und Tritt vom Absturz bedroht. Mercadante hat die virtuosen Ansprüche enorm in die Höhe geschraubt, und das auch im wörtlichen Sinne. Das gilt nicht zuletzt deshalb, weil De Marchi auch einen historischen Klavierauszug zu Rate gezogen hat, in dem jene Kadenzen und Verzierungen festgehalten wurden, mit denen anno dazumal die Gesangsstars das Publikum begeistert hatten. Im Falle der Titelpartie mit ihren lyrischen, verzierten und dramatischen Anforderungen wäre dafür gar eine Maria Callas in ihren besten Jahren nötig. Aber Viktorija Miškūnaité lackiert sich gleich zu Beginn, ungeachtet des Faltenwurfs ihres blütenweißen Brautkleids, die Zehennägel rot und scheut auch sonst kein Risiko: Zwischen großen Heroinengesten und Verinnerlichung hat nicht jeder Ton Politur, doch insgesamt gelingt ihr ein imposantes Porträt.

Unausgegorene Inszenierung

Stimmlich noch ausgeglichener, schlank und wendig in allen Lagen, präsentiert sich ihr Enea, eine Hosenrolle für Katrin Wundsam. Carlo Allemano treibt seinen klanglich schon angegrauten Tenor mit mittleren vokalen, aber nicht versiegenden szenischen Kräften durch die unbarmherzige Partie des Jarba. Immerhin muss er sich – inmitten eines fast ständig rotierenden Einheitsbühnenbildes, das Karthago als moderne, ewige Baustelle mit Betonmischmaschine zeigt – in ein vergewaltigendes und mordendes, wie irr tanzendes Rumpelstilzchen verwandeln: Jürgen Flimms Inszenierung wirkt unausgegoren und in merkwürdige Richtungen hin überdreht; bewusste und unfreiwillige Komik sind kaum zu unterscheiden, bei den Soldatenaufmärschen des tadellosen Coro Maghini etwa – und auch am Ende nicht, wenn einander Didone und Jarba mit demselben Dolch töten. Ähnlich präzise ins Herz trifft Mercadantes Musik dann doch nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2018)

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