Westöstliche Farbspiele, wienerische Wagnisse

Daniel Barenboim.
Daniel Barenboim.(c) APA (Herbert P. Oczeret)
  • Drucken

Höchst unterschiedliche Festspielkonzerte mit Daniel Barenboim und Herbert Blomstedt in Salzburg.

Als erster Programmpunkt für den zweiten Salzburg-Auftritt des West-Eastern Divan Orchestra war ursprünglich das Brahms-Violinkonzert avisiert. Schließlich entschied man, es gegen das Tschaikowsky-Konzert zu tauschen. Wohl weil die Solistin, Lisa Batiashvili, dieses kürzlich mit Daniel Barenboim für Platte eingespielt hat. Allerdings mit einem anderen Klangkörper, der Staatskapelle Berlin.

Ob die seit Jahrzehnten in Deutschland lebende georgische Virtuosin, eine der führenden Geigerinnen ihrer Generation, mit Brahms mehr überzeugt hätte? Jedenfalls dauerte es, bis sie zu ihrer Form fand. Vor allem im Stirnsatz vermisste man tieferes Eingehen in die Eigentümlichkeiten von Tschaikowskys Melos. Mehr Innigkeit hätte auch der mittleren „Canzonetta“ nicht geschadet.

Wirklich entspannt wirkte die Geigerin, so technisch fulminant sie das Finale meisterte, erst bei der Zugabe. Zusammen mit dem Konzertmeister, Barenboims Sohn Michael, brillierte sie mit dem Schlusssatz einer spielfreudigen Leclair-Sonate. Michael Barenboim zeigte auch bei den vom Orchester eindringlicher bewältigten folgenden Werken, Debussys „La Mer“ und Skrjabins „Le Poème de l'Extase“, seine besondere Klasse bei zahlreichen Soli.

Aber nicht nur deshalb hinterließen diese beiden Stücke mehr Eindruck als der vorangegangene, mit der Polonaise aus dem dritten Akt von „Eugen Onegin“ schwungvoll eingeleitete Tschaikowsky. Sondern, weil Daniel Barenboim neben seiner Konzentration auf eine transparente Darstellung der zahlreichen klanglichen Valeurs dieser beinahe zeitgleich uraufgeführten Partituren – Debussy: Oktober 1905, Paris, Skrjabin: Dezember 1908, New York – mindestens ebenso eindringlich deren unterschiedliche formale Konstruktionen herausarbeitete.

Auch Herbert Blomstedt hatte sich für seine beiden Konzerte mit den Wiener Philharmonikern ein Werk ausgesucht, das sich durch eine besonders originelle Auseinandersetzung mit symphonischen Formen auszeichnet: die Vierte Sibelius'. Nach einem Prolog verbindet der Stirnsatz Rondo- und Liedform. Der zweite Satz konfrontiert mit einem ungewöhnlich konstruierten Scherzo mit Wiener-Walzer-Anklängen, der dritte präsentiert sich als Verbindung von klarer Form mit rhapsodischem Gestus, überrascht kurz mit „Parsifal“-Anklängen. Das Finale verknüpft einen auf drei Themen bauenden Sonatensatz mit Elementen einer konzertanten Symphonie.


Interpretatorische Souveränität. Ob sich heutzutage jemand besser auf die spezifischen Herausforderungen dieser vom Komponisten zeitlebens besonders geschätzten a-Moll-Symphonie versteht wie der bei dieser Matinee vor Agilität trotzende 90-jährige Blomstedt?

Er führte die von ihm glänzend vorbereiteten Wiener Philharmoniker, von denen einige dieses Werk noch nie gespielt hatten, mit einer solchen Leichtigkeit und Souveränität über alle Klippen, dass man aus dem Staunen nicht herauskam. Beeindruckend auch, wie die Wahl der Tempi selbstverständlich zum Finalsatz als Kulminationspunkt hinführte.

Keine Wünsche blieben bei diesem am Ende mit Standing Ovations gefeierten Festspiel-Vormittag auch beim zweiten Werk offen: Bruckners Vierte, die sogenannte „Romantische“. Sie war die erste Bruckner-Symphonie, die Blomstedt in seinem Leben hörte, wie man in seinem von hohem Wissen, aber auch beispielhafter Bescheidenheit zeugenden Essay im Programmheft lesen konnte.

Nicht zuletzt diese Demut vor Komponisten und Werk zeichnet seine von bestrickender Natürlichkeit bestimmte Lesart dieser Es-Dur-Symphonie. Da wirkt nichts aufgesetzt, entwickeln sich Steigerungen wie von selbst, binden sich melodische Entwicklungen zu stets spannungserfüllten, leuchtenden Bögen.

Exemplarisch!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2018)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.