Das Dach des Congress Centrums wird heuer zum Spielplatz: Hier kann man in 25.000 schwarzen Bällen baden, in die Stoikerweisheiten gestanzt sind. Doch nicht alle sind erbaulich.
Er ist vermutlich die spektakulärste Neuheit in Alpbach in diesem Sommer und jedenfalls Ortsgespräch: der schwarze, offene Tempel auf dem Dach des Congress Centrums. Unter dessen Giebel, der an die Dachneigungen der Alpbacher Häuser erinnern soll, sei schon manch seriöser Anzugträger zum spielenden Kind geworden, verrät eine Forumsmitarbeiterin, die hier Aufsicht hat. Um das Spiel selbst zu beginnen, muss man nur die Schuhe ausziehen, alle Habseligkeiten ablegen und sich ins Becken gleiten lassen. Achtzig Zentimeter tief ist es und bis zum Rand gefüllt mit 25.000 schwarzen Plastikbällen, in die 80 wiederkehrende Weisheiten von Stoikern wie Marc Aurel eingestanzt sind – und in die man einsinken, durch die man sich graben kann.
Doch obwohl es aussieht wie eines dieser Ikea-Bällebäder, dem die Farbe ausgegangen ist, ist es mehr als ein simples Spielbecken. „Les Thermes“ heißt die Installation der fünfköpfigen belgisch-französischen Künstlergruppe „France Distraction“. Im Mai 2016 war sie bereits während der Wiener Festwochen im Wiener Künstlerhaus im Einsatz, in Alpbach erlebt sie nun ihre zweite Spielzeit. Ganz neu ist dafür das Gebäude, in dem das Bällebad Platz findet, die sogenannte EFA-Loggia, die in der Nacht leuchtet. Das Wiener Architekturbüro Studio Calas wurde damit beauftragt, ein passendes Haus für das Bällebad zu bauen, in dem aber auch Platz für Vorträge oder Kamingespräche sein sollte. Der Nobelpreisträger Joseph Stieglitz fand einen solchen Gefallen daran, das er vor wenigen Tagen eines seiner Kamingespräche kurzerhand hierher verlegte – plötzlich fanden sich 200 Menschen in und um den Tempel wieder. Schon jetzt steht fest, dass das Gebäude auch in Zukunft beim Forum Alpbach genutzt werden soll.
Für Architekt David Calas ist das Bällebad „ein Ort, an dem man sich fallen lassen, auf sich konzentrieren und das innere Kind wieder finden kann“. Ihm gefällt die Idee, dass man sich unten im Congress Centrum konzentriert und oben auf dem Dach entspannt. Die eingravierten Sprüche sind vielschichtig. Die Künstler haben sich für Gedanken der Stoiker entschieden, jener Philosophenschule, die ab 300 v. Chr. Gelassenheit propagierte. Doch sind viele ihrer Weisheiten alles andere als leicht verdaulich, gewissermaßen das Gegenteil von Kalendersprüchen, was Sätze wie „Man lobt die Rechenschaft, aber sie stirbt trotzdem“ zeigen. Wer hier in Bällen badet, soll sich also entspannen, aber auch zum Denken angeregt und provoziert werden.
Hit auf Instagram und Twitter
Den Künstlern und dem Architekten ist natürlich bewusst, dass eine plakative Spielwiese wie ihre zu Oberflächlichkeit einlädt. Es wird genug Besucher geben, die keinen einzigen der eingravierten Sprüche lesen, aber ein Foto aus dem Becken auf Instagram oder Twitter hochladen. Damit haben die Kreativen sogar gerechnet. Sie wissen, dass Installationen wie diese vor allem in den sozialen Netzwerken funktionieren. „Wir sind froh, wenn die Botschaft auch außerhalb des Forums verbreitet wird“, sagt David Calas. Das Schöne an so einer Installation sei, dass sie zwar einen Rahmen vorgibt, aber jeder Besucher darin tun und lassen kann, was er will.
Sich austoben, zum Beispiel – auch wenn Beckenrandsprünge verboten sind. In den Tiefen der Bälle ist es erstaunlich kühl, und wer auch mit dem Gesicht untertaucht, nimmt den süßen Schweißgeruch wahr, der von der Anstrengung vorheriger Besucher erzählt. Denn das Navigieren im Bällemeer ist gar nicht so einfach. Drin ist man schnell, wieder draußen nicht ohne Anstrengung. Schwimmen wie im Wasser funktioniert hier eher nicht. Bewegung führt generell dazu, dass man einsinkt, um zu schweben, muss man Ruhe finden – was wiederum zu den stoischen Weisheiten passt. Man könnte lange Zeit hier verbringen und Ball für Ball nach Botschaften absuchen, die inspirieren oder sogar zum Lachen bringen. Manche sind erbaulich („Lass den Mut nicht sinken“) oder pragmatisch („Die Unterhaltung muss locker sein wie die Kleidung“), andere wirken resignativ („Alles, was du siehst, wird bald zerstört sein“) oder packen die Essenz des Daseins in eine simple Formel: „Entweder du lebst hier weiter, gehst fort oder du stirbst.“
Die beste Zeit, um all das zu lesen, dürfte übrigens vormittags sein. Denn später kommt meist die Alpbacher Jugend, die das Bällebad auch schon für sich entdeckt hat. Dann geht es wild zu. Doch auch für solche Situationen bieten die Bälle Rat: „Ertrage es.“
Buchtipps von Sprechern
Ebenfalls vom Studio Calas ist übrigens das neue Bücherregal, das European Forum Alpbach Shelf, kurz EFAS, im Otto-Molden-Foyer, das die Innsbrucker Wagner'sche Buchhandlung heuer beim Forum hat. Es ersetzt den früheren Büchertisch. Ab heuer werden die Bücher auf dem acht Meter langen, 3,6 Meter hohen Regal drapiert. In der Mitte öffnet sich eine kleine Behausung für Bücherwürmer. Die Auswahl der Bücher kam heuer auch auf eine neue Weise zustande: Jeder Sprecher des Forums konnte einen Buchtipp mit einer kleinen Begründung abgeben, die dem Buch nun beigelegt wird. In einem Katalog wurden alle Lektüreempfehlungen gesammelt.
Auf einen Blick
Das Bällebad „Les Thermes“ von der belgisch-französischen Künstlergruppe „France Distraction“ auf dem Dach des Congress Centrums ist noch bis 1. September von 9 bis 21 Uhr zugänglich. Den Tempel, in dem es sich befindet, und das Bücherregal EFAS im Otto-Molden-Foyer hat das Architekturbüro Studio Calas entworfen, angefertigt hat beides die Tiroler Fachberufsschule für Holztechnik Absam.