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Mit Winnie Puuh das Nichtstun feiern

Ewan McGregor spielt im neuen Disney-Film „Christopher Robin“ den ehemaligen Spielgefährten von Winnie Puuh (Pu der Bär), der mittlerweile erwachsen ist – und weder für Familie noch Vergnügen Zeit hat.
Ewan McGregor spielt im neuen Disney-Film „Christopher Robin“ den ehemaligen Spielgefährten von Winnie Puuh (Pu der Bär), der mittlerweile erwachsen ist – und weder für Familie noch Vergnügen Zeit hat.(c) Disney Enterprises
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Der deutsch-schweizerische Hollywood-Regisseur Marc Forster erzählt in „Christopher Robin“ die Geschichte von Pu, dem Bären weiter. Mit der „Presse“ sprach er über Müßiggang, absurden Humor und den Schwur, den er mit 17 geleistet hatte.

Die Presse: Sie haben einmal erzählt, dass Sie in Bayern in einem „emotional unterdrückten“ Jahrhundert aufgewachsen seien. Hat Ihnen Pu der Bär in Ihrer Kindheit darüber hinweggeholfen?

Marc Forster: Meine Eltern hatten die Bücher, aber es waren vor allem die Zeichnungen von Shepard, die mir in Erinnerung blieben. Die Zeichentrickfilme habe ich als Kind nie gesehen, die habe ich erst später entdeckt.


In den Pu-Geschichten geht es viel um Realitätsflucht, um Fantasieräume.

Ich war als Kind schon ein Realitätsflüchtling. Meine Eltern hatten einen Wald, da habe ich viel gespielt. Ich habe auch mit Plüschtieren Geschichten inszeniert.


Stimmt es, dass Sie in Ihrer Jugend kaum Filme gesehen haben und sich in Ihren Jahren an der NYU erst mühsam filmhistorisch bilden mussten?

Ja, das stimmt, meine Eltern hatten keinen Fernseher; bis 14, 15 habe ich kaum Filme gesehen. Das war gar nicht schlecht, glaube ich. Ich habe viel mehr gelesen und gespielt.


Brauchen Kinder Filme?

Kinder brauchen vor allem Natur und Kunst. Aber nicht unbedingt Filme.


Sie haben schon oft mit Kinderdarstellern gearbeitet, auch jetzt wieder. Gibt es einen Trick, mit dem Sie den Kindern vermitteln, was Sie von Ihnen wollen?

Bei Kindern kommt es vor allem aufs Casting an. Man kann ihnen schon Regieanweisungen geben, sie folgen ihnen auch, aber es ist wichtig, dass sie selbst viel Talent und Konzentration mitbringen. Das merkt man sehr schnell beim Vorsprechen.


Können erwachsene Schauspieler irgendetwas von Kindern lernen?

Auf jeden Fall! Das ist mir beim Dreh von „Wenn Träume fliegen lernen“ aufgefallen. Da ist diese Szene, in der Freddie Highmore (er war bei den Dreharbeiten zehn Jahre alt, Anm.) ein Theaterstückchen für Kate Winslet und Johnny Depp aufführt – und dann wird er auf einmal wütend. Ich kann mich erinnern, wie Johnny Depp auf einmal erkannt hat, wie gut Freddie ist, und dass er sich wirklich konzentrieren muss – denn wenn das Kind besser als die Erwachsenen ist, kann es natürlich peinlich werden. Kinder können so natürlich sein, da müssen sich die Erwachsenen mehr anstrengen.

Ewan McGregor spielt in „Christopher Robin“ einen Mann, der seine kindliche Freude verloren hat. Haben Sie Ihr inneres Kind bewahrt?

Ich versuche, mein inneres Kind fröhlich zu halten. Vor allem durch Humor: Man darf nicht alles so ernst nehmen, man muss über sich selbst lachen können. Das ist auch das Schöne an Pu: Ich liebe diesen absurden Humor! Ein Zitat von ihm lautet: „Ich komme immer irgendwo an, indem ich von dort losgehe, wo ich gerade war.“ Oder: „Nichtstun führt oft zum allerbesten Irgendwas.“


Nichtstun, kann sich das ein Hollywood-Regisseur erlauben?

Schon. Man dreht einen Film, und wenn er zu Ende gedreht ist, muss man erst einmal nichts tun. Das ist so wichtig! Die nächsten zwei Monate tu ich erst einmal gar nichts!


Der Disney-Konzern verwaltet seine Marken sehr zielsicher. Wie viel Freiheit hat man da als Regisseur?

Erstaunlicherweise war sie sehr groß. Ich habe den Film so umgesetzt, wie ich wollte – und von Disney kam null Kritik. Ich habe gedacht, das würde mühsamer werden.


Stimmt es, dass Sie den dritten Harry-Potter-Film und „Brokeback Mountain“ hätten drehen können, aber ablehnten?

Ja, das stimmt. Das Angebot zu „Harry Potter“ kam nach „Finding Neverland“, da wollte ich nicht noch etwas Ähnliches machen. Und das Skript zu „Brokeback Mountain“ gefiel mir sehr gut, aber es spielte in der gleichen Welt wie „Monster's Ball“, den ich gerade gedreht hatte.


Es gibt auch die Geschichte, dass Sie ein 500.000-Dollar-Filmangebot ausgeschlagen haben sollen, als Sie pleite waren.

Es waren 250.000 Dollar. Das ist über 20 Jahre her, ich weiß gar nicht mehr, wie der Film geheißen hat. Aber die Leidenschaft muss stimmen. Mein Vater hat sein ganzes Vermögen verloren, als ich 17 war. Damals habe ich erkannt, dass ich viel glücklicher war als davor, als wir das Geld noch hatten. Das fand ich seltsam – ich dachte immer, ich müsste mich furchtbar fühlen. Aber es geht eben nicht nur um die materiellen Werte, es geht darum, dass etwas Spaß macht. Ich habe mir damals geschworen, dass ich in meinem Leben nur noch mache, worauf ich Lust habe. Und wenn ich auf der Straße lande, wird irgendwie schon etwas passieren.


Woher nahmen Sie denn die Zuversicht, dass schon alles gut gehen würde?

Das habe ich in meinem Herzen gewusst. Ich hatte immer das Gefühl, es wird schon irgendwie klappen, ich werde schon nicht verhungern. Und durch meine Eltern wusste ich, wie schnell etwas da und wieder weg sein kann. Es gibt keine Sicherheit im Leben. Als zehnjähriger Bub war ich auf einer Schulwanderung. Wir mussten einen Berg hinaufsteigen. Ich war so müde und habe nur den Gipfel angestarrt und gejammert. Ich hab nie auf den Weg geschaut. Auf einmal bin ich gestürzt, mein Knie hat geblutet. Das war meine erste Lektion: Man muss auf den Weg schauen, Schritt für Schritt.


Glauben Sie an Happy Ends?

Ich bin ein Optimist, ich glaube, dass sich alles zum Besten entwickeln wird. Das ist einfach meine Natur.

Zur Person

Marc Forster wurde 1969 nahe Ulm geboren, als er neun Jahre alt war, zog seine Familie nach Davos. Er studierte Film in New York. Schon sein zweiter Kinofilm, „Monster's Ball“, brachte Halle Berry einen Oscar, es folgten u. a. „Wenn Träume fliegen lernen“, „Schräger als Fiktion“, der Bond-Film „Ein Quantum Trost“, „World War Z“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2018)