Ärzte wüssten viel zu wenig über Transsexualität, monierte eine Expertenrunde. Die Psychotherapeutin Cornelia Kunert sprach erstmals von ihrer eigenen Geschlechtsanpassung.
Unsere Gesellschaft sei viel offener geworden, was den Umgang mit Transsexualität angeht – aber Baustellen gebe es immer noch, vor allem im Gesundheitsbereich: Das war die Quintessenz der gestrigen Diskussion über Transsexualität. Noch wüssten Ärzte viel zu wenig über die medizinischen Voraussetzungen von Transsexuellen und hätten deshalb Berührungsängste: Zu ihm seien schon Transgender-Personen wegen einer Bronchitis oder eines Beinbruchs geschickt worden, erzählte Mick Van Trotsenburg, Gynäkologe und Transgender-Healthcare-Experte am Krankenhaus St. Pölten. Auch der Endokrinologe Guy T'sjoen vom Universitätsspital in Gent erzählte von Patienten, die ihre Ärzte belehren mussten, weil diese sich nicht auskannten.
20 Prozent der Transgender-Personen wurde laut einer Studie schon einmal eine Gesundheitsleistung verwehrt. Dabei sei der Bedarf an Versorgung, die auf deren Bedürfnisse eingeht, groß: 0,5 bis ein Prozent der Bevölkerung definiert sich als nicht eindeutig männlich oder weiblich, so T'sjoen. Vor allem die Informationsmöglichkeiten im Netz und die Medienpräsenz von Transgender-Vorbildern hätten viele Menschen bewegt, sich nicht länger zu verstecken.
Doch sind sie noch immer Diskriminierung ausgesetzt. Die Suizidrate in der Transgender-Community beträgt ein Vielfaches des allgemeinen Durchschnitts, die WHO hat Transgender-Personen als besonders vulnerable Gruppe definiert. Doch die medizinischen Angebote für sie seien dürftig: Betreuungszentren, in denen Spezialisten, Chirurgen, aber auch Psychotherapeuten sich um Betroffene kümmern, fehlen in den deutschsprachigen Ländern gänzlich. Auch gebe es in Österreich viel zu wenige Therapeuten, die bereits mit Kindern arbeiten, monierte die Psychotherapeutin Cornelia Kunert.
Als männlich eingestuft
Sie wurde selbst bei ihrer Geburt als männlich eingestuft und hat vor zwanzig Jahren die Geschlechtsanpassung zur Frau vollzogen – wovon sie nun erstmals öffentlich erzählte. „Ich glaube, dass es wichtig ist, dass man in einer Veranstaltung, in der es um Zukunft und Perspektiven geht, sagt, was Sache ist“, sagte sie im Anschluss zur „Presse“. „Dazu kommt, dass ich jetzt nicht mehr die Sorge habe, dass das negativen Einfluss auf meine Praxis haben könnte. Das war vor 20 Jahren ganz anders, da war die Gefahr einer sozialen Stigmatisierung viel größer.“
„Es sollte immer eine Transgender-Person am Podium sitzen, wenn es um das Thema geht“, sagte sie weiter. Dazu gebe es genügend Experten, die selbst betroffen sind. Am Podium richtete sie einen Appell an die Gesellschaft: „Wir wollen von euch als echte Frauen, echte Männer anerkannt werden.“
"Behandelt eure Mädchen nicht zu früh wie Buben"
Es war eine offene, tabubefreite Diskussion, bei der auch grundsätzliche Dinge, über die viele Mythen kursieren, klargestellt wurden. Etwa, dass kaum jemand, der eine Transition durchgemacht hat, diese später bereut. Erklärt wurde auch, wie Pubertätshemmer für Kinder, die vermutlich transsexuell sind, eingesetzt werden – und dass nicht jeder Bub, der im Kindergarten gerne Mädchenkleider anzieht (oder umgekehrt), später eine Geschlechtsumwandlung anstreben wird. Oft sei das nur eine Phase – nur rund 15 Prozent der Kinder wollen das in der Pubertät immer noch, sagte Van Trotsenburg. „Liberale Eltern müssen wir da oft zurückhalten: Behandelt eure Mädchen nicht zu früh wie Buben.“
Wer will "x" sein?
In der Frage, ob ein drittes Geschlecht, für das der Verfassungsgerichtshof im Juni grünes Licht gegeben hat, Betroffenen hilft, mahnten die Experten zur Differenzierung: Transgender-Personen wollen meist eindeutig Mann oder Frau sein – eine dritte Option habe für sie kaum Bedeutung. Für Intersexuelle, die körperlich nicht eindeutig männlich oder weiblich sind, allerdings schon, warf Kunert ein – dann könnten sie sie selbst sein, ohne von Kindheit an in ein Muster gepresst zu werden. T'sjoen sah es anders: Ein „X“ neben „männlich“ und „weiblich“ schaffe nur eine weitere Kategorie, also genau das, von dem Betroffene meist weg wollen. „Wer nicht eindeutig weiblich oder männlich ist, will genauso wenig ,x‘ sein.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2018)