Geschlossene Geschäfte und Probleme mit Jugendlichen: Nun sollen die Gasometer neu erfunden werden. Mehr als ein Drittel (genau: 35 Prozent) der Geschäftsfläche in dem bisher glücklosen Einkaufszentrum steht leer.
WIEN. Es ist deprimierend. Das Gefühl von Einsamkeit in der großen, düsteren Halle. Der Anblick eines verlassenen Ortes, an dem nur eine Gruppe Jugendlicher wuchtige Kickboxschläge vor der Auslage eines verwaisten Geschäftes übt und damit (auch) an diesem Abend ihr Territorium markiert – wenige Meter von einer Wand entfernt, auf welcher der Schriftzug prangt: „Toplage. Topverkehrsanbindung. Topumfeld.“ Und: „Topgeschäftsflächen – nur 1 € pro Quadratmeter.“
Es ist deprimierend an diesem Abend, der einen typischen Einkaufstag im Gasometer beschließt. Die historischen Wiener Gasometer, die zwischen 1999 und 2001 von Stararchitekten zu Wohnungen samt Einkaufszentrum umgebaut wurden und als Vorzeigeobjekt des kommunalen Wohnbaus eine Initialzündung für das Niemandsland im Simmering sein sollten, sind an diesem Anspruch gescheitert. Nur im ersten Gasometer herrscht Betrieb. Und hier auch nur im Erdgeschoß, wo (wenige Meter von der U-Bahn entfernt) „Attraktionen“ wie die Filiale einer US-Imbisskette, ein Supermarkt und ein italienisches Café auf Kunden zählen können. Einen Stock höher nimmt der Kundenstrom massiv ab; wer in die nächsten Gasometer bis zu dem Entertainment-Center vordringt, bekommt Einsamkeitsgefühle vor den leeren Geschäften und Lokalen, in denen gelangweilte Verkäuferinnen ihre Zeit absitzen.
Diskussion über Bürgerwehr
Langeweile ist nicht das größte Problem – selbst wenn mehr als ein Drittel (genau: 35 Prozent) der Geschäftsfläche in dem bisher glücklosen Einkaufszentrum laut Gasometer-Geschäftsführer Peter Schaller leer stehen. Zu Jahresbeginn kämpfte das architektonische Flaggschiff mit einem veritablen Sicherheitsproblem, das den Ruf der Gasometer weiter untergraben hatte: Schlägereien, eine Messerstecherei unter Jugendlichen, im Bereich des Entertainment-Centers wurde offen gedealt; der kalte, lange Winter trieb Jugendgangs von der Straße in die beheizten Gasometer; es gab Einbrüche in die Keller der Wohntürme und Vandalismus in den Gasometer-Stiegenhäusern, die vom Einkaufszentrum aus direkt erreichbar sind. Die Situation eskalierte derart, dass ein Bewohner die Gründung einer Bürgerwehr ankündigte, um selbst für Ruhe und Ordnung zu sorgen – nachdem viele dieser Jugendlichen die Schule schwänzten, ihre Zeit tagsüber in den Gasometern verbrachten und dort auch Kunden belästigten.
Betreiber planen Neustart
Die Gasometer-Betreiber reagierten: Die Polizei verstärkte ihre Präsenz massiv, ein neuer Sicherheitsdienst griff härter durch (das Sicherheitspersonal wurde verfünffacht), Sozialarbeiter schritten ein. Heute meint Schaller: „Wir haben die Probleme jetzt in den Griff bekommen.“ Am Mittwoch fand zusätzlich ein Sicherheitsgipfel mit Gasometer-Betreibern, Jugendarbeitern und dem Bezirk statt, wo beschlossen wurde, die Arbeit weiter zu intensivieren, um die Probleme langfristig zu entschärfen. Denn es könne kein Dauerzustand sein, die Polizeipräsenz rund um die Gasometer aufgrund der Probleme mit den Jugendlichen dauerhaft massiv zu erhöhen, so Schaller, der die Gasometer neu erfinden will – nachdem sich die Sicherheitslage verbessert hat, die geplante Bürgerwehr wieder vom Tisch ist: Am 3. Mai eröffnet neben der Bank-Austria-Halle auf 3500 m2das Musikfachgeschäft „Klangfarbe“. Und nach diesem Vorbild will Schaller weitere Fachgeschäfte ansiedeln, die es nur in den Gasometern gibt: damit die Wiener die U3 benützen, um die neuen Gasometer-Shops zu besuchen – und nicht die Simmeringer die U-Bahn benutzen, um aus Simmering zum Einkaufen auf die Mariahilfer Straße zu flüchten.
In sechs Monaten soll sich auch die wirtschaftliche Situation bessern, war nach dem Sicherheitsgipfel am Mittwoch zu hören. Das Ziel: Die leer stehenden Verkaufsflächen sollen auf unter 20 Prozent reduziert werden; weitere Mietverträge sollen vor dem Abschluss stehen – die Gasometer wollen künftig als Shoppingcenter mit Fachgeschäften punkten. Obwohl auch im Bezirk klar ist: „Eine Imageänderung nach den Dingen, die passiert sind– die wird lange dauern.“
AUF EINEN BLICK
■Die Probleme der Gasometer. Architektonisch gilt die Revitalisierung der Wiener Gasometer als positives Paradebeispiel im Umgang mit historischen Gebäuden. Die erhoffte Initialzündung, die Aufwertung der gesamten Umgebung, blieb aber aus. So kämpft beispielsweise das Shoppingcenter in den Gasometern mit leer stehenden Geschäften und ausbleibenden Kunden, zuletzt auch mit einem Sicherheitsproblem. Nun soll ein Neustart die Probleme lösen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2010)