Es hilft nicht immer, auf das Gebot der Nächstenliebe zu verweisen, sagt ein Ethiker und Theologe in der ZIB 2. Überraschend für österreichische Ohren.
Private Seenotrettung ist ein besonders sensibles und kontroverses Thema - an dem man sich medial auch die Finger verbrennen kann, wie kürzlich die deutsche "Zeit" bewies. Gestern traute sich die ZIB 2, sehr diffizile Fragen dazu zu stellen. Zu Gast bei Tarek Leitner war Ulrich Körtner, ein evangelischer Theologe und Ethiker, der sagte, man könne und müsse das Für und Wider privater Rettungen diskutieren - und die Rettungsdienste würden aus seiner Sicht tatsächlich ein ethisches Problem darstellen. Man würde zwar aus guter Absicht handeln, aber die Folgen seien zwiespältig. Private Retter würde sich de facto von den Schleppern instrumentalisieren lassen - die im Wissen um Rettungsinitiativen die Menschen auf den Booten denkbar schlecht ausstatten.
"Wird man damit Mittäter?", fragte Moderator Leitner. Die Antwort des Ethikprofessors an der Uni Wien: Man müsse sich ethisch nicht nur die Frage nach den eigenen guten Motiven stellen, sondern auch nach den Folgen. Und Körtner könne verstehen - auch wenn er nicht mit der italienischen Regierung sympathisiere - dass dieses Land einen rigorosen Kurs fahren würde. Aussagen wie diese klingen besonders hart, wenn sie von christlicher Seite kommen. Denn meist hört man zu Debatten wie diesen eher die (katholische) Caritas, von der deutlich weichere Töne erinnerlich sind. Geht denn dies noch mit dem Gebot der Nächstenliebe konform?
"Zugespitzt: Kann ich moralisch wirklich einem Ertrinkenden nicht helfen, um möglicherweise viele andere vor dem Ertrinken zu retten?" Körtner glaubt, dass staatliche Instanzen helfen sollten, nicht private. Wenn man als Privatmensch Menschen ermutigen würde, gewissermaßen eine Wette mit ihrem Leben einzugehen, sei das ein ethisches Dilemma." Und die Nächstenliebe? "Vom Christlichen her" müsse man unterscheiden: das Gebot der Nächstenliebe als Gebot, individuell dem zu helfen, der einem quasi vor die Füße fällt. Das andere sei, auf einer sozialethischen Ebene Strategien zu entwickeln, Menschen zu helfen. Es helfe nicht immer, auf das Gebot der Nächstenliebe zu verweisen.
Warum diese Diskussion so schwierig ist? Schnell klingt man zynisch, und das will (so gut wie) niemand. Die Fragen sollten trotzdem gestellt werden. Und es gibt auch immer mehr als eine Antwort darauf.
Das Interview mit Ulrich Körtner zum Nachsehen in der ORF-TVthek.