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Max Burian: Kleine Teilchen, große Fragen

„Am liebsten gehe ich Annahmen auf den Grund, die in der bisherigen Forschung unhinterfragt geblieben sind“, sagt Max Burian.
„Am liebsten gehe ich Annahmen auf den Grund, die in der bisherigen Forschung unhinterfragt geblieben sind“, sagt Max Burian.(c) Luiza Puiu
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Der Materialwissenschaftler Max Burian erforscht am Triester Teilchenbeschleuniger Nanokristalle. Musikerlaufbahn und Mathematik ließ der Burgenländer lieber links liegen.

„Alpbach passt gut zu mir“, befindet der Materialwissenschaftler und Physiker Max Burian. Er ist heuer zum zweiten Mal dabei und mag das internationale Flair, den Austausch mit der Kollegenschaft. Wer sich auf die Fülle der gesellschaftlich relevanten Themen und auch Probleme, die hier diskutiert werden, einlasse, werde zwangsläufig aus seiner eigenen Nische geholt: „Alpbach bringt einen dazu, die eigene Arbeit infrage zu stellen und sich zu ,grundieren'.“

Burians Weg in die Physik war kein gerader. Der gebürtige Burgenländer stammt aus einem Musikerhaushalt. „Ich habe zwölf Jahre lang Klavier gelernt und das ganze Programm bis hin zu Familiengesang durchlebt“, meint er mit einem Grinsen. Der Drang in die Fußstapfen der Eltern zu treten, ist dennoch ausgeblieben. Ein Austauschschuljahr in Kanada und ein abgebrochenes Mathematikstudium in Georgia (USA) später, landete er schließlich an der Montanuni Leoben und in der Materialwissenschaft – genauer gesagt, in der Streuphysik.

 

US-Eliteuni? Nein, danke

„Gelandet“, dieses Wort benutzt Burian häufig, wenn er seinen Werdegang beschreibt. Er sei in die Grundlagenforschung „hineingerutscht“ und sein Doktoratsstudium in dem Triester Forschungszentrum Elettra Sincrotrone Trieste („ein kleines Cern“) als Teil einer Forschungsgruppe der TU Graz habe sich „ergeben“. Seine Sprache verrät es schon, von Karriereplänen am Reißbrett hält der 28-Jährige wenig. Dafür weiß er ganz genau, was er nicht will: Nur weil der brancheninterne Tenor nach internationaler Erfahrung hallt, an einer Eliteuni in den USA schlecht bezahlt 70, 80 Stunden zu arbeiten. Zwei Jobangeboten aus Übersee erteilte er deswegen auch eine Absage.

Dass er in der Forschung bleibt, hat Burian zu Jahresbeginn entschieden. Die Deadline war selbst gesetzt: „Ich glaube nicht, dass man alles im Leben planen kann, aber ganz ohne Ziel geht's auch nicht.“ An besagtem Tag fing er also an, passende Ausschreibungen „zur Seite zu legen“. Derzeit stecke er mitten im Bewerbungsprozess. Bis Dezember bleibt der 28-Jährige aber jedenfalls noch in Italien, um Projekte abzuschließen.

An der Materialwissenschaft reizt Burian ihre evolutionsbegleitende Bedeutung – von der Steinzeit bis zur Entwicklung neuer Werkstoffe für Computer. Sein Spezialgebiet sind Nanomaterialien. Die Röntgenstrahlen machen dabei sichtbar, was man unter herkömmlichen Mikroskopen nicht sehen kann. Nanoteilchen sind Verbünde von Atomen oder Molekülen, die nicht nur für die Elektronikbranche, sondern auch für die Pharmazie, die Medizin und die Chemie von großem Interesse sind. Künstlich hergestellt, können sie gezielt mit neuen Eigenschaften und Funktionalitäten wie elektrische Leitfähigkeit ausgestattet werden. Burian interessiert sich dafür, wie sich chemische Systeme in ihrem natürlichen Umfeld bewegen. „Viele Systeme waren irgendwann in Lösungen und haben sich verfestigt“, erklärt er. „Wenn man wissen will, welche kinetischen Prozesse dahinterstecken, muss man den Ursprungszustand kennen.“

Spannend sind diese Fragen etwa für die Erforschung sogenannter Kolloidsysteme – Kolloide sind Tröpfchen, die innerhalb eines Mediums fein verteilt vorliegen – wie Proteine. Von denen kennt man zwar die atomaren Bestandteile, weiß aber nicht, wie sie sich zusammenziehen. Anhand der experimentell bestimmten Form sieht man gewisse Wechselwirkungen, aus denen sich wiederum Rückschlüsse auf Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer ziehen lassen. Dasselbe Prinzip wird für die Computertechnologie verwendet. „Nanokristalle sind Feinstaub aus Halbleitern“, so Burian. „Abhängig davon, welche Form oder Größe dieser hat, kann er zum Beispiel färbiges Licht absorbieren.“ So erzeugen Nanokristalle eine brillante Farbintensität bei Fernsehern.

Die Forschung in Triest beschert Burian ein Pendlerleben. Daran stößt er sich nicht, im Gegenteil. „Ich hatte immer schon den Wunsch, mich in andere Lebenssituationen hineinzuleben, andere Lebensstile kennenzulernen – raus aus Österreich und Frischluft schnuppern“, meint er. Deswegen stürzt er sich in Italien nicht nur in seine Arbeit, sondern gern auch ins Meer.

Zur Person

Max Burian (28) hat an der Montanuniversität Leoben Materialwissenschaft studiert. Er beschäftigt sich mit Streuphysik und entwickelt Methoden, um molekulare Systeme beschreibbar zu machen. Sein Doktoratsstudium absolvierte er in Triest (Italien), wo er noch bis Ende des Jahres am Teilchenbeschleuniger des Großforschungszentrums Elettra Sincrotrone Trieste als Teil einer Forschungsgruppe der TU Graz Experimente betreut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2018)