Waldness: Ein Bad zwischen Latschenkiefern

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Im Almtal beziehen Gäste wie Betriebe Energie aus dem Wald: in Form von Führungen, Kneippen, „Waldness“-Angeboten.

Nicht denken, nur schauen, einatmen und ausatmen – so lauten die ersten einfachen Anweisungen. „Latschen beinhalten ätherische Öle, die entzündungshemmend, desinfizierendund schleimlösend sind. Sie sind gut für die Bronchien, für die Muskulatur, sie entspannen und sie helfen beim Runterkommen“, erklärt Waldness-Coach Sabina Haslinger. Eine kleine Gruppe von Besuchern liegt verstreut und gemütlich auf sogenannten Laybags (aufblasbaren Liegen) auf einer Anhöhe am Fuß einer Felswand. Der Blick geht in Richtung Almtal, den Almsee, die üppig grüne Landschaft im Salzkammergut; rund herum sind die Bäume bereits etwas niedriger, Latschenkiefer herrschen vor, auch zarte Bergblumen, und im Hintergrund sind nur das Rauschen eines Wasserfalls und Vogelgezwitscher zu hören – ein Grundrauschen der Natur. „Es geht hier nicht darum, nachzudenken und neue Pläne zu schmieden, sondern einfach darum, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren – mithilfe der Luft und des Blicks“, erklärt die Kräuterpädagogin, Wander- und Schneeschuhführerin das Konzept dieses „Latschenbads“.

Nach dem Regen der vergangenen Stunden glitzern die Wassertropfen in den Nadeln der Kiefern, auf den Blumen und Gräsern. Über dem Tal lösen sich einzelne Wolken auf, und die Sonne bricht durch. Allein dieses Bild vor Augen ist schon ein Genuss, sofort wird der Entspannungsmodus aktiviert. Und gut zu wissen: „Nach dem Regen wirken die Botenstoffe Terpene noch stärker“, erklärt die Expertin.

Von Pädagogik bis Wyda

Das Latschenbad ist nur ein Baustein im Konzept von Waldness (einer geschützten Marke). An ihr beteiligen sich im Almtal derzeit zehn Beherbergungsbetriebe – vom Urlaub auf dem Bauernhof bis zum Viersternehotel oder Chalet – und erfüllen dabei spezielle Qualitätskriterien. Das Almtal war die erste Destination, die diese Waldness anbietet, weitere folgen. Die Betriebe werden gecoacht und bezahlen Lizenz für die geschützte Marke. „Der Wald ist natürlich die Voraussetzung“, erklärt Andreas Pangerl, neben Ideengeber Hermann Hüthmayr Mitentwickler des Konzepts, „dazu kommen besondere Dienstleistungen und vor allem die Einstellung im Denken“.

Zum Angebot zählen dabei zum Beispiel geführte Waldwanderungen, Waldpädagogik, Waldbaden wie eingangs beschrieben im Latschenfeld, Waldkneippen und Wyda, das Yoga der keltischen Druiden, spezielle Wellnessangebote (etwa Massagen mit besonderen Ölen) sowie regionale, saisonale kulinarische Verpflegung mit Zutaten aus dem Wald, sprich mit Kräutern, Pilzen oder auch Wild. Solche Waldness-Pauschalen werden ganzjährig, jedoch nur zu speziellen Terminen angeboten. Dann aber bei jedem Wetter.

En vogue und nachhaltig

Die Idee beruht auf der bewiesenen Heilkraft und positiven Wirkung des Waldes. „In Japan wird das Waldbaden – Shinrin Yoku – sogar per Krankenschein verschrieben. Aber wir haben das auch“, meint Pangerl. In einem waldreichen Land wie Österreich (48Prozent sind mit Wald bedeckt) naheliegend, und im Almtal, nach Sölden das waldreichste heimische Gebiet, besonders. „Der Trend zurück zur Natur im Tourismus ist enorm. Der Wald ist en vogue. Aber für uns bedeutet er nicht eine Mode, sondern einen Auftrag zur Nachhaltigkeit.“ Und wie Stefan Schimpl, Geschäftsführer vom Tourismusverband Almtal-Salzkammergut, ergänzt: „Wir haben vergessen, dass der Wald eine positive Wirkung auf uns hat – ganz ohne Inszenierung. Eine neue Infrastruktur ist nicht notwendig, denn die Hardware ist schon da.“ Um die Gratwanderung zwischen Tourismus und Naturschutz zu schaffen, werden auch nur kleine Gruppen für die einzelnen Programme angestrebt, „keine Massen“.

Dem Ruf folgen

„Wir bieten Wald mit Anleitung“, sagt Sabina Haslinger. Mit Begleitung und Erklärungen sollen die Besucher „achtsamer werden und net g'schwind, g'schwind durch den Wald rennen“. Und da sie auch eine Märchenerzählerin sowie begeisterte Sängerin und Jodlerin ist, gibt es am Ufer des Almsees – übrigens im Besitz des Stifts Kremsmünster und völlig unverbaut – auch gleich eine Einführung in die Kunst des Jodelns. Während der Woche ist rund um den grün-türkis leuchtenden See wenig los, nur ein paar Spaziergänger kommen vorbei, die sich an den Stimmübungen, den versuchten Juchitzern und tatsächlichen Gesangseinlagen der Besucher nicht stören. Selbst die Wildenten lassen sich von den Tönen nicht verschrecken und kommen während ihrer Futtersuche neugierig näher. Ruhig ist die Wasseroberfläche, nur das Sprudeln an vielen Stellen weist darauf hin, dass unterirdische Quellen diesen kühlen See speisen.

Rund um den See liegt großteils Naturschutzgebiet, Achtsamkeit ist auch in dieser Hinsicht angebracht. Sabina Haslinger macht auf Gräser, Sträucher und Bäume aufmerksam, erklärt, warum sie hier wachsen, welche Bedeutung oder gar Nutzen für den Menschen sie haben. Sie ermahnt die Leute, die Bäume anzugreifen, an ihnen zu riechen. Es gibt wahrscheinlich keine Pflanze, die sie nicht kennt, und kaum eine, die nicht eine besondere Wirkung hätte: Storchenschnabel hat den Ruf, bei Kinderwunsch zu helfen, Brennnesselsamen bei Potenzproblemen, so heißt es.

Auch später sammelt sie noch gemeinsam mit den Gästen Kräuter für das gemeinsame Kochen des Waldness-Menüs: beispielsweise Blätter von Schafgarbe oder Spitzwegerich. „Letzteren kann man essen, er schmeckt relativ neutral, ein bissl wild. Er ist außerdem ein tolles Kraut bei Bienen- oder Wespenstichen. Auch wenn man sich mit dem Messer schneidet oder wenn man sich brennnesselt.“ Und so funktioniert's: „Kraut wuzeln, bis der Saft herauskommt, auf die Haut streichen. Bald hört es auf zu jucken und brennen!“

Der Meister des Waldes

Ganz dem Thema Wald widmet sich auch Fritz Wolf, Oberförster, Jäger und Waldpädagoge. Mehr als 1000 zertifizierte Waldpädagogen unterliefen bereits seine Ausbildung, seit 1995 betreibt er die Almtaler Waldschule. Mit Führungen – für Kinder genauso wie für Erwachsene – gibt er als „Waldbotschafter“ alles Wissenswerte über die Forstwirtschaft, die Jagd, den Naturschutz und den Wald an sich weiter. Dazu gehört der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur, das Wissen über den Wald, das Verständnis für nachhaltige Waldbewirtschaftung oder Anregungen zur Kreativität in der Natur. Über einen Forstweg erreichbar ist das zur „Waldschule“ gehörende Holzhaus auf einer Lichtung, die von einer bunt blühenden und von vielen Schmetterlingsarten bevölkerten Wiese umgeben ist. Fritz Wolf gibt den Teilnehmern fünf Minuten Zeit, um etwas aus der Umgebung zu sammeln. „Nehmt etwas mit, was euch besonders gefällt“, fordert er die Leute auf. Einer bringt einen Ast, der ihn an seine Steinschleuder in der Kindheit erinnert. Andere einen unförmigen Fichtenzapfen, Moos, Schafgarbe, Walderdbeeren oder einen bunten Blumenstrauß. Die Gründe und Erklärungen für die Fundstücke sind relativ einfach: Kindheitserinnerungen, Frieden, Ruhe oder Vielfalt drücken sie aus.

Holzarten, Kräutertraditionen

Die Hütte selbst, in der die Gespräche und Vorträge stattfinden, besteht aus verschiedensten Holzarten. Das Gerüst ist 200 Jahre alt. „Ohne Behandlung, das Holz aus Weißtanne ist knochenhart“, erklärt der Fachmann. In Österreich gibt es 66 Baumsorten, davon 34 allein im Almtal, und 20 davon hat er in 20 Holzschemeln verarbeitet.

Auch das Wissen über die Wirkung von Kräutern kommt nicht zu kurz, etwa, dass das Labkraut zum Käsemachen verwendet wird, wilder Thymian (auch Kuttelkraut) nicht nur zum Kuttelnkochen, sondern auch zu Fronleichnam den von den Ministranten getragenen Himmel schmückt: zum Schutz gegen böse Geister. Und dass die Rinde des Faulbaums, auch Pulverholz genannt, als heftiges Abführmittel wirkt beziehungsweise aus dem Baum einst Schwarzpulver produziert wurde. Im Übrigen ist ihm auch wichtig, die regionalen Ausdrücke weiterzugeben: So wird die Pflanze auch Hundsbeerstaude genannt.

Die Sorge, dass zu viele Menschen – etwa im Rahmen von Waldness – in den Wald kommen und ihn „übervölkern“, hat er nicht. „Grundsätzlich darf man im Wald laut Forstgesetz nicht lagern oder nächtigen. Man darf dem Wald nicht schaden, es ist nicht erlaubt, Flächen mit kleinen Bäumen zu betreten. Wenn zu viele Menschen durchgehen, kann da kein Moos, kein Gras wachsen“, weiß der Förster. Aber wie immer sei es eine Frage der Dosierung. Und schließlich hat der Wald auch eine Erholungsfunktion. Und das gilt für alle.

VOM WALD LERNEN

Weitere Programme von Waldness: Märchenwald beim Schindlbach in Grünau im Almtal: 2km langer Rundweg mit Märchenfiguren sowie Naturkneippanlage für Arm- und Fußbad und Barfußbereich. Bei Führungen erfährt man vieles über die Wirkung der Natur und die Heilkraft des Wassers. „Laut Kneipp gehören fünf Dinge in ein Packerl, dann kann's einem nur gut gehen: Wassertherapie, gesunde Ernährung, Bewegung, Lebensrhythmus und Kräuter“, so Kräuterpädagogin Maria.

Wyda: yogaähnliches Mental- und Körpertraining der keltischen Druiden, am besten in der Natur ausgeführt, mit sanften Bewegungen und Atemübungen für mehr Energie und innere Zentriertheit. www.am-wydaweg.at

Waldness-Gastgeber: Almtal-Chalet in Scharnstein-Viechtwang: ehemaliger Bauernhof liebevoll renoviert und ausgebaut von Carmen und Wolfgang Lidauer; komplett ruhige Lage mit Ausblick auf das Almtal und den Traunstein, herzhaftes Frühstück, bei Bedarf Catering und Kochworkshops von Jochen Neustifter (Jo's Restaurant in Vorchdorf). www.almtal-chalet.at, www.jos-restaurant.at

Familien- und Klausuralm Hochberghaus in Grünau im Almtal: auf 1200m, herzhafte, regionale Küche, gemütliche Zimmer. www.hochberghaus.at

Schobermühe in Scharnstein: Familienbetrieb mit gutbürgerlicher, regionaler Küche, Spezialität: Steckerlfisch vom Saibling; einfache Zimmer. www.schobermuehle.at

Weitere Infos: www.waldness.info, www.almtal.at, www.waldschulealmtal.jimdo.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2018)