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US-Missbrauchsfälle vertuscht? Vorwürfe gegen Papst

USMissbrauchsfaelle vertuscht Vorwuerfe gegen
Papst Benedikt XVI.(c) EPA (ETTORE FERRARI)

Der Theologe Küng, die Opfer-Gruppe Snap und die „New York Times“ werfen Benedikt XVI. vor, als Kardinal vom Missbrauch gewusst zu haben. Der Vatikan widerspricht. Das Vertrauen in den Papst sinkt rapide.

Während immer mehr Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik werden, häufen sich auch die Vorwürfe gegen Papst Benedikt XVI.: In seiner Zeit als Leiter der Glaubenskongregation hat er von zahlreichen Fällen gewusst, ohne zur Aufarbeitung beizutragen, werfen ihm mehrere Seiten vor. Vier Aktivisten der Opfer-Organisation Snap demonstrierten am Donnerstag auf dem Petersplatz in Rom gegen den Papst und wurden von der Polizei abgeführt.

So wie die Zeitung "New York Times" werfen die Aktivisten dem damaligen Kardinal Josef Ratzinger Untätigkeit im Fall Lawrence Murphy vor: Der Priester Lawrence Murphy aus Milwaukee (US-Staat Wisconsin) habe in der Zeit zwischen 1950 und 1974 in einer bekannten Schule für gehörlose Kinder gearbeitet und dabei bis zu 200 Kinder missbraucht, wie er in einer kirchlichen Untersuchung eingeräumt haben soll. 1996 habe der damalige Kardinal Ratzinger auf zwei Briefe des damaligen Erzbischofs von Milwaukee, Rembert G. Weakland, zu dem Fall nicht geantwortet, so die "New York Times". Auch die Forderung von drei anderen US-Bischöfen, Pater Murphy des Priesteramtes zu entheben, habe er ignoriert, so die Snap-Aktivisten.

Acht Monate später habe Kardinal Tarcisio Bertone aus der vatikanischen Glaubenskongregation die Bischöfe in Wisconsin angewiesen, ein geheimes kircheninternes Verfahren einzuleiten, das zur Entfernung Murphys aus dem Amt führen könne. Bertone stoppte die Prozedur nach Angaben der Zeitung dann aber wieder, nachdem Murphy beim deutschen Kardinal Ratzinger schriftlich dagegen protestiert habe. Murphy argumentierte demnach, er habe bereut, sei krank und der Fall außerdem gemäß der Kirchenregeln bereits verjährt. In den ihr vorliegenden Unterlagen finde sich keine Antwort Ratzingers, heißt es in der "New York Times".

Vatikan: "Tragischer Fall"

Nach Angaben der Kirche sei die Sache anders gelaufen: Man habe erst - wie auch von der Zeitung berichtet - im Jahr 1996 von den Fällen erfahren. Schon in den 1970er Jahren hätten sich Opfer auch an staatliche Autoritäten gewandt. Nach den vorliegenden Medienberichten hätten die US-Behörden den Fall untersucht und nicht weiterverfolgt. Der Priester sei 1974 in aller Stille in eine Diözese im nördlichen Wisconsin versetzt worden. Dort habe er bis zu seinem Tod weiter in Gemeinden, Schulen und - laut einer Klageschrift - im Jugendstrafvollzug Umgang mit Kindern und Jugendlichen gehabt.

Vatikansprecher Federico Lombardi nannte es in der Zeitung einen "tragischen Fall", weil Murphy mit hörgeschädigten Kindern "besonders verletzliche Opfer" missbraucht habe. Der Vorgang sei erst so spät nach Rom gemeldet worden, weil mit ihm auch ein Verstoß gegen das Beichtgeheimnis verbunden gewesen sei, so Lombardi laut Kathpress. Im Hinblick auf das Alter und die angeschlagene Gesundheit des Geistlichen habe der Vatikan dann auf eine kirchliche Strafe wie die Versetzung in den Laienstand verzichtet. Rom habe die Erzdiözese Milwaukee gebeten, geeignete Maßnahmen gegen den Geistlichen zu verfügen, der damals bereits in Klausur lebte und vier Monate später starb.

(c) Reuters

Küng: "Keiner wusste so viel wie Ratzinger"

Dass der damalige Kardinal Joseph Ratzinger von dem Fall gewusst hat, steht für die Opfer-Organisation Snap ("Survivors Network of those Abused by Priests") außer Frage. Vier Aktivisten haben am Donnerstag im Vatikan gegen das Schweigen der Kirche protestiert und wurden kurz darauf von der Polizei abgefüht. Auch der Schweizer Theologe Hans Küng hat Papst Benedikt XVI. vorgeworfen, wichtige Informationen über Missbrauchsfälle geheim gehalten zu haben. "Es gab in der ganzen katholischen Kirche keinen einzigen Mann, der so viel wusste über die Missbrauchsfälle, und zwar ex officio - von seinem Amt her", sagte Küng im Schweizer Fernsehen.

Er bezog sich auf einen Brief, den Joseph Ratzinger im Mai 2001 in seiner damaligen Funktion als Chef der Glaubenskongregation geschrieben hatte. Der Brief "De Delictis Gravioribus" (Über schwere Straftaten) ist an alle Bischöfe geschickt worden. Darin geht es auch um eine "Straftat gegen die Sittlichkeit, nämlich: die von einem Kleriker begangene Straftat (...) mit einem noch nicht 18-jährigen minderjährigen Menschen (...) Prozesse dieser Art unterliegen der päpstlichen Geheimhaltung."

An den bei den Bischöfen eingerichteten Gerichtshöfen dürfen nach diesem Erlass für diese Strafverfahren "nur Priester die Ämter des Richters, des Kirchenanwaltes, des Notars und des Strafverteidigers gültig wahrnehmen". Sobald der Fall vor Gericht wie auch immer beendet sei, seien die gesamten Akten des Verfahrens möglichst rasch von Amts wegen an die Glaubenskongregation zu übermitteln, heißt es weiter.

Vertrauen in Papst eingebrochen

Einer "stern"-Umfrage zufolge ist das Vertrauen der Deutschen in Kirche und Papst eingebrochen: Während im Jänner - vor bekannt Werden der Missbrauchsfälle - noch 29 Prozent der Kirche und sogar 38 Prozent dem Papst vertrauten, sind es aktuell nur mehr 17, bzw. 24 Prozent. Auch unter den Katholiken vertraut nach der Umfrage nur noch eine Minderheit dem Papst. Von Ende Jänner bis Mitte März sank die Quote von 62 auf 39 Prozent. Der Kirche schenken mittlerweile nur noch 34 Prozent der Katholiken in Deutschland Vertrauen. Ende Jänner waren es noch 56 Prozent. Von den konfessionslosen Deutschen bekundeten laut Forsa nur noch fünf Prozent Vertrauen in die katholische Kirche. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hatte im Auftrag des Hamburger Magazins "Stern" zwischen dem 17. bis 19. März 1508 Deutsche zu dem Thema befragt.

Aus der Umfrage geht außerdem hervor, dass die evangelische Kirche den Rücktritt ihrer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann nahezu unbeschadet überstanden hat. 42 Prozent der Befragten äußerten Vertrauen in die evangelische Kirche, Ende Jänner waren es 44 Prozent. Das Vertrauen der Protestanten unter den Befragten zu ihrer Kirche blieb mit 65 Prozent im Vergleich zu 64 Prozent vor sechs Wochen fast völlig stabil.

(Ag./Red.)