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Doping: „Wann ist ein Versuch ein Versuch?“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Generalsekretär des Leichtathletikverbandes, Helmut Baudis, fordert ein Dopingverfahren gegen Steffi Graf. Als Grund nannte er Grafs Eingeständnis, Kundin des Wiener Blutlabors Humanplasma gewesen zu sein.

Wien.Der Vorstoß überraschte: Helmut Baudis, Generalsekretär des Leichtathletikverbandes, regt ein Dopingverfahren gegen Ex-Leichtathletin Steffi Graf an. Als Grund nannte Baudis gegenüber der „Tiroler Tageszeitung“, Grafs Eingeständnis, Kundin des Wiener Blutlabors Humanplasma gewesen zu sein. Sie habe sich dort Blut abnehmen, sich dieses allerdings nicht wieder injizieren lassen.

„Wir können so ein Verfahren nicht fordern“, sagte Baudis gegenüber der „Presse“, dazu würden ihm und dem Verband die rechtlichen Mittel fehlen. Doch „das Verfahren würde jedenfalls Klarheit schaffen“. Und letztlich auch die Arbeit des Verbandes erleichtern.

„Wir lassen das derzeit prüfen“, erklärt Andreas Schwab, der Leiter der Nationalen Antidopingagentur (Nada). „Wir arbeiten ganz eng mit der Wada zusammen, haben in letzter Zeit auch ein großes Lob bekommen.“ Die Frage, die sich stellt, lautet: Wurde zum Zeitpunkt des Geschehens ein Wada-Code verletzt? Oder eine Vorschrift eines internationalen Verbandes? „Wir wollen keine Schnellschüsse“, so Schwab. „Und die Sache gründlich aufarbeiten.“ Darum habe man die Wada auch gebeten, zwei Experten nach Wien zu schicken. „Zwei Wada-Juristen aus Montreal waren da – sie haben sich einen Tag mit der Sache beschäftigt.“ Die Kosten dafür übernahm die Wada, die Weltantidopingagentur. Mit Ergebnissen der Prüfung rechnet Schwab in etwa zwei Wochen.

Auch die Ruderer sind in den Fokus der Ermittlungen geraten. Der ehemalige Bundestrainer Martin Kessler wurde von Humanplasma als Kunde bezeichnet, er selbst hat einen Kontakt zur Plasmapherestation auch nicht geleugnet. Wobei das eigentlich relavante Rückführen des abgenommenen Blutes der Athleten nicht stattgefunden haben soll. Zugetragen hat sich das alles angeblich in den Jahren 2003 und 2004.

Andreas Schwab: „Irgendwann soll das Thema Humanplasma ja aufgearbeitet sein.“ Irgendwann ist allerdings ein doch eher schwammiger Zeitbegriff.

Kessler hat im Jahr 2005 nach der Rotsee-Regatta seinen Rücktritt als Bundestrainer bekannt gegeben, „weil ich nicht als Rudertrainer in Pension gehen wollte“. Sondern als Leiter des Sportamtes Vorarlberg.

Unter seiner Führung hatten Österreichs Ruderer mit WM-Gold, WM-Bronze und etlichen Weltcupgesamtsiegen beachtliche Erfolge geschafft. Bis die Humanplasma-Geschichte nicht aufgeklärt ist, wird Kessler auch nicht Leiter des Sportservice am Olympiastützpunkt Dornbirn werden.

Neben Steffi Graf, dem geständigen Exradprofi Bernhard Kohl, sind nach Angaben von Humanplasma zwischen 2003 und 2006 rund 30 Sportler zu Blutabnahmen bei Humanplasma gewesen. Dopingvergehen verjähren nach acht Jahren.

 

Verhängnisvolles SMS

Die Frage, ob ein Versuch vorliegt, ist auch in der Causa Bettina Müller-Weissina relevant. Gegen die Sprinterin läuft nach einem „Sportwoche“-Artikel ein Verfahren vor der Nada, ohne dass eine positive Dopingprobe vorliegt. Sie hatte sich per SMS nach Wachstumshormonen erkundigt – und damit möglicherweise einen Verstoß gegen den Wada-Code begangen, indem sie Doping versucht hat. Suspendiert wurde Müller-Weissina von der Nada nicht, ihr Fall wird am 14. April verhandelt. Helmut Baudis hat noch eine zweite Anregung: Die Nada solle die Ergebnisse aller Dopingkontrollen veröffentlichen.

Bisher werden nur Resultate positiver Tests publiziert: „Das ist im Interesse der Sportler und der Nada – es sorgt für Transparenz, wer wann wie getestet wurde“, sagt Baudis.

AUF EINEN BLICK

Steffi Graf vor der Nada. Der Leichtathletikverband wünscht sich ein Verfahren gegen Exläuferin Steffi Graf wegen deren Verbindung zu Humanplasma. Die spannende Frage lautet: Hat Graf, der das abgenommene Blut nicht rückgeführt wurde, Doping versucht?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2010)