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Wir sind ohnehin unangemessen bescheiden

Anmerkungen zur Exzellenzinitiative der Österreichischen Bundesregierung.

Das war flott: Nur eine Woche, nachdem wir unseren von mehr als 50 wissenschaftlichen Gesellschaften gezeichneten Appell zur Stärkung kompetitiver Grundlagenforschung an ausgesuchte Mitglieder der Österreichischen Bundesregierung geschickt haben, überrascht uns diese mit einem Ministerratsvortrag für ein neues Forschungsfinanzierungsgesetz. Das Gesetz soll im Frühjahr beschlossen werden.

Wie Minister Faßmann richtig feststellt, waren Forschungsfinanzierungsgesetze in früheren Regierungsprogrammen enthalten, allerdings ohne je konkret umgesetzt worden zu sein. Es ist gerade dieser Umstand, der unser Fass zum Überlaufen gebracht hat, nachdem dem Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) zu Jahresbeginn (lediglich) zusätzliche 110 Millionen Euro bis zum Jahr 2021 in Aussicht gestellt wurden. Noch zum Jahreswechsel 2017/2018 konnten wir erwarten, dass eine dem FWF von der Vorgängerregierung zugesagte reale Budgetaufstockung um 280 Millionen Euro halten würde.

Das nunmehr angekündigte Forschungsfinanzierungsgesetz wird dem Vernehmen nach die Schaffung eines einzigen Beratungsgremiums anstelle der bisherigen drei (Rat für Forschung und Technologieentwicklung RFTE, Österreichischer Wissenschaftsrat, ERA Council Forum Austria) beinhalten.

 

Nur noch ein Gremium

Mit im Gesetz angeführten Forschungseinrichtungen sollen drei- bis vierjährige anstelle der bisher jährlichen Vereinbarungen geschlossen werden, was sehr zu begrüßen ist. Explizit erwähnt werden hier der FWF, die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG), die Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft (LBG), die Christian-Doppler-Gesellschaft (CDG) sowie vermutlich die Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Keine konkreten Angaben gibt es derzeit zur Struktur und Finanzierung der angekündigten Exzellenzinitiative mit Schwerpunktbildungen an den akademischen Forschungseinrichtungen (Universitäten, Akademie der Wissenschaften etc). Deren Finanzierung soll bei einem FTI-(Forschung, Technologie, Innovations-)Gipfel im Frühjahr 2019 zunächst einmal besprochen und (hoffentlich bald) in einem FTI-Pakt festgeschrieben werden. Minister Faßmann hofft, zumindest einen Teil der Mittel durch Durchforstung der Förderlandschaft (Stichwort: Transparenz- oder Forschungsfinanzierungs-Datenbank zur Dokumentation der Zahlungsflüsse von Bund und Ländern) lukrieren zu können.

Was den FWF betrifft, sehen wir keine Notwendigkeit für weitere Gipfelgespräche: Alle vom FWF geförderten Projekte wurden zuvor von (ausschließlich auswärtigen) Gutachtern exzellent beurteilt. Allerdings muss eine erhebliche Anzahl von exzellent bewerteten Projekten aufgrund von Geldmangel abgelehnt werden – ein seit vielen Jahren bestehendes Ärgernis. So konnten 2017 rund 220 Projekte mit einem Antragsvolumen von etwa 83 Millionen Euro nicht bewilligt werden, obwohl ihnen nach internationaler Begutachtung eine exzellente Qualität bescheinigt wurde.

Mit der Finanzierung von unter anderem Schwerpunkt- und Doktoratsprogrammen, der Förderung von internationaler Mobilität (Schrödinger-Stipendien, Lise-Meitner-Programm) sowie der Karriereentwicklung für Wissenschaftlerinnen (Firnberg- und Richter-Programm) wird gerade jene Spitzenforschung finanziert, von der mittlerweile Generationen von Vorläufer-Bundesregierungen geträumt haben. Sowohl der RFTE als auch der Österreichische Wissenschaftsrat fordern daher seit Jahren eine substanzielle Erhöhung des FWF-Budgets.

 

Wissenschaft ist international

Wir stehen in direkter Konkurrenz – auch um die besten Köpfe – innerhalb und außerhalb Europas. Bezogen auf die Einwohnerzahl verfügt der FWF über ein Jahresbudget von 25 Euro pro Einwohner. Dazu einige Schwestergesellschaften des FWF im Vergleich: die deutsche DFG hat 38 Euro, die holländische NWO 55 Euro, die Academy of Finland 82 Euro, der Schweizer SNF 101 Euro jeweils pro Einwohner. Und bitte nicht übersehen: Österreichs Wissenschaft ist und war schon international, als in vielen Bereichen des Landes noch in nationalen Kategorien gedacht und gehandelt wurde.

So gesehen ist der FWF bei der Internationalisierung hilfreicher als im Regierungsprogramm angedachte Maßnahmen wie „verstärkte Bemühungen, Dependancen von internationalen Top-Universitäten nach Österreich zu holen“. Unsere jungen Leute forschen schon jetzt an diesen Universitäten, und ausländische Forscher arbeiten an unseren Forschungseinrichtungen! Die effizienteste Maßnahme, „Mobilität und Internationalisierung (zu) forcieren“ (Regierungsprogramm), ist eine adäquate finanzielle Ausstattung des FWF.

Im Regierungsprogramm angesprochen, und sicherlich auch Thema beim FTI-Gipfel im Frühjahr 2019, ist Folgendes: „EU-Forschungsrahmenprogramm für Österreich nutzen und auf bestehenden Stärken (Exzellenzorientierung) aufbauen“. Dafür ist eine solide aufgestellte nationale Förderstruktur nachweislich die beste Maßnahme. Von den zwischen 2007 und 2017 vergebenen 216 Grants des Europäischen Forschungsrats (ERC) an in Österreich tätige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hatten knapp zwei Drittel (63 Prozent) einen FWF-Track-Record. Seit 2007 gingen bezeichnenderweise die meisten ERC Grants pro Einwohner an die Schweiz (67.5), Israel (56.0) und die Niederlande (42.3) (Österreich: 24.8, Platz acht).

Um den ambitionierten Plänen einer Exzellenzinitiative gerecht zu werden, sollte sich die Bundesregierung als mittelfristiges Ziel zumindest an der DFG orientieren, was einem FWF-Jahresbudget von rund 300 Millionen Euro entspräche. Von einem FWF-Budget, das dem der Schweiz (2016: 830 Millionen Euro, 8,4 Millionen Einwohnern) entspricht, dürfen wir wohl nur träumen. Wir sind mit unserem Ansinnen in Anbetracht des Aufholbedarfs ohnehin unangemessen bescheiden. So empfiehlt der RFTE in seinem Jahresbericht 2017 als Basis einer geforderten (und mittlerweile auch von der Regierung in ihrem Programm angedachten) Exzellenzinitiative eine Vervierfachung des derzeitigen FWF-Budgets. Wenn also zu lesen ist, dass das österreichische Wissenschafts- und Forschungssystem zu einem der wettbewerbsfähigsten der Welt gemacht werden soll, dann ist dafür eine ausreichende finanzielle Ausstattung des FWF unabdingbar.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DIE AUTOREN

Sigismund Huck, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurowissenschaften (links), und Hannes Stockinger, Vorsitzender des Verbands der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs (rechts), haben kürzlich einen Appell in Form eines offenen Briefs an für Forschung & Entwicklung zuständige Mitglieder der österreichischen Regierung initiiert.

 

Der Appell (zu lesen auf www.vwgoe.at sowie www.austrian-neuroscience.at) wurde von 53 wissenschaftlichen Gesellschaften, die mehr als 22.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vertreten, unterzeichnet. [ privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2018)