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Er sah sich als „denkenden Fotoreporter“

Am Mittwoch ist der 1926 in Wien geborene, 1939 emigrierte, 1947 zurückgekehrte Erich Lessing gestorben. Er war Österreichs renommiertester Fotograf.
Am Mittwoch ist der 1926 in Wien geborene, 1939 emigrierte, 1947 zurückgekehrte Erich Lessing gestorben. Er war Österreichs renommiertester Fotograf.(c) Ernst Kainerstorfer / picturedes (Ernst Kainerstorfer)
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Nachruf. Erich Lessing, ein Fotograf, der Zeitgeschichte nicht nur festhielt, sondern auch verkörperte, starb in der Nacht auf Mittwoch mit 95 Jahren in Wien.

Es gibt nur wenige Persönlichkeiten der Wiener Kulturszene, die man nicht fassen möchte, vor denen man sich aus Respekt scheut, sie anzusprechen. Auch wenn sie einem jedes Wochenende in einem Kaffeehaus in einem grünen Wiener Außenbezirk vor der Nase sitzen – dieser alte Herr mit den weißen, buschigen Augenbrauen. In der Nacht auf Mittwoch ist Erich Lessing, der berühmteste Fotograf der österreichischen Nachkriegszeit, endgültig gegangen. Er war 95 Jahre alt. Mit seinem Tod wird auch die Wiener Zeitgeschichte, die er verkörperte, einen weiteren Grad abstrakter.

1923 als Sohn bürgerlicher jüdischer Eltern geboren, konnte er mit 16 Jahren fliehen. Der Rest seiner Familie wurde von den Nazis ermordet. Lessing schaffte es nach Palästina, wo er zu fotografieren begann. 1947 kehrte er nach Wien zurück. In vielen Interviews beschrieb er die traumatisierte Gesellschaft, die er vorfand, beschrieb er seine Einstellung, nie zu vergessen, aber auch nicht sein Leben lang leiden zu wollen. Er blieb also in Wien, fand Gleichgesinnte in Gottfried Einem, Fritz Wotruba, Ernst Häussermann, die sich im Café Grillparzer trafen.

 

Demel-Jause und Bauernmarkt

Lessing bekam einen Job bei der amerikanischen Fotoagentur AP, durch seine spätere Frau Traudl. 1951 wurde er Mitglied bei der legendären, von Fotografen selbst betriebenen Agentur Magnum, bis zuletzt war er hier Mitglied, das einzige österreichische. Als Künstler hat Lessing sich nie gesehen, eher als „denkender Fotoreporter“, wie er sagte. Vor allem wollte er Geschichten erzählen, das tat er oft in teils ironischen Gegenüberstellungen: Die Jause der Damen im Demel 1954 versus krautverkaufende Bäuerinnen in der DDR 1959. Die Wiedereröffnung der Wiener Oper 1955 und eine im Abfallkübel stierlnde Frau 1953. Arm und Reich, privilegiert und benachteiligt. Wie äußert sich das in alltäglichen Situationen? Menschen, die in Schaufenster sehen, war einer seiner Tricks dafür. Auch Denkmäler waren enttarnend. Oder Machtmenschen und ihre Ikonografie. Wenn isolierte schwarze Männer mit Melonen etwa vor dem Eiffelturm stehen – sei das u. a. Konrad Adenauer, der als erster deutscher Politiker nach dem Krieg Frankreich besuchte –, oder die drei wartenden Herren am 15. Mai im Bundeskanzleramt – Raab, Figl und Schärf, die durchs Fenster sahen, ob der sowjetische Außenminister Molotow tatsächlich mit dem Staatsvertrag vorfährt. Dann natürlich das berühmte Foto von unten, vom Volk aus, auf Figl, der am Belvedere-Balkon den Staatsvertrag herzeigt. Und, natürlich bei Lessing, der Gegenschuss: die Menge strahlender Betrachter.

 

Er erzählte auch Geschichte

1956 die Ernüchterung: Lessing konnte als erster ausländischer Journalist nach Budapest reisen und die ungarische Revolution und deren Niederschlagung fotografieren. Die Gräuel, die Leichen, die ausbleibende Einmischung aus dem Ausland nahmen ihm den Glauben an die Wirkkraft der Fotografie. Und machten ihn weltberühmt. Er wandte sich dem zu, was er immer schon begleitet hatte, aber jetzt intensivierte und in Form von Fotobüchern herausgab: der Kultur. Er erzählte nicht mehr Geschichten, sondern auch Geschichte. Es erschienen Bücher über Karajan, über die Gemälde des Louvre, das Odysseus-Epos etc. Er habe zwei Berufsleben gehabt, meinte er zu diesen zwei Perioden in seinem Schaffen. Wobei er es sich nie nehmen ließ, sich politisch zu äußern, 2013 etwa noch, als er „Österreich, diesem Wolkenkuckucksheim“, mehr Lebendigkeit wünschte, „ein bisschen Aufbegehren und etwas mehr geistiger Krawall würden nicht schaden“. Sein riesiges Fotoarchiv, 60.000 Bilder, hatte er 2003 schon der Österreichischen Nationalbibliothek vermacht.

Was Erich Lessing geprägt habe, sagte er, sei auch sein Freimaurertum gewesen, es machte ihn zum „pessimistischen Optimisten“, vermittelte ihm die Art von Trost, dass „eine Aktion zwar nichts nützen wird, aber dennoch geschehen muss“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2018)