Land Rover hat den Range Rover Sport als SVR zum PS-Giganten gemacht. Ein SUV, das die Gesetze der Physik infrage stellt und sogar einen Ferrari-Rekord knackte. Aber will man das von einem Range Rover?
Es muss ein Spaß sein, in der kleinen Abteilung Special Vehicle Operations (SVO) bei Jaguar Land Rover zu arbeiten. Für die Mitarbeiter im Technikzentrum in Gaydon in Großbritannien mit angeschlossener Testrecke gibt es keine Vorgaben, sie dürfen sich technisch ausleben und vieles ausprobieren.
Und so haben die Damen und Herren der SVO den Range Rover Sport in die Werkstatt gerollt, haben den verfügbaren Platz unter der Motorhaube ausgemessen und festgestellt, dass ein V8-Motor mit fünf Litern Hubraum recht gut hineinpasst. Man hat ihn auf 575 PS eingestellt, das Fahrwerk des zweitgrößten SUV des Hauses verstärkt und gestrafft, hat das Design leicht adaptiert und viel getan, damit der schwere Brocken Gewicht verliert – unter anderem mit raffinierten Sportsitzen, die 30 Kilogramm leichter sind als vergleichbare Modelle, und einer Motorhaube aus Karbon.
Am Ende der Produktionslinie kam ein SUV heraus, das zwar nicht die Gesetze von Isaac Newton widerlegt, aber es zumindest versucht. Wir haben hier einen Geländewagen mit einem Gewicht von 2,4 Tonnen, der aus dem Stand schneller auf 100 km/h ist als mancher Porsche 911; der die 99 Kehren der Passstraße des Tianmen Mountain in China mit neun Minuten und 51 Sekunden um mehr als 30 Sekunden flotter als ein Ferrari 458 genommen hat.
Das liest sich schon recht beeindruckend, es gibt einem aber keine Vorstellung davon, was in einem Auto mit dem dezenten Kürzel SVR auf den Lufteinlässen passiert, wenn man im Dynamikmodus das Gaspedal bis zum Anschlag durchtritt. Nach einem kurzen Luftholen des Motors trifft einen die Beschleunigung mit einer Wucht, als würde man aus einem Katapult geschossen werden. Begleitet von einem ohrenbetäubenden Fauchen und Krachen, das auf andere Autofahrer wie ein Folgetonhorn wirkt. Erst bei 283 km/h ist – elektronisch abgeregelt – Schluss. In Vergleichswerten ausgedrückt: Der SVR hat ein Drehmoment von 700 Newtonmetern und beschleunigt von null auf 100 km/ in 4,5 Sekunden.
Dabei hat es die SVO geschafft, dem SUV eine Agilität zu verleihen, die überrascht. Die Lenkung ist direkt, das Fahrwerk garantiert, dass man trotz des großen Gewichts und des hohen Schwerpunkts selbst auf kurvigen Strecken nicht ins Schwitzen kommt. Hier wankt nichts, hier wackelt nichts.
Kein adaptiver Tempomat
Stellt man den Fahrmodus auf Komfort, erlebt man die traditionellen Eigenschaften des Range Rover, die einen ungerüttelt über Schlaglöcher und Schotterstraßen gleiten lassen. Was aber stets bleibt, ist die Klangkulisse aus dem Motorraum und den vier Endrohren. Die Nachbarschaft weiß immer, wann man nach Hause kommt.
Natürlich könnte man auch mit diesem Range Rover ins Gelände fahren, die Luftfederung gibt bis zu 28 Zentimeter Bodenfreiheit, die Offroadprogramme meistern vom Steinfeld bis zur Schlammpiste alle Unwegsamkeiten, und selbst dieser Sportwagen-SUV hat eine Wattiefe von 85 Zentimetern. Aber all das ist in diesem Auto mehr Folklore als praktischer Nutzen.
Was uns im Test verwundert hat: Der Preis von knapp 180.000 Euro inkludiert keinen adaptiven Tempomaten, es gibt keinen Lenk-, sondern nur einen Spurhalteassistenten mit vibrierendem Lenkrad. Die beiden großen Bildschirme für Navigation und Medien in der Mittelkonsole reagierten manchmal mit einer Verzögerung, die nervig war.
Bei solchen Autos die Sinnfrage zu stellen ist lächerlich. Es gibt Menschen, die so ein SUV fahren wollen, und deswegen wird es gebaut. Es geht schlicht ums Geschäft, und daher können wir Land Rover den Range Rover Sport SVR auch verzeihen – genauso wie Mercedes, die den vermutlich fähigsten Geländewagen der Welt, den G, zum AMG G 63 mit 585 PS aufgemotzt haben. Solche Autos passen eher zu BMW (die all ihre SUVs in der M-Version anbieten), aber es gibt eben standesbewusste Scheichs und geltungsbedürftige Oligarchenkinder.
Unsereiner träumt dagegen davon, mit einem Range Rover Autobiography sanft und geräuschlos durch die Hügellandschaft von Südengland zu gleiten, durch die offenen Fenster klingen nur das Singen der Vögel und das Rauschen des Atlantiks. Denn die Stärke des Range Rover ist nicht das Laute, sondern das Leise.
DATEN
Länge/Breite/Höhe: 4879/2220 (mit Außenspiegel)/1803mm
Radstand: 2923mm
Eigengewicht: 2423 Kilogramm (laut Zulassung);
Leistung: 575 PS (423 kW); Höchstgeschwindigkeit: 283 km/h ; 0–100 km/h: 4,5 Sekunden; Drehmoment: 700 Nm (bei 3500 bis 5000 U/min).
Kofferraum: 780 bis 1686 Liter (bei umgelegter Rückbank); Laderaumhöhe: 837 mm.
Offroad-Eigenschaften: Wattiefe: 850mm; Bodenfreiheit: 278mm.
Verbrauch im Test: 13 Liter/100 km.
Preis: ab 170.800 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2018)