Wien
Zwei Prachtexemplare des Fin de Siècle
In der Werdertorgasse erhalten zurzeit gleich zwei Gründerzeitliegenschaften ihre ursprüngliche Fassade. Dahinter versteckt sich moderne Architektur.
Die Werdertorgasse im ersten Bezirk, nahe dem Schottenring, liegt im historischen Textilviertel der Wiener Innenstadt. Hier gibt es einige Prachtexemplare des Fin de Siècle, einer Blütezeit der Architektur in Wien. Für zwei dieser Liegenschaften steht nun ein Umbau nach Plänen der Arge Einwaller und Fialik an. Die leitenden Architekten, Alexander Fialik und Katrin Einwaller, realisieren samt Team als Arbeitsgemeinschaft seit rund 18 Jahren gemeinsam Bauprojekte; die dahinterstehenden Unternehmen existieren seit über 30 Jahren. Das Besondere an den aktuellen Projekten ist die Symbiose von Alt und Neu.
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Die Fassaden der Gründerzeithäuser sollen im alten Glanz erstrahlen. Dahinter wird nur die gute Bausubstanz beibehalten und der Rest neu gebaut. Die Planungsphase ist weitgehend abgeschlossen und baugenehmigt – im September soll mit dem Bau begonnen werden. Die Fertigstellung ist für 2020 vorgesehen.
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Das Gebäude in der Werdertorgasse 6 ("Werder Six") des Bauträgers "Werdertorgasse 6 GesmbH und Co KG" wurde 1876 erbaut und diente anfangs als Volksschule, in jüngster Vergangenheit war es Verwaltungsgebäude der Stadt Wien und beherbergte Büros und Wohnungen.
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Jetzt wird es vom Bauträger in ein modernes Wohnhaus mit 50 Apartments in der Größe von 50 bis rund 150 Quadratmetern umgewandelt: Zwölf straßenseitige Wohnungen bleiben im Altbaustil, 38 Neubauwohnungen entstehen.
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"In weiten Teilen ist das Haus im Urzustand vorhanden. Etwas weniger als die Hälfte der Substanz wird entfernt und durch Neubauten ersetzt, die mit dem Altbau verbunden werden. Das macht es zu einem besonders spannenden Projekt", sagt Fialik.
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Meist achten Planer darauf, so viele Nutzflächen wie möglich zu generieren. Bei dieser Planung lag der Fokus zusätzlich auf schönen, großen Räumen mit hoher Qualität. So hat etwa der Dachausbau mit Rundumblick über Wien in den Galeriebereichen bis zu 6,20 Meter Raumhöhe. Auch nach unten wird gebaut: 50 Abstellplätze sieht der Plan vor.
(c) ZOOM visual project gmbh
Das zweite Projekt betrifft das Haus Nummer 5–7 an der Ecke Werdertorgasse/Neutorgasse (Bauträger Sirius Neutor Wien GesmbH). Es wurde 1869 als Wohn- und Geschäftsgebäude für den Textilfabrikanten Mayr Mandl errichtet. Zuletzt war es ein Bürohaus der Erste Bank und musste erst in ein Wohnhaus umgewidmet werden.
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Bauliches Highlight wird der eineinhalbgeschoßige Dachausbau mit Rooftop-Terrasse. Zudem erhält das Gebäude eine eigene Tiefgarage.
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Die unteren Stockwerke bleiben im Altbaustil (36 Wohnungen), sieben Dachgeschosswohnungen sind Neubau.
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Auffallend bei diesem Haus ist der imposante Sockel. In eine Hälfte soll zusätzlich zur bestehenden Apotheke eine Bank einziehen, weiters entsteht ein Luxus-Wellnessbereich mit Pool für die Wohnungseigentümer.
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Bei der Gestaltung hatte das Planungsteam relativ großen Freiraum, orientierte sich an der Marktlage und schuf einen Mix von Kleinstwohnungen bis zu großzügigen Palais-Apartments.
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"Die Grundrisse planen wir in Absprache mit dem Bauherrn, dem für das Projekt beauftragten Makler Piment und Kunden. Wir achten auf große Wohnräume, Schlafbereiche mit eigenem Bad und Schrankraum sowie auf möglichst kleine Flächen für Erschließungen", sagt Einwaller. Wichtig sei es auch, modular zu planen, damit Zusammenlegungen oder Halbierungen jederzeit möglich sind.
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Als Markenzeichen setzt das Duo gern starke architektonische Statements auf bestehende Substanz. "Dazu zählt das Dach", sagt Fialik. "Wir sehen es als eigenständigen Baukörper, der mit dem darunterliegenden Altbestand eine Symbiose eingeht."
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Beide Liegenschaften sind mit modernster Technik ausgestattet – Betriebskosten sparende Klimatisierung unter anderem mit Fernkälte und Smart-Home-Systemen. "Und bei den Fassaden werden die Kunststofffenster durch hochwertige Kastenfenster abgelöst, die den alten Maßstäben und Ursprungsproportionen entsprechen", erklärt Fialik.
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Vom Stil her unterscheiden sich die beiden Projekte stark. Werdertorgasse 5–7 ist im klassischen Palais-Stil gehalten, . . .
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. . . Werder Six jung, modern, urban – im Loft- bzw. Industrial-Stil.
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Und während beim Eckhaus "Am Werdertor" die äußere Fassade interessanter ist, punktet Werder Six (im Bild) mit begrüntem Innenhof.
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Beim Kostenaufwand halten sich die Projekte in etwa die Waage. Kostentreiber sind die hohen Sicherheitsstandards, die Neubaukriterien entsprechen. "Vor 100 Jahren hatten Architekten betreffend Raumhöhen, Abmessungen usw. noch ganz andere Möglichkeiten. Das macht Altbausanierungen zu einer reizvollen Aufgabe", sagt Einwaller.
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Wenn das Architektenduo bei der Revitalisierung zwischen Altbau- oder Neubaustil wählen muss, schlagen zwei Herzen in der Brust. "Wir lieben das Neue", sagt Einwaller. „Aber gerade bei Sanierungen in der Wiener Innenstadt gilt es, Demut vor der Historie und Substanz zu zeigen.“ (Christian Scherl) > > Links:
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