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Lernreise der Regierung: Das Klassenzimmer der Zukunft

Kanzler Sebastian Kurz auf Besuch in einer Privatschule in Hongkong. Die Tablets bezahlen die Eltern zusätzlich zum Schulgeld von 15.000 Euro pro Jahr.
Kanzler Sebastian Kurz auf Besuch in einer Privatschule in Hongkong. Die Tablets bezahlen die Eltern zusätzlich zum Schulgeld von 15.000 Euro pro Jahr.APA/HELMUT FOHRINGER
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Die Regierung um Kanzler Sebastian Kurz ließ sich für die digitale Schule in Hongkong inspirieren. Österreich hat großen Aufholbedarf – vor allem in der Infrastruktur.

Hongkong. Die Schüler nehmen Aufstellung. In ihren Uniformen reihen sie sich aneinander und winken mit österreichischen, kanadischen und Hongkonger Flaggen. Sie werden gleich Bundeskanzler Sebastian Kurz, Bildungsminister Heinz Faßmann und Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (alle ÖVP) empfangen. Die haben sich auf ihrer (selbst so bezeichneten) Lernreise durch Singapur und Hongkong ungewöhnlicherweise für den Besuch einer kanadischen Schule entschieden.

Die Canadian International School passte ins Konzept. Denn hier befindet man sich schon dort, wo Österreich in den nächsten vier Jahren hin will – nämlich im digitalen Zeitalter. So konnte sich die Regierung Ideen holen und gleichzeitig die ersten Teile des eigenen „Masterplans für Digitalisierung“ präsentieren. Laut diesem soll die Internetanbindung der Schulen verbessert, die digitalen Lerninhalte sollen aufbereitet und die Lehrer dafür geschult werden. Die Schüler werden außerdem Tablets beziehungsweise Laptops bekommen – wobei es hier offenbar noch Unklarheiten und Diskussionsbedarf gibt.

In der Hongkonger Privatschule gehört das bereits zur Normalität. Die Volksschüler sitzen mit ihren in Gummi stoßsicher eingepackten Laptops und lernen. Einen Stock tiefer programmieren Schüler einen Roboter und tauchen mit einer Virtual-Reality-Brille in eine neue Lernwelt ein. Auf dem Gang würden, erzählt Direktor David Baird, ab und zu auch Drohnen fliegen. Denn „im Programmieren und in der Robotertechnik liegt die Zukunft“. Er wolle seine Schüler auf das vorbereiten, was sie in zehn oder 15 Jahren auf dem Arbeitsmarkt erwartet.

 

Wer soll die nötigen Geräte bezahlen?

Tablets und Laptops müssen an der Privatschule die Eltern kaufen. Alle drei Jahre braucht es neue Geräte. Bei einem jährlichen Schulgeld von 15.000 Euro pro Kind, die hier entrichtet werden müssen, fällt das aber wohl nicht mehr zu sehr ins Gewicht. Die Ausstattung allein reicht für eine digitale Schule aber nicht. „Du kannst Lehrern und Schülern nicht nur Geld und Geräte hinwerfen“, sagt Baird.

An der Canadian International School gibt es ein Trainingsprogramm für Lehrer. Sie werden außerdem von IT-Experten unterstützt. Die 1000 Tablets und 300 Apps, die in der Schule in Verwendung sind, müssen eingerichtet, gewartet und repariert werden.

Das „digitale Klassenzimmer“ in Österreich ist noch nicht ganz so weit. Es gebe, wie Kanzler Kurz sagt, „enormen Aufholbedarf“. Das zeigen auch die Zahlen. Lediglich die Hälfte der Schulen verfügt über WLAN in allen Räumen, und nicht einmal ein Drittel hat eine ausreichend schnelle Internetverbindung (100 MBit pro Sekunde). Gar nur 5,9 Prozent der Neuen Mittelschulen (NMS) und 6,4 Prozent der Gymnasien führen Notebook- oder Tabletklassen.

Deshalb kündigte die Bundesregierung in Hongkong mehrere Maßnahmen an. Bis 2020 soll schnelles Internet, wie Infrastrukturminister Norbert Hofer (FPÖ) sagte, flächendeckend zur Verfügung stehen. Die digitale Grundbildung, die nun in den Schulen eingeführt wird, soll bis Ende der Legislaturperiode ein verpflichtendes Fach werden. Ob es auch für alle Schüler vom Staat bezahlte Tablets geben wird, wie es Ex-Kanzler Christian Kern (SPÖ) in seinem „Plan A“ forderte, ist allerdings nicht klar. Hier könnten die Gemeinden, der Bund oder (zum Teil) auch die Eltern zur Kasse gebeten werden. Diese Fragen sollen bis Jahresende geklärt werden. Dann soll der „Masterplan für Digitalisierung“ fertig sein.

Viele Fragen an die Lehrer der Canadian School blieben. Wie sehe in einer digitalen Schule das Arbeitspensum der Lehrer aus, wollte Minister Faßmann wissen. „Das ändert sich jede Woche, jeden Tag, das ist flexibel“, bekam er zu hören. Auch einen fixen Stundenplan oder eine fixe Dauer einer Unterrichtseinheit gebe es an dieser Schule im Prinzip nicht. Aber gebe es denn, ließ der Minister nicht locker, gar keine Bücher und keinen Frontalunterricht mehr? „Doch“, hieß es, „auch das braucht man“. Faßmann atmete sichtlich auf: „Bin ich froh, dass Sie das sagen.“ Denn Traditionelles sei nicht immer schlecht.

Compliance-Hinweis: Die Kosten dieser Reise wurden vom Bildungsministerium übernommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2018)