JPMorgan: Türkei & Co auch durch Fed-Politik unter Druck

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Staaten wie die Türkei, die eine hohe Abhängigkeit von Auslandskapital haben, seien gut beraten, die Ungleichgewichte in der Wirtschaft abzubauen, heißt es bei JPMorgan.

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Länder wie die Türkei oder Argentinien, die mit hoher Inflation und dementsprechend starkem Verlust des Außenwerts ihrer Währung zu kämpfen haben, sind auch durch die jüngsten US-Zinserhöhungen und den Entzug von Dollar-Liquidität an den Finanzmärkten durch die amerikanische Notenbank Fed unter Druck geraten. Darauf verwiesen am Montag Finanzexperten von JPMorgan.

"Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass seit Oktober 2017 die Renditen von Schwellenländeranleihen und damit die Finanzierungskosten der betroffenen Länder ansteigen", erklärte JPMorgan-Kapitalmarktstratege Tilmann Galler in einer Aussendung. Zahlreiche Staaten und Unternehmen in den Emerging Markets hätten die davor historisch niedrigen Zinsen genutzt, um sich stärker zu verschulden - dann habe die Fed ihren Kurs geändert. Jetzt sei die Lage einiger Länder und Firmen der Emerging Markets "vielleicht vergleichbar mit einem Hausbesitzer, der sein Haus zum Teil mit einem Fremdwährungskredit finanziert hat und jetzt feststellen muss, dass der Kreditbetrag in heimischer Währung immer größer wird".

Staaten wie die Türkei, die eine hohe Abhängigkeit von Auslandskapital haben, seien also gut beraten, die Ungleichgewichte in der Wirtschaft abzubauen, "sonst drohen weitere heftige Entzugserscheinung", sagt Galler. Die Gefahr, dass die Entwicklung in der Türkei über das Bankensystem die breiteren Finanzmärkte stabilisiere, sei eher gering. Europas Banken seien mit ihren in den letzten Jahren gestiegenen Kernkapitalquoten stabil aufgestellt, um solche finanzielle Probleme verkraften zu können.

 

Lira unter Druck

Die Leistungsbilanz der Türkei sei tiefrot, das Defizit betrage mehr als 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die Sparquote sei relativ niedrig und die Verschuldung in US-Dollar relativ hoch - während auf der Habenseite die Devisenreserven klein seien. "Wenn bei so einer Ausgangslage das Ausland nicht mehr bereit ist, das Leistungsbilanzdefizit durch Kapitalzuflüsse auszugleichen, gerät die Währung unter Druck", so Galler. Ein starker US-Dollar und ein steigender Ölpreis würden die Inflation anheizen und die Landeswährung schwächen, die seit Jahresbeginn ja um mehr als ein Drittel eingebrochen ist.

JPMorgan über die Türkei: "Die zögerlichen Zinserhöhungen der Notenbank sind nicht ausreichend gewesen, um die Situation an den Devisenmärkten zu beruhigen und die Kapitalabflüsse zu stoppen, weil zusätzlich noch Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbank aufkamen." Die türkische Notenbank tagt wie berichtet das nächste Mal am 13. September. Aktuell liegt der Leitzins bei 17,75 Prozent. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte schon vor einiger Zeit angekündigt, eine stärkere Kontrolle über die Zentralbank auszuüben, und den hohen Leitzinsen den Kampf angesagt.

Am Montag nun hat die Notenbank hat weitere Maßnahmen im Kampf gegen die Lira-Krise angekündigt. "Jüngste Entwicklungen bezüglich der Inflationsaussichten weisen auf deutliche Risiken für die Preisstabilität hin", teilte sie in Ankara mit. Man werde unter Einsatz aller vorhandenen Mittel die notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Preisstabilität zu gewährleisten. Bei der kommenden Sitzung Mitte September werde man den geldpolitischen Kurs anpassen, hieß es weiter.

Die Landeswährung Lira legte daraufhin zu Euro und Dollar etwas zu. Davor hatte das Statistikamt bekannt gegeben, dass die Inflation im August auf 17,9 Prozent, den höchsten Stand seit September 2003, gestiegen war. Einige Experten erwarten künftig eine noch höhere Teuerung, weil sich der rasante Lira-Verfall von August noch nicht in den aktuellen Zahlen zeige.

(APA)