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Kontroverse um neuen Mel-Gibson-Film? Nicht in Venedig!

Tory Kittles gibt den Ex-Häftling Henry, der seiner Familie eine bessere Zukunft ermöglichen will.
Tory Kittles gibt den Ex-Häftling Henry, der seiner Familie eine bessere Zukunft ermöglichen will.APA/AFP/ALBERTO PIZZOLI
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In einem Actiondrama mit Mel Gibson werde gegen Schwule, Ausländer und Bioläden ausgeteilt, berichteten Medien. Ob diese den Film, der in Venedig Premiere hatte, wirklich gesehen haben? „Dragged Across Concrete“ stellt höchstens umstrittene Weltbilder zur Diskussion.

Schon seltsam: Da sitzt man in Venedig beim Berichterstattungs-Tagwerk und stößt auf Pressemeldungen, die eine „Kontroverse“ bei den Filmfestspielen wittern, von der hier aber jede Spur zu fehlen scheint. Vielleicht hat man sich ja wieder einmal in eine Filterblase verlaufen oder Twitter nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt? Und was noch keine Kontroverse ist, kann eine werden, wenn genug Leute sie an die Wand malen . . .

Also besser überprüfen. Da ist vom neuen „Mel-Gibson-Film“ die Rede, in dem ordentlich „ausgeteilt“ werde, „gegen die Medien“ und „gegen Schwule, selbst gegen Bioläden“. In ihm seien „fast alle Mexikaner und Afroamerikaner kriminell“. Die Beschreibungen klingen ja wirklich bedenklich. Doch es ist fraglich, ob ihre Verfasser den Film, der am Lido am Montag außer Konkurrenz Premiere hatte, gesehen haben. Er heißt „Dragged Across Concrete“ und ist streng genommen kein Mel-Gibson-Film, sondern die jüngste Regiearbeit von S. Craig Zahler, eines Hoffnungsträgers des US-Kinos. Gibson ist darin prominent besetzt, doch neben ihm spielen auch Vince Vaughn und der afroamerikanische TV-Darsteller Tory Kittles („True Detective“) wichtige Figuren. Letzterer gibt den Ex-Häftling Henry, der seiner Familie eine bessere Zukunft ermöglichen will – und sich auf den sprichwörtlichen „letzten Auftrag“ einlässt.

Parallel läuft die Geschichte zweier Cops: Gibson spielt den abgebrühten Hitzkopf Brett, Vaughn seinen besonneneren Kollegen Tony. In der Tradition ruppiger Siebzigerjahre-Polizeidramen, denen Zahler Tribut zollen will, ist das Duo wenig zimperlich – in einer Szene drängen sie eine Frau zum Verhör aus der kalten Dusche unter einen Ventilator. Zugleich stehen seine Sorgen im Fokus. Brett beklagt, wegen Unterbezahlung in einem Problemviertel leben zu müssen, seine Tochter wird auf dem Heimweg von einem schwarzen Jungen mit einem Softdrink beworfen – ein Moment, in dem es weit mehr um Klassen- und Rassenspannungen geht als um das Spektakel des Übergriffs. Auch Tony braucht Geld: Er will seine dunkelhäutige Freundin (Tattiawna Jones) heiraten. Als ein Internetvideo die Methoden der „bad cops“ publik macht, werden sie suspendiert und geraten auf Abwege, die sich mit denen Henrys kreuzen.

Hin und wieder fallen Sätze wie dieser: „Wie kann man Menschen ernst nehmen, die auf jede eingebildete Intoleranz mit äußerster Intoleranz reagieren?“ Die Polizei-Antihelden könnten auch Trump-Wähler sein. Für zusätzlichen Zündstoff sorgt, dass Gibson und Vaughn als Vertreter der konservativen Minderheit Hollywoods bekannt sind. Klar ist, dass Zahler ein gewisses Maß an Verständnis für ihre Sichtweisen aufbringt. Doch von „Agitation“ kann keine Rede sein: Eine der größten Stärken des formal disziplinierten, stark stilisierten Films ist die Distanz, die er (auch ästhetisch) zu seinen Figuren einnimmt – und die Dialektik seiner zweigleisigen Erzählung.

Er stellt Weltbilder, die man kritisch hinterfragen kann und sollte, zur Diskussion - ist aber weit davon entfernt, sie zu rechtfertigen oder zu glorifizieren. Die Pressekonferenz zum Film verlief gesittet. Englischsprachige Kritiken, auch jene des linksorientierten „Guardian“, bemängelten vor allem seine Überlänge, nicht den politischen Subtext.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2018)