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Buenos Aires: Stadt unter Strom

Tango ist omnipräsent. Man tanzt klassisch bei der Milonga   – oder open air.
Tango ist omnipräsent. Man tanzt klassisch bei der Milonga   – oder open air.(c) UIG via Getty Images (Jeff Greenberg)

Die Bewohner von Buenos Aires nennen ihre Stadt „Gottes Vorzimmer“: Immer wieder geht sie durch Krisen, aber den Besucher schlägt sie sofort in ihren Bann.

Die wüsten Beschimpfungen scheinen nicht enden zu wollen. Wie ein Rohrspatz auf Speed kämpft sich der Fahrer mit sämtlichen vulgären Ausdrücken, die der Lunfardo, die flapsige Sprache der Einheimischen, hergibt, durch den Verkehr. Freitagabend, und die größte Straße der Welt, die Hauptverkehrsader in Argentiniens Hauptstadt, ist verstopft. Es blinkt. Es ist laut. Es ist hektisch. Die Avenida 9 de Julio, 16 Fahrspuren und 140 Meter breit, quillt über.

Es geht nichts mehr. Es wird wild gestikuliert, so mancher Autofahrer springt erbost aus seinem Gol, der konstruktionseffizienten Südamerika-Variante des deutschen Polo, und wirbelt vor seinem Kleinfahrzeug herum. Die Stimmung ist aufgeheizt, als die letzten Sonnenstrahlen am 67 Meter hohen Obelisk brechen.

Tango Argentina. Dieses hektische Treiben der grünen, aber stickigen Metropole und das aufbrausende Temperament der sehr gastfreundlichen wie hilfsbereiten Bewohner der Río-de-la-Plata-Mündung, der Porteños, sind es, die die Besucher in den Bann von Buenos Aires ziehen. Besonders, wenn die Lateinamerikaner, die für Theater, Film und Musik leben, ihre Obsession auf den Tanzböden im Barrio (Stadtviertel) Almagro ausleben. Dieser wollen sich auch Anfänger in Scharen in der Tangoschule „Escuela DNI“ hingeben. In ausgelatschten Straßenschuhen und verwaschenen Wanderhosen lassen sie sich von Profis in Einführungskursen auf den Geschmack bringen.

So mancher Fremde verfällt dem verführerischen Spiel der Geschlechter, das in der argentinischen Version auf direkten Körperkontakt verzichtet, aber schwungvolle Zwischenschritte verlangt. Die eineinhalb Stunden im 4/8-Takt beanspruchen die Kräfte und mal­trätieren die Rückenmuskulatur. Ermüdungserscheinungen und Gähnen werden unterdrückt. Es gibt keine Ruhezeit, kein Perdón! Wenn die Sonne längst untergegangen und der Stillstand auf den Straßen vorbei ist, erwacht die pulsierende Stadt an der Mündung des Río de la Plata ein zweites Mal.

Im Szeneviertel Palermo verschmelzen die Einflüsse: italienisches Dolce Vita, der Lifestyle von Dublin bis Tel Aviv. Bei Patagonia-Bier und Fernet mit Cola auf Eis wird auf das Leben geprostet. Hier, in den mit Pappel-Alleen gesäumten Straßen, zwischen den Bars, in Clubs, Restaurants und kleinen Hipster-Boutiquen, ist die Neuzeit des einst schäbigen Barackendorfs. Seine Bewohner gieren danach, den Chic Frankreichs, das Genießerische Italiens und das Heißblütige Spaniens zu vereinen.

Buenos Aires, 1536 vom spanischen Seefahrer Pedro de Mendoza gegründet, entwickelte sich durch die Einwanderung europäischer Siedler Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zum florierenden Geschäftszentrum. Argentinien wurde zu einem der reichsten Länder der Welt. Die Bauten an der Avenida de Mayo mit ihren noblen Cafés, wo zum Frühstück Milchkaffee zu warmen Medialunas serviert wird, erinnern an diese Blütezeit. Wie auch der Palacio Barolo, den der italienische Architekt Mario Palanti nach Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ entworfen hatte – von der Hölle im Keller bis zum Himmel in der 22. Etage. Bei guter Sicht lässt sich von dort Montevideo, Uruguays Hauptstadt, erspähen.

Die Madres de la Plaza de ­­Mayo demons­trieren donnerstags – seit 1977.
Die Madres de la Plaza de ­­Mayo demons­trieren donnerstags – seit 1977.(c) Getty Images (Anadolu Agency)

Schweigemarsch. Nirgendwo ist der Aufstieg besser nachvollziehbar als rund um die Plaza de Mayo, auf der die Mai-Revolution 1810 stattfand und Argentinien sechs Jahre später seine Unabhängigkeit von Spanien erlangte. Aber auch der Niedergang der Bundesrepublik ist bis heute zwischen der imposanten Kathedrale und der Nationalbank dokumentiert. Noch immer formieren sich hier auf der Avenida Rivadavia die „Madres de Plaza de Mayo“. Jeden Donnerstag treten sie zwischen hektischen Geschäftsleuten und ruhelosen Touristen ihren Schweigemarsch an: Die Mütter des Platzes der Mai-Revolution gedenken 35 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur des Verschwindens ihrer 30.000 Töchter und Söhne, der sogenannten Desaparecidos. Die meisten ihrer Kinder wurden damals ermordet. Dieses systematische Verschwindenlassen konnte bis heute nicht vollständig aufgeklärt werden. Die weißen Kopftücher der Mütter an den Zäunen im Park sind ein Symbol des stillen Widerstands gegen das Verbrechen der damaligen Militärdiktatur, die das Protestieren im Stehen untersagte.

Kochtopfdemonstrationen. Noch frisch sind auch die Narben der vergangenen Krise, schon scheint die nächste anzurollen. Es war Ende 2001, Ausgangsort der roséfarbene Präsidentenpalast Casa Rosada, der laut einer Legende mit einem Gemisch aus Ochsenblut und Kalk gestrichen ist: Die Menge tobte bei den „Kochtopfdemonstrationen“, den sogenannten Cacerolazos. Der Grund: Der Staat hatte knapp vor dem Bankrott den „Corralito“ eingeführt. Jeder Bürger durfte nur noch 1000 Pesos, etwa 1000 US-Dollar, pro Monat von seinem Bankkonto abheben. Die Hälfte der Bevölkerung verarmte über Nacht. Das Desaster konnte nicht abgewendet werden, nach blutigen Straßenschlachten wurden innerhalb von zehn Tagen fünf verschiedene Präsidenten ausgerufen und sofort wieder gestürzt. 27 Menschen starben bei den Protesten. Die Wunden von damals sind verheilt. Oberflächlich. Ihre Angst vor einem erneuten Zusammenbruch verheimlichen die Porteños nicht. Ebenso wenig wie ihre enge Beziehung zu ihren Seelenklempnern – in keiner Stadt der Welt wird das Reparieren des inneren Ichs so offenkundig preisgegeben.

Psychogramm. Entspannung finden die Menschen nicht nur auf der Couch ihrer Psychiater, sondern auch im Hafenviertel Puerto Madero, wo Kinder im Park toben, während ihre Eltern picknicken und an ihrem frisch gebrühten Mate-Tee nippen. Ein Genuss, den die Porteños zu jeder Tageszeit und überall ausleben – sogar in der überfüllten U-Bahn (Subte), mit Heißwasser aus der Thermoskanne und den typischen Tongefäßen samt metallischem Trinkhalm. Ist der anfängliche Graus vor dem bitteren Gebräu überwunden, verfällt so mancher Gast dem Wirkstoff des Mate-Blatts. Süchtig kann auch Dulce de Leche machen. Der picksüße, aus Milch und Zucker karamellisierte Aufstrich verklebt bereits beim Frühstück den Mund und wird nachmittags im Eis geschleckt oder als Alfajor zwischen zwei Keksen verspeist. Wo? Auf dem Markt von San Telmo, wo nach der morgendlichen Hektik am Nachmittag Ruhe einkehrt.

Das pikante Zwischendurch sind Papas Fritas, wie die frittierten Kartoffelstifte in Südamerika genannt werden, oder Empanadas. Die gefüllten Teigtaschen werden an vielen Straßenecken neben hupenden Taxis und vorbeirasenden Bussen (Colectivos) heiß serviert. Zuerst verdauen, bevor eine Fahrt mit so einem „Bondi“ das Adrenalin durch die Blutbahnen sausen lässt: Auf der mitunter abenteuerlichen Fahrt mit dem Bus werden drei rote Ampeln missachtet. Der Eindruck wird auch von einer Statistik, die Stadtführer bei einer Nachmittagstour durch La Recoleta auftischen, bestätigt.

Gegrilltes alias Asado ist das Rückgrat der argentinischen Küche.
Gegrilltes alias Asado ist das Rückgrat der argentinischen Küche.(c) LightRocket via Getty Images (Wolfgang Kaehler)

Heldinnenverehrung. Der Stadtfriedhof ist trotz seiner zentralen Lage eingekesselt von Hochhäusern, eine weitgehend graue Oase im hektischen Buenos Aires. Die ewige Ruhe wirkt dort auch auf Besucher. Vor überdimensionalen Mausoleen, zwischen Palmen und steinernen Engeln wird der Toten gedacht. Nur vor dem schlichten Grab mit Nummer 42 herrscht Trubel. Die sterblichen Überreste der einstigen Primera Dama María Eva Duarte de Perón – Evita (1919–1952) – wurden hier beigesetzt. Mit Blumen, Bildern und Kerzen wird der zweiten Frau des ehemaligen Staatspräsidenten Juan Perón noch heute gedacht.

Noch populärer als die speziell von der Mittelschicht verehrte, im 33. Lebensjahr verstorbene Filmdiva ist nur der für viele Argentinier fleischgewordene Gott: Diego Maradona, der pensionierte Mittelfeldspieler, der sich im Stadion La Bombonera unweit der Touristenmeile La Boca im gleichnamigen Armenviertel zum Weltruhm dribbelte. Eine Glorifizierung, mit der die Anhänger des um 27 Jahre jüngeren und fünf Zentimeter größeren Lionel Messi nicht leben können. Für sie ist der Stürmer vom FC Barcelona mit seinen 1,70 Metern die wahre Größe im argentinischen Fußball.

Die Diskussion wird gern bei einem Asado, dem landestypischen Barbecue mit argentinischem Rind, ausgetragen. Algo hecho oder poco hecho? Medium oder rare? Für Fleischliebhaber eine strittige Glaubensfrage in der Hauptstadt, dem Vorzimmer Gottes, wie ein Sprichwort besagt: „Gott ist überall, nur in Buenos Aires hat er seine Sprechstunden.“

Gespalten sind die Gaumen ebenso, wenn es um die argentinische Pizza mit ihrem dicken Teigboden geht. Kritik am Pendant des dünnen italienischen Fladenbrots wollen die Porteños nicht hinnehmen. Empfindlich reagieren sie auch auf die Frage, wie sie es mit Papst Franziskus halten. Die tiefe Zerrissenheit in der Volksseele zeigt sich erneut. Die einen treten als strenge Anhänger für das in Argentinien geborene Kirchenoberhaupt ein, weil Franziskus sich besonders für soziale Gerechtigkeit in seiner Heimat einsetzte. Er ist der Mann aus ihrer Mitte. Die anderen wähnen ihn gern in der Ferne Europas. Sie lasten ihm die Nähe zur Militärdiktatur an. Oder kritisieren, dass angekündigte Reformen im Vatikan und wichtige Reaktionen zu schleppend kommen.

Díos es argentino! Die zaghafte Entwicklung sei ein generelles Problem der Millionenme­tropole, meinen Außenstehende. Zu lautes Sprücheklopfen und zu viel Bürokratie würden Buenos Aires bremsen, die Wirtschaft lähmen und einen besseren Lebensstandard verhindern. Hinzu kommt die nicht gern laut ausgesprochene Korruption, die vielen noch immer den Glauben an eine sorglose Zukunft nimmt. Trotzdem: Buenos Aires ist attraktiver, vielfältiger und reizender, als sein Ruf vermuten lässt. Wer sich seinem Bann hingibt, wird mit Leidenschaft, Genuss und Vielfalt belohnt werden.

Anreise: Fluglinien wie Lufthansa, Air France KLM und Iberia fliegen Buenos Aires an.

Stadtleben: Buenos Aires hat den Ruf, die europäischste Hauptstadt in Südamerika zu sein. Atmosphärisch stimmt das. Barrios verwandeln sich auch hier stark durch Gentrifizierung: Im hippen Viertel Palermo steigen die Immobilienpreise, die Kreativen und unorthodoxen Gastronomen wandern weiter ins Barrio Villa Crespo. In den vergangenen Jahren hat sich die Stadt insgesamt zu einer echten Food-Destination entwickelt. Tipp zum Essen- und Ausgehen: je später, desto besser.

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