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Ars Electronica: Die Fehlerteufel sind heuer offiziell in Linz

Diese Kugeln tanzen im Luftstrom – wenn man nicht dieses labile Gleichgewicht boshaft stört: „ObOrO“ von Ryo Kishi, eine Installation in der Postcity.
Diese Kugeln tanzen im Luftstrom – wenn man nicht dieses labile Gleichgewicht boshaft stört: „ObOrO“ von Ryo Kishi, eine Installation in der Postcity.Ars Electronica
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Ein „Defective Apparatus“, der wirklich defekt ist, ein Roboter, der sich selbst schneidet, gruslige Medizin im tiefsten Keller und Newtonsches im Sonnenlicht: ein Gang durch die Ausstellungen in der Linzer Postcity.

Not ready – please don't enter“ steht in Großbuchstaben auf einem Zettel, der mit Klebeband auf einem schwarzen Vorhang affichiert ist. Der Vorhang verhüllt den Eingang zu einer der Kojen, in der bei der Ars Electronica die Installationen untergebracht sind. Bei dieser Koje steht auf der Erklärtafel der Werktitel: „Defective Apparatus“. Schlichte, aber gute Pointe, denkt man, doch dann liest man weiter, über eine Maschine, die lerne, mittels Laserapparatur den Beobachter zu meiden. Ja, hinter dem Vorhang stehe tatsächlich eine solche Maschine, heißt es beim Infodesk, sie sei aber offenbar derzeit defekt . . .

Nein, das kann man nicht erfinden, denkt sich der Berichterstatter – und beschließt, nach über drei Jahrzehnten Ars-Electronica-Erfahrung endlich zu gestehen: Ein bisschen Schadenfreude hat er schon manchmal gespürt, wenn etwas nicht funktioniert hat bei diesem (auch) der Technologie verschriebenen Festival, wenn ein Fehlerteuferl just dort seine Streiche gespielt hat. Heuer tut es das quasi in offizieller Mission: „Error“ ist das Motto.

 

Pflanzerei mit CO2

So geht man also auf Kunst- und Kunstfehlersuche in den gigantischen Betonhallen des ehemaligen logistischen Zentrums der Linzer Post. Und wird vielfach fündig, etwa gleich bei „Defooooooooooooooorest“ (15 Mal o, bitte nachzählen), wo erklärt wird, dass die Google-Website „durchschnittlich 52.000 Besuche pro Sekunde mit einem Gewicht von ca. 2 MB“ habe, „was zu einer geschätzten Menge von 500 kg CO2-Emissionen pro Sekunde führt“. Daher solle man sich „alternative Techno-Paradigmen“ vorstellen – offenbar solche, in denen man das Gewicht in Megabyte misst. Das eigentliche Kunstwerk besteht dann in einem Bildschirm, auf dem Bäume aufscheinen, die man angeblich pflanzen müsste, um das emittierte CO2 zu binden.

Ja, auch heuer sind etliche der ökologisch angehauchten Arbeiten arg plakativ, und über die Liebe vieler Künstler zu höchstens halb verstandenen, aber umso gravitätischer zitierten Konzepten aus der Naturwissenschaft kann man auch heuer viel lächeln. Oder sich ärgern, etwa über das Quantenbiologie-Geraune von „Infinite In-Between“. Manchmal fragt man sich, ob sich hinter den irren Wortschwallen nicht doch – hoffentlich – Ironie versteckt. Bei „Power Is the Only Error“ etwa, wo man über „hedonische Selbstorgansiation“ (sic!) liest.

 

Alles chic mit der Physik

Oder bei einem Werk namens „Tangible Flux φ Plenumorphic Chaosmosis“, in dessen Beschreibung von „zeitlichen Texturen, die aus materiellen Energiefeldern hervorgehen“, die Rede ist, und das in seiner materiellen Erscheinung wirkt wie der Albtraum von einem Physikpraktikum, in dem man rein gar nichts versteht.

Eher medizinische Albträume verbergen sich im tiefsten Keller, in Installationen namens „Artificial Uterus“, „Give My Creation . . . Life!“ (mit klapperndem Kunstherz) und „Amygdala“. In Letzterer schneidet ein Roboter mit Todesverachtung durch seine eigene, sehr menschlich aussehende Haut, und auf die Frage, warum das Werk so heißt, wie es heißt, antwortet eine Künstlerin: „Weil das so weiblich klingt.“

 

Von Albträumen zu Apfelbäumen

Von diesen Müttern schnell zurück in höhere Gefilde! Zu „Smile to Vote“ etwa, wo ein Gesichtserkennungssystem den Berichterstatter fehlerfrei als Sozialdemokraten erkennt. Zu „ObOrO“, wo man Kugeln beim ästhetischen Schweben im Luftstrom zusieht oder sie fehlerteuflisch dabei stört. Oder zu „+b (Orbit)“, einer Erdkarte, auf der mit Zuckerwürfeln die Orte der Nuklearexplosionen markiert sind – eine der wenigen gesellschaftspolitisch engagierten Arbeiten, die einen nicht verwirren, sondern informieren.

Und dann geht man, vorbei an all den Bienen (die, wenn sie munter sind, mit Robotern kommunizieren sollen) und verkabelten Hirnen, an all den 1300 Künstlern (so viele sind es laut Ars!) am besten gleich ganz hinauf: auf das weite, aus hellem Holz gebaute Balkonien von „Himatsubushi“. Das heißt: die Kunst, Zeit totzuschlagen. In diesem Sinn steigt man hinan, sieht Liebreizendes wie Uhrblätter mit Blütenblättern und endet im Sonnenlicht, in einem Garten. Dort steht ein sanfter Mann namens Yasuhiro Suzuki, der erklärt, dass sein Nachname kein Motorrad, sondern einen Baum bedeutet. Er zeigt eine newtonsche Variante des japanischen Geschicklichkeitsspiels Kendama, mit einem Apfel als Kugel, man versteht.

Daneben stehen Apfelbäume, und wenn man zehn Schritte zurückgeht, hat man einen herrlich industrieromantischen Blick auf die Gleisanlagen des Linzer Bahnhofs. Dann rutscht man über ein Förderband zurück in die Haupthalle, isst ein bioinformatisch approbiertes Weckerl, und dann passt alles, Kunst, Technologie und Gesellschaft, der Spirit der Ars Electronica hat einen wieder, wer braucht da noch Fehler?

„Error – The Art of Imperfection“: bis 10. 9. in Linz. Ausstellungen, Happenings und Konzertnacht (am 9. 9.) in der Postcity (beim Bahnhof), Cyber Arts im OÖ Kulturquartier. Klangwolke (mit La Fura des Baus) am 8. 9.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2018)