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Man sieht auch mit den Füßen gut

Apfelbaums „Fallen Paintings“ im sonst leeren Schwanzer-Pavillon. Betreten und hinsetzen erwünscht. Auch denken an feministischen Sinn und Unsinn.
Apfelbaums „Fallen Paintings“ im sonst leeren Schwanzer-Pavillon. Betreten und hinsetzen erwünscht. Auch denken an feministischen Sinn und Unsinn.Belvedere /Zanzinger
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Schuhe aus! Verlangt US-Künstlerin Polly Apfelbaum von den Besuchern ihrer riesigen Teppichinstallation. Und das tut der Kunst und dem Denken darüber ziemlich gut.

Viel zu sehen ist hier nicht, denkt man sich als Erstes, betritt man das Belvedere 21, formerly known as 21er-Haus, formerly known as 20er-Haus, also den Schwanzer-Pavillon im Schweizergarten. Die große untere Halle ist völlig leer (was sich in zwei Wochen mit der großen Gruppenausstellung „Der Wert der Freiheit“ ändert). Das obere Geschoß sieht von unten ebenfalls total verlassen aus. Geht man die Stiegen hinauf, muss man sich erst einmal die Schuhe ausziehen. Und sieht ein paar große, bunte Teppiche ausgebreitet. Die amerikanische Künstlerin? Kennt man hierzulande nahezu nicht (außer man ist Stammkunde der Galerie nächst St. Stephan, die Polly Apfelbaum seit Jahren ausstellt).

Dort hat Stella Rollig, Direktorin des Belvedere, Apfelbaum einst auch kennengelernt, wie sie erzählt. Welch Glück, sickert es langsam. Diese Leere! Die ist man von diesem außergewöhnlichen spätmodernen Bau eines außergewöhnlichen österreichischen Architekten, Karl Schwanzer (1918–1975), nicht mehr gewöhnt. Seit 1962, seit der ehemalige Österreich-Pavillon der Brüssler Expo von 1958 als Museum dient, war das Obergeschoß mit Trennwänden meist völlig verbaut, auch nach dem Krischanitz-Umbau vor sieben Jahren. Das kann dem Haus auch wieder blühen, schließlich braucht Kunst Hängefläche. Doch jetzt einmal freies, lichtes Raumerleben. Ein großes Gefühl. Noch erhebender durch das Sitzen auf dieser „Happiness Runs“ betitelten Teppichinstallation – womit in einem Satz drei völlig konträre Wortbilder angestrengt wurden. Aber es geht nun einmal im Kreise in diesem galerieartigen Geschoß hier oben. Man ist einigermaßen happy für Bildende-Kunst-Verhältnisse. Und man kann von einem Teppich zum nächsten rennen und sich einmal hier, einmal dort niederlassen und wieder erheben, eben.

 

Weibliches Weben, männliches Bauen?

Mit derlei in die Horizontale gekippten „Fallen Paintings“ beschäftigt sich Apfelbaum übrigens konsequent seit 1996, sie lässt sie in Mexiko nach ihren Entwürfen weben. Von Männern, wie betont wird. Dieser Aspekt soll deshalb wichtig sein, weil das „weiche“ Material als feministisches Statement zu dienen hat: Apfelbaum konnotiert es mit dem häuslichen, dem „weiblichen“ Innenraum. Ein Gefühl, das auch das Tragen weißer Hotelpatschen durch die Besucher verstärken soll. Natürlich ist das schwierig, auch weil hier, wie Rollig sagt, ein Gegengewicht zu Schwanzers „männlichem“ Raum aufgebaut werden soll, der sich durch die Gitterstrukturen und die harten Materialien auszeichne.

Stricken, Weben, Textiles gelten also als weiblich, Beton, Glas, Geometrie als männlich? Klischees sind das sicher, wahr zum Teil trotzdem noch, aber wohl, wie Rollig nachschiebt, gerade in Auflösung begriffen. Apfelbaum, 1955 geboren, in New York lebend, kommt aus einer zumindest noch zeitnahen Hippie-Generation. Es schadet nicht, sich auf dieses durchaus etwas peinliche Gefühl einzulassen, schuhlos die „Füße sehen zu lassen“, wie sie es beschreibt. Man könnte sich direkt daran gewöhnen – Schuhverbot in Museen! Unterschreiben Sie jetzt! Man ist einfach näher dran, schutzlos irgendwie. Fast rechnet man dabei nicht mehr mit den Brüchen, die Apfelbaum uns hier im wahrsten Sinn unterschiebt, die das Nostalgie-Feeling brechen und erträglich machen: etwa die vier großen grünen Teppiche der Installation „Evergreen Blueshoes“, die ein Album-Cover der gleichnamigen Hippie-Band zitieren, auf dem nackte Menschen im Reigen in grünlicher Naturkulisse tanzten.

Die „Kunstrasen“ Apfelbaums ziert nur je ein eingewebter Schuhabdruck. Nix nackt, nix frei, dafür sehr prekär, kann man die zu Schuhpaaren zusammengeschobenen Teppiche doch leicht auseinanderschieben. Hinter allen anderen anfangs leicht zugänglich wirkenden Motiven verbergen sich derlei Geschichten. Man kann hier eben nicht nur gemütlich sitzen, sondern auch ordentlich stolpern. Oder meinetwegen davonfliegen – auf der Idee eines magischen Assoziationsteppichs, die Rollig so gefällt.

Polly Apfelbaum, „Happiness Runs“, Belvedere 21, Arsenalstr. 1, 1030, bis 13. 1., Mi.–So., 11–18, Mi., Fr., 11–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2018)