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Zeitumstellung: Körper aus dem Takt

Verschobener Schlaf: Die Zeitumstellung wirkt sich auf den Körper aus.
Verschobener Schlaf: Die Zeitumstellung wirkt sich auf den Körper aus.(c) APA/AFP/JOHANNES EISELE
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In der Woche nach der Zeitumstellung gibt es mehr Herzinfarkte, Schlaganfälle und Unfälle. Ärzte und Schlafforscher raten daher, sie abzuschaffen.

Ende Oktober ist es wieder so weit, dann werden wir die Uhren wieder um eine Stunde nach hinten stellen. Zumindest dieses Mal noch. Denn der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, hat nach einer EU-Bürgerbefragung vor wenigen Wochen angekündigt, dass er dauerhaft die Sommerzeit in der EU umsetzen will. Kein Mensch soll mehr deswegen aus dem Rhythmus geraten.

Ärzte und Schlafforscher finden das auch gut so. „Aus medizinischer Sicht kann man die Zeitumstellung nicht befürworten. Es wäre besser, wenn man den Menschen das erspart“, sagt Stefan Seidel, Neurologe und Leiter der Schlafambulanz und des Schlaflabors an der Med-Uni Wien.

So belegen mehrere Studien, dass es in der Woche nach der Zeitumstellung „eine kurzfristig erhöhte Rate an Herzinfarkten gibt.“ Andere habe Symptome eines viel zitierten „Mini-Jetlags“. Das heißt, die Menschen reagieren mit Magen-Darm-Verstimmungen wie Durchfall, Übelkeit und Erbrechen auf die verschobene Stunde. Andere sind müder als sonst und haben Konzentrationsschwierigkeiten. Besonders lange dauern die Symptome freilich nicht nicht. „In der Woche danach klingen die Symptome auch wieder aus.“ Besonders betroffen sind dabei Kinder- und Jugendliche oder jene, die besondere früh aufstehen oder besonders spät zu Bett gehen sowie ältere Menschen. „Gerade bei Jugendlichen setzt die Schlafphase später ein. Dadurch verschiebt sich die Schlafphase weiter nach hinten, was zu einem Schlafmangel führt und sich in der Schule auswirkt“, sagt Seidel.

Fragile innere Uhr

„Es ist eine Anstrengung, die man nicht spürt, aber die doch ihre Auswirkung hat“, erklärt Schlafforscherin und Psychotherapeutin Brigitte Holzinger, die das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien führt. Besonders bei älteren Menschen sei die innere Uhr fragil. Sieht man sich Studien an, dann steigt laut Holzinger die Zahl der Schlaganfälle in der Zeit, ebenso gibt es mehr Unfälle. „Die Zeitverschiebung ist für den Organismus anstrengend, damit können Erkrankungen und Schwachstellen im Körper schlagend werden.“

Aber kann eine Stunde wirklich so viel ausmachen? Immerhin verschieben sich ja auch unter der Woche die Tagesabläufe. Holzinger widerspricht. Viele Menschen hätten unter der Woche sehr geregelte Tagesstrukturen, argumentiert sie.

Stefan Seidel vom Schlaflabor rät trotzdem, kein Drama aus der verschobenen Stunde zu machen. Denn zusätzlicher Stress ist es, was der Körper eben genau in jener Zeit nicht braucht.

Viel wichtiger sei es, darauf zu achten, dass man genügend Schlaf bekomme – und wer wolle, könne schon die Tage davor früher (oder später) ins Bett gehen, quasi um sich vorzubereiten. Sonst sei nichts notwendig. „Man kann sich nur schützen, in dem man möglichst entspannt ist und ausreichend schläft.“ Holzinger rät jedenfalls, sich sofort an den neuen Rhythmus anzupassen und nicht früher oder später ins Bett zu gehen, denn sonst könne sich der Körper nicht umstellen.

Aber welche Zeit ist nun die bessere für den Körper? Winter- oder Sommerzeit? Brigitte Holzinger glaubt, dass es Erstere ist, obwohl sie selbst die Sommerzeit bevorzugen würde. „Wir sind in Österreich einfach mehr für das Leben von Morgenmenschen eingerichtet“, argumentiert sie. Stefan Seidel hat keine Präferenzen. „Es ist egal, ob Winter- oder Sommerzeit. Wichtig ist nur, dass es einheitlich ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2018)