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Jürgen Melzer: Die Ungewissheit auf der Zielgeraden

TENNIS - ITF, Davis Cup, AUT vs AUS
Jürgen Melzer (Mitte) und Doppelpartner Oliver Marach (rechts) freuten sich am Freitag mit Dennis Novak.GEPA pictures

Jürgen Melzer wird im Doppel gegen Australien sein 75. Match im Daviscup bestreiten. Die sportliche Zukunft des 37-Jährigen ist jedoch ungewisser denn je, es stellt sich die Sinnfrage.

Graz. Knapp sechs Jahre, von 2008 bis 2014, war Jürgen Melzer ununterbrochen der beste Tennisspieler Österreichs. Der Niederösterreicher gewann in seiner Karriere fünf ATP-Turniere, holte zwei Grand-Slam-Doppeltitel (Wimbledon 2010, US Open 2011), galt als uneingeschränktes heimisches Aushängeschild. Dann kam Dominic Thiem. Vor 52 Monaten tauchte der damals 20-jährige Youngster in der Weltrangliste erstmals vor dem Routinier auf. Thiem war 61., Melzer 67. Heute, mehr als vier Jahre später, ist Thiem die Nummer acht der Weltrangliste, Melzer findet sich auf Platz 546 wieder.

Die Wachablöse hat fließend stattgefunden, nicht urplötzlich. Sie hatte sich angekündigt, weil der Weg des jungen Emporkömmlings aus Lichtenwörth in gewisser Weise vorgezeichnet war – und der um zwölf Jahre ältere Linkshänder zunehmend mit Verletzungen und Rückschlägen zu kämpfen hatte. Melzer konnte das Rad der Zeit nicht zurückdrehen und ist doch immer noch da. Auch dank des 37-Jährigen kommt Österreich an diesem Wochenende in den Genuss, ein Daviscup-Heimspiel gegen Australien in Graz um die Rückkehr in die Weltgruppe zu bestreiten. Im April hatte der Linkshänder in Abwesenheit von Thiem mit zwei Siegen wesentlichen Anteil am 3:1-Sieg in Russland. Auch in Graz ist der Matchwinner von Moskau Teil des fünfköpfigen ÖTV-Teams, dabei hat ihm erst die verletzungsbedingte Absage von Alexander Peya zu diesem Platz verholfen.

Melzer wird an der Seite des 38-jährigen Oliver Marach das heutige Doppel bestreiten, es könnte bereits entscheidenden Charakter haben. Australiens Kapitän, Lleyton Hewitt, nominierte dafür Jordan Thompson und John Peers. An Peers' Antreten gibt es keinerlei Zweifel, der Mann aus Melbourne gehört als Weltranglistensiebenter zu den Besten seiner Zunft. Anstelle von Thompson, so munkelt man seit Tagen, könnte allerdings Hewitt selbst zum Schläger greifen. Nach seinem offiziellen Karriereende bei den Australian Open 2016 ist der 37-Jährige immer wieder rückfällig geworden, spielte danach im Daviscup genauso Doppel wie auch in Wimbledon oder Melbourne. Dass Hewitt und Melzer auf dem Grazer Messegelände heute den Sandplatz teilen könnten, mutet ein klein wenig kurios an. Die beiden kennen einander mehr als ihr halbes Leben, haben als Teenager dieselben Jugendturniere bestritten, waren Konkurrenten und Wegbegleiter. Auf der ATP Tour lautet die Bilanz 7:0 – für Hewitt. „Er war keiner meiner Lieblingsgegner“, sagt Melzer wenig überraschend.

 

Sinnfrage

Lleyton Hewitt zählt und zählte gewiss nicht zu den beliebtesten Kollegen auf der Tour, Respekt aber hatte stets jeder vor dem australischen Fighter, den alle Rusty nennen. „Er hat immer um jeden Punkt gekämpft, hat dir nie das Gefühl gegeben, dass er einen Moment lockerlässt.“ Was Melzer und Hewitt verbindet, ist die Liebe zum Daviscup. Die Reform des 118-jährigen Traditionsbewerbs stößt beiden sauer auf, umso mehr genießen sie das allerletzte Duell im herkömmlichen Format. „Wenn Lleyton spielt, wird er sein Herz auf dem Platz lassen, genauso wie ich.“

Es ist nicht auszuschließen, dass Melzers 75. Daviscup-Auftritt zugleich sein letzter ist. Die sportliche Zukunft des ehemaligen Weltranglistenachten ist ungewisser denn je. Sein Ranking erlaubt es ihm nicht mehr, an ATP-Turnieren teilzunehmen, fernab der Top 500 müsste der Jungvater den beschwerlichen Weg über Futures und Challengers gehen, wo junge und hungrige Spieler um ihren Durchbruch kämpfen. „Damit es weiter Sinn hat“, sagt Melzer im „Presse“-Gespräch, „müsste ich in den Top 100 stehen. Leider sehe ich derzeit nicht die Möglichkeiten, noch einmal in diese Sphären vorzustoßen.“

Für die Erste Bank Open in der Wiener Stadthalle (22. bis 28. Oktober) wurde ihm eine Wildcard für den Hauptbewerb zugesichert. Es könnte Melzers Abschiedsvorstellung werden, „zumindest aber mein letztes Einzel auf diesem Level“. Im Doppel dürfte die Karriere nächstes Jahr bei günstigem Verlauf in die Verlängerung gehen. Aktuell steht er dort auf Position 175 der Weltrangliste, bis Jahresende sollten die Top 100 erreicht werden, „damit ich nächstes Jahr größere Turniere spielen kann“. Sonst ist das Ende der Zielgeraden tatsächlich erreicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2018)