Wie starb man gleich in den Neunzigerjahren den „Liebestod“?

„Tristan“(C) Reinhard Winkler

Der Versuch einer Wiederbelebung des Bayreuther „Tristan“ von 1993 darf bestenfalls historisches Interesse beanspruchen.

Ein Publikumserfolg dank achtbarem Niveau im Haus, ein eindrucksvoller Werbefeldzug für die Kunstform Oper dank Public Viewing im angrenzenden Volksgarten. Raffiniert irreführend der Untertitel des Unternehmens: „Originalproduktion der Bayreuther Festspiele 1993“. Tatsächlich „original“ sind davon Bühnenbild und Kostüme.

Hand aufs Herz: Was blieb von Bayreuth 1993 in Erinnerung? Daniel Barenboims fulminant-irrwitziges Dirigat, Waltraud Meiers grandiose Isolde. Als Akt der Wertschätzung für den Dramatiker Heiner Müller bereitete man über dessen einzige Operninszenierung rasch den Mantel des Vergessens. Wozu also der Aufwand? Kaum aus budgetären Gründen. Die Kosten für das Nachbauen der Ausstattung teilen sich die koproduzierenden Theater von Lyon und Linz. Um den Preis einer in die Jahre gekommenen Bühnenästhetik – denn Heiner Müllers Methode besteht vornehmlich aus Statik, Posen, Ritualen. Mit Chiffren und Symbolen wäre Müller sicher gern der Suggestivkraft seines Freunds Robert Wilson nahegekommen. Doch die Spannung, die von Erich Wonders kolossalem Bühnenraum und seinen geometrischen Lichtprojektionen ausgeht, kann von den Darstellern nicht aufgenommen werden, und die Kostüme Yohji Yamamotos fördern Individualität statt Kommunikation.

 

Beeindruckend heldische Töne

Müllers Bayreuther Mitarbeiter Stephan Suschke, derzeit Linzer Schauspielchef, versuchte, die Müller'schen Ideen zu rekonstruieren. Kein dankbares Unterfangen, widerspricht es doch krass ursprünglichsten Theatertrieben: Innovationen zu provozieren, in die Zukunft zu blicken statt in Retro-Anflügen Fantasie einzusparen.

Kapazunder wie Waltraud Meier und Siegfried Jerusalem mögen sich damals mit der Reduktion der Mittel leichter getan haben als die heutige Sängergeneration, die es oft an präziser Artikulation fehlen lässt. Nach Stunden erst erbrachte der Wiener Dominik Nekel mit König Markes Klage den Nachweis, dass bei gesunder Stimme auch mit Wortdeutlichkeit auf Linie zu singen ist. Markant und verlässlich auch die Dialogpartner der Titelhelden: Dshamilja Kaiser mit expansivem Mezzo als Brangäne (mit wohltuend ungekünstelten „Wacherufen“) sowie Martin Achrainer als stimmlich und charakterlich fest verankerter Kurwenal.

Von unterschiedlicher Durchschlagskraft das Liebespaar: Annemarie Kremer als ungefährdete Isolde bewährt sich, obwohl noch nicht ganz in hochdramatischen Bezirken angekommen, mehr durch intensiven Vortrag (so stimmungsvoll wie empfunden ihr „Liebestod“) als Textdurchdringung.

Ein Sonderfall dagegen Heiko Börners Tristan, hier über weite Strecken ein kaum modulationsfähiger, fahler Tenor, da in höheren Regionen beeindruckend heldische Töne – könnte er so die Partie durchhalten, die Sensation wäre perfekt . . .

Musikchef Markus Poschner, vorerst kein Fan bewegterer Tempi, kommentierte mit dem Bruckner-Orchester das spannungsarme Bühnengeschehen mit steigender Intensitätskurve. Bieder der Anfangsakt, dramatisch aufpeitschend das letale Finale. Im Fieberwahn singt Tristan vom „göttlich ew'gen Urvergessen“ – mit Respekt möge es auch Heiner Müller beschieden sein.