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Der heiße Herbst startet mit einem Knall

Christian Knill.
Christian Knill.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Das ist rekordverdächtig: Die Gewerkschaft fordert fünf Prozent mehr Gehalt für die Metallindustrie. Die Arbeitgeber zeigen null Verständnis. Sie sehen sich als Ventil für den Zorn auf die Regierung.

Wien. Bei der Begrüßung lachten die Arbeitgebervertreter der Metallindustrie noch. Hände wurden geschüttelt, Schultern geklopft. „Alle Jahre wieder“, und „Ich hoffe, wir bringen was zam“, hörte man, während die rund hundert Gewerkschafter an ihnen vorbei in den Besprechungssaal der Wirtschaftskammer einzogen.

Als sich Christian Knill nach eineinhalb Stunden vor die Kameras stellte, musste der Obmann des Fachverbands der Metalltechnischen Industrie seine Mimik kontrollieren. Die Gewerkschaft hatte ein Gehalts- und Lohnplus von fünf Prozent gefordert. Das übertrifft nicht nur die Ansage vom Vorjahr – damals waren es vier Prozent, am Ende traf man sich bei drei –, sondern alle Forderungen der vergangenen zehn Jahre.

Der angekündigte „heiße Herbst“ hat mit einem Paukenschlag begonnen. Die Gewerkschaft – und allen Branchen traditionell voran die Metallindustrie mit gut 190.000 Beschäftigten – rächt sich für das neue Arbeitszeitgesetz, das ihr die Regierung aufgezwungen hat. So gesellt sich zum fünfprozentigen Plus eine Reihe an Forderungen zur Arbeitszeit. Man wolle die „soziale Schieflage“, die die Novelle schaffe, „korrigieren“, sagte Karl Dürtscher (GPA-DJP), Chefverhandler auf der Gewerkschaftsseite. Die Antwort auf Zwölfstundentag und 60-Stunden-Woche lautete im Kern: Keiner solle zu Überstunden gezwungen werden dürfen – und so sie anfallen, sollten sie auch bei Gleitzeit attraktiv honoriert werden. „Wenn jemand schon länger als zehn Stunden arbeiten muss, sind hundert Prozent Zuschlag mehr als gerecht. Wir wissen, das ist eine stolze Forderung, aber sie wurde auch von stolzen Arbeitnehmern gestellt, die sehr selbstbewusst in diese Lohnrunde eintreten werden“, sagt Dürtschers Ko-Verhandler Rainer Wimmer (Pro-Ge). Und was die fünf Prozent angehe: Die Auftragsbücher seien voll, die Firmen tätigten Investitionen und schütteten Dividenden aus – das täte doch keiner, wenn Flaute in Sicht sei.

Die Argumente sind altbewährt und wurden am Donnerstag von Knill mit dem ebenso alten Verweis auf „die 20 Prozent der Betriebe“, die in der Metalltechnischen Industrie „Verluste schreiben“, die Personalkostenquote von 25 Prozent und die sich abkühlende Wirtschaft beantwortet. Als Unternehmer wolle man für die Mitarbeiter einen „fairen Abschluss“, sagte Knill. Aber: „Wir sind der falsche Adressat, wenn die Gewerkschaft mit der Regierung unzufrieden ist.“

 

Forderungen „nicht nachvollziehbar“

„Nicht nachvollziehbar“ sei jedenfalls, wie sie auf fünf Prozent komme. Knill legte seinerseits kein Einstiegsgebot. Er forderte aber eine „transparente Datenbasis“ für künftige Verhandlungen. Inflation und Produktivitätszuwachs müssten außer Frage stehen. Zurzeit klaffen die Ansichten zu Letzterem weit auseinander. Die Gewerkschaft zieht die Arbeiterkammer-Rechnung für ihre Branche heran: sechs Prozent. Die Arbeitgeber die Statistik Austria: Sie kommt auf eine gesamtwirtschaftliche Steigerung von 1,4 Prozent.

Ob die drei im Oktober angesetzten Verhandlungstermine ausreichen, wenn schon die Zahlen so viel Diskussionsstoff liefern? Gewerkschafter schütteln nur lächelnd den Kopf. Dieses Jahr, aufgestachelt von der Regierung, ist man bereit, das Spiel lang mitzuspielen. Mit einem Lachen beantworteten die Funktionäre auch die Frage nach der Nachfolge für SPÖ-Chef Christian Kern. „Wir haben alle Hände voll damit zu tun, ein ordentliches Ergebnis zu erzielen“, winkte Wimmer ab. „Wolfgang Katzian ist sehr gut“, ergänzte er auf Nachfrage nach den Erfolgsaussichten des ÖGB-Chefs. Und gleich soufflierte ein Kollege aus der Menge: „Bei den KV-Verhandlungen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2018)