Moskaus Uni der vielen Völker

Kiki Malu vor der russischen Universität der Völkerfreundschaft – kurz RUDN.
Kiki Malu vor der russischen Universität der Völkerfreundschaft – kurz RUDN.(c) Jutta Sommerbauer

Sie wurde gegründet, um sowjetfreundliche Eliten in Entwicklungsländern heranzubilden. Heute will die Uni der Völkerfreundschaft westliche Studenten anziehen.

Sein Vater hat Yazid Abu-Daud von seinen Studentenjahren in Russland vorgeschwärmt. Und weil der 23-Jährige als künftiger Zahnarzt beruflich in die Fußstapfen des Vaters treten wird, war für Yazid der Schritt von Nazareth im Westjordanland nach Moskau naheliegend. Es ist September, die Moskauer Sonne scheint noch warm und Yazid trinkt einen Kaffee im Freien vor dem schachtelförmigen Hauptgebäude. Der Unterricht endet heute nicht vor 18 Uhr. Da heißt es durchhalten. Der junge
Mann – akkurater Bart, weißer Kittel – ist mittlerweile in seinem zweiten Studienjahr. Drei Jahre liegen noch vor ihm, bevor er in die Heimat zurückkehren will. Ein Studium im Westen? Hat er nicht in Betracht gezogen.

Würde man eine russische Entsprechung für Universitäten wie Harvard und Cambridge suchen, die mit ihrem Ruf eine weltweite Studentenschaft anziehen, dann wäre wohl sie es: Die Moskauer Universität der Völkerfreundschaft, abgekürzt RUDN (gesprochen Rudén) nach ihrem russischen Akronym. Doch die weltweite RUDN-Community ist im Westen unbekannt, obwohl auch sie prominente Absolventen hat: Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und Daniel Ortega, Präsident Nicaraguas, studierten hier. Politisches Potenzial ist einigen Ex-Studenten nicht abzusprechen – denkt man etwa an den Ex-Farc-Kommandanten Timchenko, den Oppositionsaktivisten Alexej Nawalny oder die Ex-Spionin Anna Chapman.

Studierende aus 155 Ländern. Knapp sechzig Jahre nach seiner Gründung im Jahr 1960 zieht es noch immer postsowjetische Eliten und Jugendliche aus Entwicklungsländern an den Campus im Südwesten Moskaus. Derzeit sind 31.000 Studierende aus 155 Ländern eingeschrieben. Kamen in sowjetischer Zeit mehr als zwei Drittel aus dem Ausland, ist jetzt das Verhältnis umgekehrt. RUDN ist die internationalste höhere Bildungseinrichtung in Russland. „Entdecke die Welt in einer Universität“, lautet ihr Slogan.

Gegründet wurde sie 1960 als Reaktion auf die Dekolonisierung in Afrika, Asien und Lateinamerika. Die Sowjetunion wollte Fachkräfte für die neuen, unabhängigen Staaten ausbilden und Sympathien in der dortigen Führung schaffen. Breit und praxisorientiert war das Angebot. „Hier sollten die Ärzte, Agronomen, Ingenieure und Juristen ausgebildet werden – alles Berufe, die in diesen Ländern benötigt wurden“, sagt Rektor Wladimir Filippow.

Auch nationale Befreiungsbewegungen und befreundete kommunistische Parteien schickten ihre Kader nach Moskau. Studenten aus dem sozialistischen Lager oder kapitalistischen Staaten durften damals nicht aufgenommen werden. „Auch keine Studenten aus China.“ Das Unterrichtsprogramm unterschied sich von dem russischer Universitäten: Es gab keine Schulungen in Marxismus-Leninismus.

Wie ein exterritoriales Gebiet. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war der Internationalismus der RUDN Geschichte. Ihre Ideologie wurde an die neue Zeit angepasst. „Wir bereiten Leader vor, die die Welt verbessern“, nennt Filippow das heutige Uni-Motto. Am bekanntesten ist die Universität freilich immer noch in jenen Staaten, die der Sowjetunion entsprungen und freundschaftlich mit Russland verbunden sind. Die fünf studentenstärksten Länder sind Usbekistan, China, Kasachstan, Tadschikistan und Aserbaidschan. Auch Staaten, in denen ein wirtschaftlich erstarktes Russland heute geschäftliche oder geopolitische Interessen verfolgt, sind häufig vertreten – die BRICS-Staaten, der Iran, Syrien, Afghanistan, Vietnam und Nigeria.

Früher propagierte man hier sowjetische Soft Power. Und heute? Will man als Player im globalen Konkurrenzkampf um Studienbewerber mitmischen. Das ist nicht leicht als russische Universität. „Westliche Universitäten gibt es seit mehreren hundert Jahren“, sagt Filippow. RUDN habe sich der Welt erst in den 1990ern geöffnet. „In einem Vierteljahrhundert berühmt zu werden, in Europa, das ist eben sehr schwierig.“ Wie für andere Unis sind Rankings zum Gradmesser des Erfolgs geworden. Im weltweiten QS World University Ranking konnte man sich in drei Jahren um 200 Plätze auf Rang 446 verbessern. „Keine andere Universität hat einen so großen Sprung gemacht“, sagt Filippow stolz.

Für Kiki Malu ist diese Bewertung nicht entscheidend. Die Völkerfreundschaftsuni sei einfach „ein eigener Planet“, sagt der 18-Jährige, dessen Eltern einst aus Portugal und Guinea-Bissau nach Russland gekommen sind. „Hier kann man sich auf Englisch und Russisch unterhalten und viele verschiedene Kulturen kennenlernen.“ Tatsächlich wirkt der Campus mit seinen Studenten aus aller Welt wie ein exterritoriales Gebiet im monokulturellen Moskau. Indische, afghanische und libanesische Cafés laden zum Verweilen ein.

Wo einst die Weltanschauung überwog, stehen heute Wirtschaftsinteressen. Russische Firmen finanzieren afrikanischen Studenten das Studium, um diese später als Fachkräfte einzustellen. Und manch einer hofft, mit seinen Russischkenntnissen einen Vorteil zu haben. Tschimuka Singuwa etwa, Student der Internationalen Beziehungen aus Sambia, dessen Großvater hier in den Sechzigern studierte. „Englisch kann ich schon“, sagt er. „Russisch ist eine neue Herausforderung.“

("UniLive", Print-Ausgabe, 26.09.2018)