Armin Wolf – ganz privat: In der Unterwelt der Twitteria

Armin Wolf
Armin WolfAPA/GEORG HOCHMUTH

Kommentar Ein Blick in die Twitterblase lässt an der Regenerierungsfähigkeit des österreichischen Journalismus zweifeln.

Es mag vielen unglaublich erscheinen, doch schwöre ich bei meiner Ehre: Nie zuvor hatte ich die Twitterblase des österreichischen Qualitätsjournalismus betreten, hatte in sozialen Netzwerken ein Profil. Auf diese Twitteria stieß ich erst neulich, als sie einen Text von mir verurteilte. Sie tat das in Form eines schrillen Kreischens in einer Samstagnacht. Dann war es auch schon wieder vorbei. Einerseits hatte das für mich schwerwiegende berufliche Folgen. Andererseits nahm kaum einer meiner Freunde davon Notiz, und an meiner Familie ging es vollkommen vorbei.

Twittern kommt vom Vogelzwitschern. Mein Besuch auf Twitter erhob mich aber nicht in luftige Baumkronen, sondern ins Zwielicht einer Unterwelt. Das war eine dauererschütterte Katakombe, widerhallend vom gegenseitigen Schulterklopfen von Journalisten, welche in der analogen Welt oben als Vertreter von Medien mit unterschiedlicher Ausrichtung gelten. ORF, Privatfernsehen, Redakteure verschiedener Zeitungen – dort unten twitterten sie alle dasselbe. Was sie in ihren professionellen Rollen niemals sagen dürften, sagen sie hier ohne Scheu. Ist ja privat.

Beklommen stellte ich fest, dass als Mufti dieser Unterwelt ein Mann amtiert, der den vertrauenswürdigsten Posten der österreichischen Medien innehat. Man kann sich nichts Unparteiischeres vorstellen als den Anchorman eines öffentlich-rechtlichen Senders. Armin Wolf war in langen Auslandsjahren eine Konstante für mich gewesen, am Anfang der „ZiB2“ hatte ich mich immer auf sein Kopfwackeln gefreut, mit dem er am Ende die Wuchtel des Tages brachte. Nun erlebte ich ihn als unduldsamen Guru. Er und „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk warfen sich viele Bälle zu. Wolf hat 403.000 Follower und Klenk 200.000.

Die FPÖ nennt diese Unterwelt „linkslink“, ich finde das falsch. Authentisch linke Positionen kommen kaum vor, die Weinkarte im Steirereck beschäftigt sie mehr als das Los der werktätigen Massen. Wenn sich einmal ein Konservativer hineinverirrt, setzt ihn der Mufti vor die Katakombe: „Sorry, aber das ist mir schade um die Zeit.“ Thematisch wird die Ösi-Twitteria stark aus dem bundesdeutschen Meinungskanal gespeist. Sie hält politische Korrektheit hoch, Wolf gendert „PolizistInnen“, und ihre Wagenburgmentalität hat sich so weit verfestigt, dass Corinna Milborn schon einmal suggerieren kann, der Mainstream liege nicht bei ihr, sondern bei „Rechtsextremen & Islamisten, Nationalisten aller Lager“, „jetzt ist die Zündelei weit in der Mitte angekommen“.

Ohne jeden Zweifel denkt die Twitteria progressiv. Progressive erkennt man daran, dass sie Jahreszahlen als Werturteile gebrauchen. Wenn etwa Armin Wolf zum Verdammen „Fünfzigerjahre“ ruft, verrät er Reste eines geschichtsdeterministischen Glaubens, demzufolge die Zukunft vielleicht nicht notgedrungen hell, die Vergangenheit aber auf jeden Fall finster ist.

Mein Blick in diese einsehbare Unterwelt hat mein Vertrauen in die Regenerierungsfähigkeit des österreichischen Journalismus angegriffen. Dieser leidet ohnehin unter Vertrauensverlust. Wann machen Redakteure mit 81.000 abgesetzten Tweets eigentlich ihre Arbeit? Das rasende Gezwitschere steht dem Anspruch von Qualitätsmedien diametral entgegen. Dieser Anspruch würde lauten: Überprüfen, nachdenken, dann schreiben. Ich steige lieber nicht mehr in diese Welt hinunter.

Martin Leidenfrost, Autor und Europareporter, lebt und arbeitet mit Familie im Burgenland.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2018)