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Max Hollein: „Manche glauben, in der muslimischen Welt gibt es gar keine Mode”

Holleins letzte Ausstellung für das Fine Arts Museum of San Francsico widmet sich muslimischer Mode.
Holleins letzte Ausstellung für das Fine Arts Museum of San Francsico widmet sich muslimischer Mode.(c) Photo Credit: Natalie Schrik for (Drew Altizer415-812-2500drew@d)
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Die Ausstellung “Contemporary Muslim Fashions” im de Young Museum sorgte in den USA bereits vor der Eröffnung für Aufregung. Initiator Max Hollein, nunmehr Direktor des MET-Museums in New York, im Interview mit dem “Schaufenster”.

Max Hollein, Sohn des Wiener Architekten Hans Hollein und neuer Direktor des Metropolitan Museum in New York, gilt als Erneuerer. Er soll das seit Jahren in der Krise steckende Haus in bessere Zeiten führen. Zuvor hatte Max Hollein nicht ganz zwei Jahre als Direktor des Fine Arts Museum of San Francsico gedient, zu dem auch das de Young gehört. Dieses verlässt er mit einem Paukenschlag: Am Samstag eröffnete seine letzte Ausstellung mit dem Titel “Contemporary Muslim Fashions”. Diese groß angelegte Schau über zeitgenössische muslimische Mode – eine Premiere in den USA - erregte schon im Vorfeld enormes Medieninteresse – der befürchtete Protest blieb bislang aber aus. Ein Gespräch über Mode als Sprachrohr, den boomenden Modest-Fashion-Markt und darüber, warum heute das Museum einer der wenigen Orte ist, an dem man ein komplexes Thema noch unpolemisch diskutieren kann.

Selten wird der Islam mit Mode assoziiert, man denkt eher an restriktive Kleiderordnungen. Was brachte Sie auf die Idee eine Ausstellung zu Muslim Fashions zu initiieren?

Die Idee entstand vor etwa drei Jahren. Ich war damals in Teheran wegen Verhandlungen um die Farah Diba Sammlung und war überrascht, wie modisch Frauen dort mit dem Verschleierungsgebot umgingen. Iran ist ja mit Saudi-Arabien und Teilen von Indonesien das einzige Land, wo es eine formale Verschleierungspflicht gibt. Im asiatischen Teil von Istanbul wiederum ist ein  vorwiegend orthodoxer Kleidungsstil auffallend, oft sogar in  Kontrast zu anderen Teilen Istanbuls. Auch kamen immer mehr Berichte über den enorm boomenden Markt für muslimische Mode und darüber, dass Marken wie Nike, Uniqlo und andere eigene Linien für muslimische Kundinnen herausbringen.

Ebenso begann der Trend der “Modest Fashion”, also einer bewusst nicht körperbetonten Mode in Europa und in den USA.  In San Francisco entwickelte sich diese Ursprungsidee dann weiter zum Thema einer Ausstellung. In dem Konzept, das die Kuratorinnen Jill D’Alessandro und Laura Camerlengo entwickelten, geht es nun darum, die interessantesten Modeszenen und Designer aus der muslimischen Welt zu zeigen und auch die Frage zu thematisieren, welche Rolle Mode in der muslimischen Gesellschaft spielt und welchen Einfluss diese wiederum auf andere Kulturbereiche hat. 
 


Wie stehen Sie selbst zu Mode?

Meine Frau Nina ist Modedesignerin, sie ist es, die sicher in viel engerer Form mit der Szene verbunden ist und auch ein besonderes Gefühl für Mode und Design hat. Ich bin natürlich schon dadurch mit großem Interesse und Begeisterung bei ihrer Arbeit dabei und bekomme dadurch auch vieles noch mehr mit als vielleicht andere.

Was, denken Sie, kann durch Mode vermittelt werden, vor allem im musealen Kontext?
 
Ich denke, Mode hat einen unglaublich vermittelnden Charakter und drückt eine besondere Haltung aus. Man kann mit ihr den Betrachter auf eine ganz andere Weise erreichen. Eine Modeausstellung kann komplexe, kulturelle Themen facettenreich und auf verschiedensten Ebenen behandeln. Darüber hinaus ist ein Museum einer der wenigen Orte, in der heutigen Zeit, an dem man ein komplexes Thema fundiert behandeln und auf unpolemische Art diskutieren kann.

 
Aus welchen Gegenden stammen die Exponate der Ausstellung?
 
Uns war wichtig, eine Momentaufnahme der heutigen Zeit und der interessantesten Entwicklungen im Bereich der muslimischen Mode und der „Modest Fashion“ wiederzugeben. Gleichzeitig, wäre es unmöglich, den kompletten Umfang dieses Themas zu behandeln. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, uns besonders auf den Mittleren Osten, Malaysia, Indonesien sowie auf einige Designer aus Europa und Amerika zu konzentrieren - Regionen, wo in der letzten Zeit sehr starke Zeichen gesetzt wurden, wo sich der Modemarkt besonders entwickelt hat und wo herausragende Designer herkommen.

Welche Medien werden gezeigt? Originalkleider, Fotografien, Runway-Mitschnitte? Kommt auch Männermode vor?
 
Wir habens uns entschieden, uns auf Frauenmode zu konzentrieren. Neben Haute-Couture-Stücken, Streetwear und Sportkleidung wird das Thema der Ausstellung in Fotografien und Videos kontextualisiert. Um muslimische Mode hat sich eine große Online Community gebildet. “Modest Fashion”-Influencer begannen mit dem bloggen, da sie die fehlende Repräsentanz von Musliminnen in Social Media aufheben wollten. Wir möchten uns in einem Teil der Ausstellung auf diese neue Generation von Frauen konzentrieren und die Frage untersuchen, wie Stil und Mode als persönliche Ausdrucksform ein Sprachrohr sein kann, um auch über Tradition, kulturelle Identität, Gender, Nachhaltigkeit, Politik und Gleichberechtigung zu sprechen.
 
Wie politisch ist Mode?

Mode ist eine besondere Ausdrucksform, sowohl der eigenen Identität und Haltung, als auch eine Reflexion der aktuellen Zeit und kulturellen Befindlichkeit, insofern ist sie immer auch von gesellschaftlicher und im weiteren Sinne auch politischer Relevanz.  

Vielleicht haben Sie die Debatte um das "Burka-Verbot", auch in Österreich, mitbekommen. Schließlich wurde ein Gesetz erlassen, dass unter anderem Gesichtsschleier unter Strafe stellt. War Ihnen bei der Wahl des Themas für die Ausstellung die wohl in Amerika und Europa gleichermaßen hitzige Debatte um das, was Muslime anhaben, bewusst?
 
Natürlich handelt es sich hier um ein komplexes Thema, welches gesellschaftliche, religiöse, soziale und auch politische Aspekte hat und uns war bewusst, dass es ganz unterschiedliche Resonanz geben wird. Doch gerade das ist ja einer der Gründe, so eine Ausstellung zu machen. Ein enzyklopädisches Museum wie das de Young hat meiner Meinung nach die Verantwortung, sich mit allen Kulturen dieser Welt zu beschäftigen und kulturelle Toleranz und Verbundenheit zu vermitteln. Muslime bilden mit rund 25% der Weltbevölkerung einen sehr großen Teil unserer Welt, und die Bay Area rund um San Francisco hat mit fast 250.000 Muslimen eine der höchsten Konzentrationen von Muslimen in Amerika. Mit dieser Ausstellung wollen wir auch für mehr Wissen und Verständnis sorgen und die unterschiedlichen Umgangsformen mit diesem Thema darlegen. Es gibt ja sogar Leute, die glauben, in der muslimischen Welt gibt es gar keine Mode. 

Mode wird oft als weltlich und oberflächlich empfunden. Auch die Ausstellung im Metropolitan Museum in New York, dessen Leitung Sie im August übernommen haben, Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination zur vom Katholizismus inspirierten Mode hat Kritik abbekommen. Wie haben Vertreter der Muslimischen Welt auf die Ankündigung der Muslim Fashions Ausstellung reagiert und wie erklären Sie sich die (vielleicht unterschiedlichen) Reaktionen?

Wir haben sehr viel Wert darauf gelegt, ein ganzheitliches Bild zu schaffen und die unterschiedlichen Entwicklungen und Ausprägungen der muslimischen Mode miteinzubeziehen. Auch der im Plural stehende Titel „Contemporary Muslim Fashions“ weist auf diese Absicht hin. Eine der ersten Handlungen von unseren Kuratorinnen Jill und Laura war es, Reina Lewis, die seit über 20 Jahren in diesem Feld arbeitet und forscht, als beratende Kuratorin mit ins Boot zu holen. Uns war bewusst, dass wir bei einigen Themen Unterstützung brauchten, diese haben wir uns z.B. in Form eines Global Advisory Committees, welches aus Vertretern der Modest Fashion Szene weltweit besteht und einer Community Outreach Group aus einigen Mitgliedern der Muslim Community der Bay Area geholt. Beide Gruppen haben uns über den gesamten Prozess der Ausstellungsentwicklung begleitet und beraten. Allen ist bewusst, dass diese Ausstellung ein besonderer Moment ist und auf der anderen Seite, ein langjähriges Projekt, welches mit großer Sorgfalt vorbereitet wurde. 

Wie haben sich bzw. wie beeinflussen sich muslimische und europäische/nordamerikanische Bekleidungsgewohnheiten gegenseitig. Wird auch die "gläubige" Welt langsam globalisiert?
 
Innerhalb der “Modest Fashion”-Szene gibt es immense kulturelle und auch generationelle Unterschiede und natürlich werden globale Trends ebenso von muslimischen Designern und Kunden übernommen, wie von non-muslimischen. Es herrscht eine große Symbiose zwischen den beiden Modeströmungen. Man denke zum Beispiel an den Online Händler The Modist. Hier werden die Anfragen und Wünsche von muslimischen Kunden erfüllt, indem nicht-islamische Entwürfe umgeändert und den Kriterien des „Modest dress“ angepasst werden. Auf der anderen Seite ist der Trend zur „Modest Fashion“ in der westlichen Welt im Vormarsch.
 
Die Schau kommt nächstes Jahr auch nach Frankfurt, gibt es auch von österreichischen Museen Interesse? 
 
Das leider nicht, wir hoffen aber, dass das interessierte österreichische Publikum die Ausstellung, wenn sie im Frühling 2019 nach Frankfurt kommt, sehen wird. Einige weitere Museen im Mittleren Osten haben bereits ihr Interesse an der Ausstellung bekannt gegeben und es wird interessant werden, zu beobachten, wie unterschiedlich die Ausstellung an jedem Ort gesehen werden wird.