Der unselige Missbrauchsschatten über Kirche und Papst wird länger

(c) Reuters (Max Rossi)

Wer kann sie zählen, die Opfer der (sexuellen) Gewalt mit Priestern als Tätern? Vatikan und Bischöfe sind gelähmt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Wenn Papst Franziskus Dienstagabend von seiner Reise in das Baltikum zurückkehrt, hat sich schon Dunkelheit über Rom und den Vatikan gelegt. Aus Tallinn kommend wird sich das Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken vielleicht fragen, ob er die fernere Zukunft seiner Kirche gesehen hat. In Estland bekennen sich ganze 0,5 Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben.

Ganz so krass wird es schon nicht kommen. Aber jedenfalls hat sich Dunkelheit auch über die Weltkirche und das Pontifikat gelegt. Die Schatten werden täglich länger. Es sind nicht Fragen des Umgangs mit Geschiedenen (so wichtig das Thema ist), der Weihe von Frauen, des Zölibats, des Wirtschaftens oder Umgangs mit Flucht, die über die Beurteilung der Amtszeit dieses Papstes entscheiden werden. Wichtigster Punkt wird sein, welche Antwort er auf die Flut von Missbrauchsfällen vergangener Jahrzehnte gibt, über die ein entsetztes Publikum aus fast allen Ecken der Welt nach und nach erfährt.

Am Dienstag erhalten bei ihrer routinemäßigen Vollversammlung in Fulda die deutschen Bischöfe offiziell einen Untersuchungsbericht über Missbrauch in der Kirche ihres Landes. 3677 Fälle wurden von 1946 bis 2014 registriert, die Dunkelziffer ist aber weit höher, wie laut Vorausberichten offenbar selbst die Autoren festhalten. Nicht wenige deutsche Diözesen haben Missbrauchsfälle nicht oder nur verschleiert dokumentiert. Bei einer Wette, dass dies kein deutsches Spezifikum ist, würde niemand dagegenhalten.

Rom kennt zwar ganz genaue Regeln, wie von einem katholischen Ehepaar laut dem Lehramt verhütet werden darf (und wie auf gar keinen Fall), nicht aber, wer wie gegen Priester, Bischöfe oder gar Kardinäle vorzugehen hat, wenn ein Verdacht von Missbrauch oder sogar eine Verurteilung durch ein staatliches Gericht vorliegt. Papst Franziskus hat in diesem Zusammenhang vor einigen Jahren ein eigenes Gericht für Bischöfe angekündigt. Nur sind dieser Ankündigung nie Taten gefolgt.

Dabei müssten sich für eine funktionierende Organisation schwierigere Aufgaben stellen, als transparente Verfahren und nachvollziehbare Sanktionen zu schaffen. Dass Verdächtige der Behörde anzuzeigen sind, sollte seit Benedikt XVI. State of the Art sein. Ob das tatsächlich immer gehandhabt wird, muss bezweifelt werden. Zu lang war Wegschauen, Vertuschen, Täter an andere Tatorte zu versetzen oder sie gar hochzuloben geübte Praxis in den Diözesen dieser Welt.

Was fehlt und dringend nachzureichen bleibt, sind darüber hinaus weltweit geltende Richtlinien (außer rechtgläubig zu sein) darüber, wer für die Priesterausbildung überhaupt zugelassen wird und wie diese besonders im Hinblick auf den Umgang mit dem Thema Sexualität (auch der eigenen!) auszusehen hat. Wenige Kirchen wie jene Österreichs sind da schon etliche Schritte weiter gegangen. Aber es sind eben Alleingänge.

Papst Franziskus hat mehrfach Missbrauchsopfer getroffen, sich öffentlich beschämt über die Taten gezeigt und unzweideutig verurteilt. Auch hat er Fehler eingestanden, sich bei den Chilenen entschuldigt, weil er Vorwürfe gegen einen Priester nicht und nicht glauben wollte. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Die weitere Reaktion war dann relativ radikal. Alle Bischöfe Chiles mussten in Rom antreten – und, ein beispielloser Akt, dem Papst kollektiv ihren Rücktritt anbieten. Ein halbes Dutzend hat so das Amt verloren, der Rest durfte bleiben.

Vergleichsweise zaudernd ist Papst Franziskus bei allen (strukturellen) Maßnahmen, die über das Reagieren auf Einzelfälle hinausgehen. So ist auch unverständlich, weshalb erst für Ende Februar 2019 in Rom ein Krisentreffen aller Chefs der Bischofskonferenzen einberufen wird. Wir wollen ja nicht annehmen, dass der Papst bremst, weil die Ultras der Konservativen beim Missbrauchsthema die Chance sehen, ihn zu desavouieren oder aus dem Stuhl Petri zu kippen. Derzeit hat der Papst – siehe Geheimabkommen mit dem kommunistischen China, das der verfolgten Untergrundkirche in den Rücken fällt – keinen guten Lauf. Die Kritik muss erlaubt sein – auch wenn Applaus von der „falschen“ Seite kommt.

E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com

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