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Afrika bleibt eine mitverschuldete Wachstums-Illusion

Deutsche Politiker und Medien sehen Wachstum und Entwicklung in Afrika zuletzt wieder in rosigem Licht. Nur passiert in Wahrheit wenig. Das liegt an schlechter Infrastruktur und verbreiteter Unsicherheit ebenso wie an Korruption, unfähigen Verwaltungen und einem leistungs- und modernefeindlichen Grundlebensgefühl.

In verklärtes Licht getaucht und mit von Zweifeln nicht gebremstem Optimismus beschreiben (nicht nur) deutsche Politiker und Medien viele afrikanische Länder als Staaten mit erheblichem Wachstum. Wirtschaftsfunktionäre des Afrikavereins machen sich seit vielen Jahren Gedanken, wie man in Afrika mehr Wirtschaftstätigkeit in Gang setzen könnte, und sie reden dabei immer weiter von Investitionen. Allerdings sind deutsche Unternehmen in afrikanischen Ländern, abgesehen von Südafrika und Nigeria, so gut wie nicht präsent.

Das würde sich nur ändern, wenn in diesem Teil der Welt Bedingungen herrschten, die unternehmerisches Engagement interessant erscheinen ließen. Wenn es wirkliche Chancen in Afrika gäbe, brauchte man deutsche und andere europäische Unternehmer nicht zu drängen, sie doch zu ergreifen. Darauf kommen sie nämlich schon von selbst. Der senegalesische Ökonom Felwine Sarr argumentiert: „Wenn Sie eine Gesellschaft haben, in der eine Minderheit Reichtum und Macht an sich reißt, wird sich durch Wachstum kaum etwas ändern."

Fehlende Leistungselite

Und die Hindernisse sind endlos vielfältig. So benötigen selbst Afrikaner für zwei Drittel der Staaten ihres Kontinents Einreisebewilligungen; Visa können nur in einer Handvoll von Ländern bei der Einreise am Flughafen erteilt werden.

Bürokratische Hürden gehören überhaupt zu den häufigsten Klagen von Investoren. Der 2018 veröffentlichte "Doing Business Index" bescheinigt den subsaharischen Staaten nur wenige Fortschritte. Viele Länder verharren in Stagnation. Ghana ist sogar vom 87. auf den 120. Rang zurückgefallen. Erfreulich hingegen der Aufstieg Ruandas: Innerhalb von zehn Jahren verbesserte sich das Land vom 150. auf den 41. Rang.

In den meisten afrikanischen Staaten fehlt es an einer Leistungselite, die ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten ausschöpft, die vollen Einsatz zeigt und Überdurchschnittliches vollbringt. Und es fehlt auch an guten Institutionen. Nur funktionierende Institutionen ziehen produktive Unternehmer an. Wo sind Ministerien und nachgeordnete Behörden qualitativ fähig, anspruchsvolle Dienstleistungen zu erbringen? Wo sind Beamte zureichend qualifiziert, unbestechlich und hoch motiviert?

Nur ein solides Fundament, gebaut aus Rechtsstaatlichkeit und transparenter Regierungsführung, könnte optimistisch stimmen. Ein verlässliches Geburtenregister, ein Kataster- oder Statistikamt sucht man in den meisten afrikanischen Staaten freilich vergeblich. Und ohne unstreitige Daten kann man wirtschaftliche und soziale Probleme oft nicht lösen.

Großes Hindernis: der Zustand der Transportwege

Dazu kommt das extreme Transportproblem Afrikas. Zum Beispiel ist die rund 1100 Kilometer lange Hauptstraße von Abidjan (Côte d’Ivoire) nach Ouagadougou (Burkina Faso) nur zur Hälfte in gutem Zustand. In der Demokratischen Republik Kongo sind gerade einmal 3000 km von 17.000 km der Hauptverkehrswege asphaltiert. Wegelagernde Polizisten und Militärs verlangen rechtswidrige Zahlungen und verteuern die Waren für die Endverbraucher alle 100 Kilometer.

Die wenigsten Bahnlinien sind mangels Wartung in Westafrika einsatzbereit. Die Linie zwischen der Côte d’Ivoire und Burkina Faso wird zwischen 2018 und 2021 saniert, kann aber nur etwa 900.000 Tonnen Fracht pro Jahr transportieren. Im Hafen von Abidjan werden jedoch jährlich 21,7 Millionen Tonnen umgeschlagen.

Die Staatsgesellschaft Camrail in Kamerun kann nur 17 Prozent der im Hafen von Douala ankommenden Waren transportieren. Die Linien Bamako (Mali) nach Dakar (Senegal) und die Eisenbahn im kleinen Land Benin sind nicht einsatzfähig. In Togo kann die Eisenbahn nur Zement und andere Schüttgüter, aber keine Container befördern.

Verbreitete Unsicherheit bremst

Afrika ist en gros auch kein sicheres Pflaster im Alltag: Das französische Außenministerium etwa rät bei nicht weniger als 15 afrikanischen Staaten gleich einmal von Reisen ab. Zahlreiche westliche Firmen schicken keine Mitarbeiter nach Nigeria, in den Sudan, Südsudan und den Tschad. Unter den 50 am schlechtesten platzierten Ländern im Doing Business Index der Weltbank 2017 sind 34 in Afrika. Nicht jeder fremde Investor denkt wie manche risikoaffinen angelsächsischen Haudegen „no pain, no gain".

Seit 2002 erstellt die Weltbank jährlich in 190 Ländern den Doing Business Index über die Unternehmerfreundlichkeit eines Landes. Bewertet wird, welche Schwierigkeiten es bei folgenden Faktoren gibt: Gründung einer Firma, Grundstück registrieren, Kreditaufnahme, Steuern, Schutz von Minderheitsinvestitionen, Baugenehmigungen, Stromanschluss und Qualität des Insolvenzrechts. Im akzeptablen zweistelligen Bereich sind 2018 in diesem Index in Subsahara-Afrika nur Mauritius (25), Ruanda (41), Kenia (80), Botswana (81), Südafrika (82), Sambia (85) und die Seychellen (95) gelistet. 34 Länder des Kontinents zählen immer noch zu den 50 Schlusslichtern bei normalen Geschäftstätigkeiten.

Am Ende der Liste sind der Tschad (180), die DR Kongo (182), die Zentralafrikanische Republik (184), Südsudan (187), Eritrea (189) und Somalia (190).

Im Tschad etwa werden 60 Tage benötigt, um ein Unternehmen zu gründen. In Burkina Faso muss ein Unternehmensgründer 69 Tage auf einen Stromanschluss warten. Die Elektrifizierungsrate in 37 Staaten Subsahara-Afrikas beträgt weniger als 50 Prozent.

Afrika ohne Strom

Investitionen in Kraftwerke wurden jahrzehntelang verabsäumt. Deshalb sind Stromausfälle in fast allen Ländern an der Tagesordnung. „Afrika hat eine Stromerzeugungskapazität von nur rund 160 Gigawatt – das ist weniger, als Deutschland an installierter Leistung besitzt. Nigeria mit fast 190 Millionen Einwohnern hat bloß 12 Gigawatt Stromkapazität, weniger als etwa das Bundesland Hessen. (...) Die Energiekrise ist ein wichtiger Grund dafür, dass der Kontinent überwiegend noch in Elend und Armut steckt", schrieb Philip Plickert in der Frankfurter Allgemeinen über "Afrika ohne Strom".

Ferner zitiert er Stefan Liebig, den Vorsitzenden des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft: "Ohne Energie gibt es keine Industrie, ohne Industrie keine Jobs. Und keine Jobs für junge Leute bedeutet: keine politische Stabilität". Dazu der nigerianische Energie-Fachanwalt Lawrence Fubara Anga: „Das ist das afrikanische Paradox. Afrika hat die größten Energieressourcen – Wasser, Sonne, Wind, Öl – und doch eine gigantische Energiekrise mit 600 Millionen Menschen ohne Strom."

Ruandas Vorreiterrolle beim Regierungsmanagement

Nirgendwo können Firmen heute rascher und leichter gegründet werden als in Neuseeland, Norwegen, Dänemark, Singapur, Südkorea und Hongkong. Nur größere Unternehmerfreundlichkeit und effizientere Regulierung tragen nach Angaben der Weltbank für sich genommen dazu bei, das Wirtschaftswachstum zu stärken. Die meisten Reformen gab es in dieser Hinsicht in Ruanda. Die Wirtschaft des kleinen Landes mit seinen vielleicht 13 bis 14 Millionen Bewohnern boomt, weil Ruanda eine Vorreiterrolle bei gutem Regierungsmanagement spielt.

Die Probleme können aber nicht allein durch staatliche Intervention gelöst werden, sondern die Stimulierung des Unternehmertums muss im Vordergrund stehen. Viele Länder sind von fehlender sozialer und gesellschaftlicher Partizipation, Arbeitslosigkeit und damit Perspektivlosigkeit, insbesondere für die Jugend, geprägt.

So miserabel wie ungerecht ist das Gesundheitssystem überdies in vielen Ländern organisiert. Wohlhabende lassen sich in Privatkliniken im Ausland kurieren. Gute staatliche Bildungseinrichtungen stehen zunehmend weniger zur Verfügung.

Ich kenne viele Afrikaner, die sich von ihren Politikern gedemütigt fühlen und ihnen nicht mehr über den Weg trauen. Afrika bleibt so eine Wachstumsillusion, weil ohne echte Entwicklung. Es sind die schwachen Institutionen, die Käuflichkeit, Vetternwirtschaft, der ethnische Abgrenzungseifer und die Rechtsunsicherheit. Diese Fallstricke können auch Investoren ins Straucheln bringen. Die Gesetze sind alle da, werden aber intransparent und schleppend angewandt.

Nur in wenigen Staaten gibt es einen Trend zum Besseren. Der kenianische Wirtschaftsjournalist Anver Versi, Herausgeber des in London erscheinenden „African Business Magazine", sagt: „Nirgendwo auf der Welt ist das Geschäftemachen so teuer wie in Afrika. Es gibt Produktionszentren, zum Beispiel in Kenia oder Südafrika, und dann sind da die Binnenländer, die von diesen Zentren abhängig sind. Aber die Straßen und Zugstrecken sind schlecht – der Transport ist also extrem kostspielig."

Zuspätkommen als Status- und Freiheitssymbol

Die ugandische Rechtsanwältin Winnie Adukule bringt in ihrem Buch „Flucht" nicht zuletzt die alles hemmende Mentalität vieler Afrikaner ins Spiel: „Wir Afrikaner sind nicht gerade dafür berühmt, dass wir langfristig arbeiten und strategisch unser Leben planen. Da halten wir es doch eher wie die Vögel, von denen es in der Bibel heißt: ‚Sehet die Vögel unter dem Himmel: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch´."

Das mag überspitzt sein. Allerdings macht in vielen Ländern, die ich kenne, die verbreitete Arbeitsmoral den Fabriken, Firmen und Behörden zu schaffen. In chronisch überbesetzten Amtsstuben herrscht nach meinen Beobachtungen vielfach Müßiggang. In Afrika kann man ein völlig anderes Zeitgefühl beobachten. Afrikaner leben nach eigenem Rhythmus. Zeit ist etwas Gottgegebenes, das es nicht zu nutzen, sondern zu verbrauchen gilt. Das wird als größere Freiheit wahrgenommen.

Eine Prise europäischer Denkungsart wäre wichtig

Afrikaner machen sich darüber lustig, wenn Europäer Pünktlichkeit als eine Form von Höflichkeit bezeichnen. Unpünktlichkeit wird auch bewusst als Mittel eingesetzt, um den eigenen Status zu betonen und an die eigene Wichtigkeit und Macht zu erinnern.

Wenn sich die Entwicklungsländer freilich über fremde Geschenke von Kapital und Know-how hinaus aus eigener Kraft auf einen höheren Lebensstandard zu bewegen wollen, wird ihnen die wenigstens teilweise Übernahme westlichen Zeitdenkens nicht erspart bleiben. Dass das möglich ist, zeigen leistungsorientierte Emigranten, die den westlichen Arbeitsstil übernehmen und damit erfolgreich sind.

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Volker Seitz (*1943) war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert". Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wurde diesen Monat bei dtv publiziert.

Botschafter Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.