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Managementwahnsinn - Wahnsinnsmanagement

Woran Sie eine zerfallende Unternehmenskultur erkennen

(c) Erwin Wodicka
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Kolumne "Hirt on Management". Folge 82.

In unserer Rubrik „Hirt on Management“ beantwortet Michael Hirt, Managementexperte und -berater, Executive Coach und Keynote Speaker alle zwei Wochen Fragen von Managern zu herausfordernden Situationen und kritischen Entscheidungen.

Frage: Manchmal frage ich mich, ob ich bei meinem Unternehmen auf einem sinkenden Schiff bin. Woran erkenne ich eine Unternehmenskultur, die zerfällt?

 

Benutzen Sie die folgende Checkliste, um zu erkennen, ob Sie in einem Unternehmen sind, dessen Kultur gerade zerfällt.

Starkult um die Chefs
Es ist keine Kritik an den Topleuten erlaubt, nur Ja-Sager können überleben. Niemand hat mehr den Mut, einfache Fragen zu stellen und auch nicht den Mut, ehrliche Antworten zu hören.

Semantische Schlachten
Statt sich gemeinsam auf den Weg zu machen, die erfolgversprechendste Erklärung der Realität und die besten darauf aufbauenden Handlungen zu setzen, verstrickt man sich in Sprach– und Formulierungsschlachten. Die Form ist wichtiger, als der Inhalt.

Radikale Randgruppen
Radikale, interne Randgruppen versuchen das Wertesystem des Unternehmens offensiv oder subversiv in ihre Richtung zu beeinflussen und untergraben damit seinen Zusammenhalt.

Moralischer Verfall
Die Regeln was erlaubt ist und was nicht, verschwimmen immer mehr. Schlau klingende, vielschichtige und subtile Argumentationen („Rationalisierungen“) ersetzen klare Regeln, Pragmatismus und gesunden Menschenverstand. Letztendlich ist das Ergebnis oft, dass bisher klare Spielregeln und Gesetze übertreten werden.

Druck und Hektik
Es herrscht immer hoher Druck und Hektik. Weltreichende Entscheidungen werden sehr schnell und ausschließlich aus dem Bauch getroffen und dann unversehens wieder umgeworfen. Alles ist immer ganz dringend, aber niemand beschäftigt sich mit den wirklich wichtigen Dingen. Zum Beispiel „tolles“ Kommunikationstraining, statt wichtigem Strategieworkshop.

Überraschung
Es passieren böse Überraschungen, wie zum Beispiel der Verlust eines wichtigen Kunden oder eine gefährliche Maßnahme eines wichtigen Wettbewerbers.

Frustrierte Leistungsträger
Schlüsselmitarbeiter, die bisher entscheidende Beiträge für den Erfolg der Organisation geleistet haben, sind frustriert und haben innerlich oder äußerlich gekündigt.

Barbaren vor den Toren
Unzufriedene Kunden, Lieferanten, Geschäftspartner, aggressive Wettbewerber und Behörden drangsalieren und stressen das Unternehmen und seine Mitarbeiter laufend.

Stab statt Linie
Stabsstellen sind allmächtig und setzen sich rücksichtslos über die Interessen der Geschäftsfelder hinweg, deren Erfolg sie eigentlich dienen sollten.

Eliten übernehmen ihre Verantwortung nicht
Statt ihren Beitrag für die Gemeinschaft durch verantwortungsvolle Führung und Entscheidungen zu leisten, sind die Eliten im Unternehmen selbst-fokussiert und optimieren nur ihre persönlichen Vorteile, oft durch allzu spendable Entlohnungsmodelle, sonstige „Benefits“ und Aktienoptionsprogramme.

Das Wichtigste in Kürze

Geben Sie für jedes Phänomen, dass Sie in Ihrem Unternehmen beobachten können, einen Punkt:

  • Bei 1-3 Punkten, sind Sie in einem „normalen“, durchschnittlich dysfunktionalen Unternehmen.
  • Bei 4-7 Punkten ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten, behalten Sie die Situation im Auge. Bereiten Sie schon mal Ihren Lebenslauf vor und frischen Sie Ihr Netzwerk zu Headhuntern und anderen Jobquellen auf.
  • Bei 8-10 Punkten sollten Sie sich schleunigst in Bewegung setzen, Ihren Lebenslauf verschicken und sich aktiv bei anderen Unternehmen bewerben, um das sinkende Schiff zu verlassen.

In „Hirt on Management“ beantwortet Michael Hirt, Managementexperte und -berater, Executive Coach, Keynote Speaker und Buchautor alle 2 Wochen Fragen von ManagerInnen zu herausfordernden Situationen und kritischen Managemententscheidungen.

Schicken Sie Ihre Fragen an Michael Hirt an: karrierenews@diepresse.com

Die Fragen werden anonymisiert beantwortet.

Ausblick: Die nächste Kolumne von Michael Hirt erscheint am 11. November 2018 zur Frage: Was Sie an der Harvard Business School lernen: Woran Sie erkennen, wie loyal Ihre Kunden sind.

Hier finden Sie die gesammelten Kolumnen.

Dr. Michael Hirt, geboren 1965 in Wien, ist Managementexperte und -berater, Executive Coach, Keynote Speaker und Buchautor. Hirt verhilft Führungskräften zu schnellen Leistungs- und Ergebnissteigerungen, mit hoher Auswirkung auf den Erfolg ihres Unternehmens. Er studierte in Österreich, Kanada (McGill) und Frankreich (INSEAD MBA) und ist weltweit tätig.