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"Bodyguard" als Musical: Zu wenig Drama, zu viel Kitsch

Patricia Meeden als Rachel Marron im Muscial "Bodyguard" im Ronacher in Wien.
Patricia Meeden als Rachel Marron im Muscial "Bodyguard" im Ronacher in Wien.©VBW Deen van Meer

Im Wiener Ronacher feierte das auf dem Film basierende Musical "Bodyguard" Premiere - eine Adaption mit Schwächen. Dabei singen quasi nur die beiden Hauptdarstellerinnen, das allerdings beeindruckend.

Das, was am Donnerstagabend im Wiener Ronacher Premiere feierte, war im Großen und Ganzen schon seit 2012 in London, Köln und Stuttgart zu sehen. Die Vereinigten Bühnen Wien sicherten sich die Rechte an "Bodyguard", der Produktion nach dem gleichnamigen Film mit Whitney Houston und Kevin Costner aus dem Jahr 1992. Das muss ja einmal nichts Schlechtes bedeuten - die Produktion hat sich offensichtlich bewährt. Regie, Choreographie, Licht, Ton, Bühnenbild - alles wurde übernommen, neu eingerichtet und für die Wiener Bühnenverhältnisse angepasst. Es ist also keine originär Wiener Inszenierung, was für den geneigten Whitney-Houston- oder Musicalfan aber keine Rolle spielt.

Die Handlung als Kombination aus Thriller und Romantik war als Film erfolgreich. Vor allem dank des weltweit über 45 Millionen Mal verkauften Soundtracks ("I Will Always Love You"!) war es nur eine Frage der Zeit, bis einem Produzenten die Idee kam, den Stoff für ein Musical aufzubereiten.

Kern-Handlung und Schauplätze vom Film von Alexander Dinelaris (Drehbuch) sind geblieben: Bodyguard Frank Farmer wird engagiert, um Pop-Star Rachel Marron vor einem Mann zu beschützen, der ihr Drohbriefe schreibt und bereits einmal in ihr Haus eingedrungen ist. Sie verlieben sich, er weist sie auf Grund seiner Arbeitsbeziehung mit ihr zurück. Der Thriller-Aspekt wurde für das Musical, genauso wie ein paar Charakterdetails, geringfügig geändert - was den Spannungsfaktor betrifft eher zum Nachteil. Dafür gibt es mit Rachels Schwester Nikki Marron, die sich ebenfalls in Frank Farmer verliebt, eine zustätzliche Beziehungs-Facette.

Viele Balladen

Was das Gesamtbild betrifft, ist "Bodyguard" in Wien eine feine Show geworden, doch das Stück ist im Gesamten eine Spur zu langatmig. Der Spannungsfaktor ist nur in wenigen Szenen wirklich gelungen - etwa wenn der Stalker in Marrons Villa eindringt oder in die abgelegene Hütte. Die entscheidende Szene während der Oscar-Verleihung wirkt etwas spannungslos. Kein verzögernder oder "Wir wissen, wo er ist, und versuchen ihn noch rechtzeitig zu schnappen"-Moment.  Dafür werden unzählige im Original von Whitney Houston interpretierte Balladen geboten. Es geht um die Liebe. Immer. Bei den drei Up-tempo-Nummern mit Ensemble wird dafür choreographisch Beeindruckendes geboten. "I Wanna Dance With Somebody" fand erst im Zugabenblock Platz.

Das Auffallendste an "Bodyguard": Es ist ein Musical mit nur zwei echten Gesangs-Rollen. Solistisch agieren ausschließlich die beiden weiblichen Hauptrollen: Patricia Meeden als Rachel Marron und der Wiener Publikumsliebling Ana Milva Gomes als deren Schwester Nicki Marron. Sämtliche Haupt- und Nebenrollen-Herren singen nicht - bis auf eine kleine Karaoke-Einlage von Jo Weil als Bodyguard "Frank Farmer". 

Die Damen machen es mit großartigem Soul wieder wett. Es könnten einem jedoch ein wenig die Abwechslung, die Mehrstimmigkeiten, die Chöre, die Männerstimmen abgehen. Meeden schwankt gesanglich zwischen etwas dumpferer, hauchiger und strahlender Stimmfarbe, großteils überzeugend. Bei den schnelleren, lauten Nummern verstand man allerdings auf Grund der etwas verschluckten Konsonanten in den Tiefen kein Wort, was für das Verständnis der Handlung unerheblich ist. Alle Lieder werden übrigens auf Englisch gesungen. Gomes strahlt etwas mehr Klarheit aus, ein klein wenig mehr "klassische" Musical-Stimme, ohne dabei auf den Soul zu vergessen. Das einzige echte Duett des Musicals, "Run To You", ist auch der intensivste Moment.

Und so bietet der Abend im Ronacher neben etwas Spannung natürlich auch die erwartbare Portion Kitsch. Das könnte man beinahe ertragen, wenn nicht kurz vor Schluss diese Projektionen von "Frank Farmer" und "Rachel Marron" wären. Technisch beeindruckend lassen sie einen aber in ihrer Abgeschmacktheit und Rosamunde-Pilcher-Vorspann-Manier den Magen zusammenkrampfen. Sie nehmen den Zauber vom großartigen Meeden-Solo "I will always love you", das schon kitschig genug ist. Die Umzugs-Pause innerhalb des Songs für die Hauptdarstellerin hätte man anders überbrücken können.

Dialoge holpern anfangs

Das Bühnenbild (Bühne: Tim Hatley) ist dank riesiger LED-Wand vielfältig einsetzbar (Bar, Club und ganz viel Villa), drängt sich nie in den Vordergrund. Die Inszenierung ist bewährt seit der Londoner Produktion. Am Premierenabend dauerte es etwas, bis die Szenen in Gang kamen, vor allem die ersten Dialoge kamen etwas holprig daher. Erst später blitzten Harmonie und gutes Timing für Pointen und Emotion auf. Jo Weil als Bodyguard wirkt von Anfang an sympathisch, ansonsten steht er viel herum und kämpft sich durch die Seifenopern-Dialoge. Publikumsliebling des Abends war der neunjährige Samuel Hollinek als Rachels Sohn Fletcher. Der Junge kann tanzen! Ein Bewegungs- und Schauspieltalent.

Das Orchester der Vereinigten Bühnen wurde diesmal in den Keller verbannt, es sitzt nicht im Orchestergraben, sondern erstmals in einem eigens eingerichteten Raum (wie man es etwa von Mörbisch und St. Margareten gewohnt ist) und spielte unter der musikalischen Leitung von Herbert Pichler exzellent. Das Publikum bekommt die 20 Musiker bei der "Exit Music" auf der LED-Wand in Action zu sehen, was die Besucher dazu animiert, noch ein wenig stehen zu bleiben, wo sonst schon zur Garderobe gehetzt wird.

Nebenschauplätze

Es verlocken die alternierenden und Cover-Besetzungen zu einem mehrmaligen Besuch. Tertia Botha spielt alternierend "Rachel Marron" und für die Wiener Musicalfans vermutlich ein Muss: die Spieltermine von Ana Milva Gomes in der Hauptrolle der Rachel Marron. Und auch die anderen Besetzungen von Bodyguard Frank Farmer (Andreas Kammerzelt und Peter Windhofer, bekannt aus "Anna und die Liebe") machen vielleicht neugierig.

Das Sounddesign hat bei den lauten Nummern zu kämpfen gehabt. Patricia Meeden war in den Tiefen nicht zu verstehen, in den Höhen dann plötzlich überlaut.

Die Bildschirmhelligkeit des Dirigenten-Monitors war für die Parkett-Besucher etwas zu leuchtstark. Die Darsteller sehen in einem Bildschirm, der am Balkon angebracht ist, den Dirigenten. Der Bildschirm hängt also im Rücken der Parkett-Besucher. Das Licht des Schwarz-weiß-Bilds strahlte in einen großen Bereich. Was nicht weiter stören würde, wenn es nicht ab und zu "blinken" würde, wenn die Kamera verdeckt wird - als würde ein Diaprojektor das Bild wechseln. Das irritiert das Publikum merkbar.

Wenn Frank Farmer und Rachel Marron Bier trinken, trinken sie aus Plastikflaschen, was aus Requisiteur-Sicht verständlich ist. Jedes Absetzen der Flaschen auf den Tisch macht die Sache per Geräusch jedoch offensichtlich und ein klein wenig lächerlich.

Für das internationale Publikum werden die Sprechtexte auf Englisch übertitelt. Warum nicht auch die Songtexte auf Englisch einblenden für alle? Oder für jene, die englische Liedtexte verteufeln, auf Deutsch?

Die Choreographien sind beeindruckend - wirklich. Und es mag etwas komisch klingen, wenn man mehr heimische Talente bei den Vereinigten Bühnen fordert, aber bei "Bodyguard" ist es extrem auffällig, dass im Ensemble fast durchgehend Tänzer sind, die an ausländischen Kunsteinrichtungen ausgebildet wurden. Können die heimischen Institutionen keine Tänzer und Tänzerinnen des benötigten Formats ausbilden? Oder woran liegt es?

Gesprächsthema an den Pausentischen waren durchaus auch die Bauchmuskeln der Darsteller - und nicht die der Männer.

Wenn Fletcher, Marrons Sohn, in einer Szene von der Bühne abgeht, bekam er anscheinend die Regieanweisung zu hüpfen - wie es Klischee-Kinder halt machen, wenn sie abgehen.

Das Ensemble zeigt beeindruckende Choreographien, auch Hauptdarstellerin Meeden zeigt tänzerische Präzision.
Das Ensemble zeigt beeindruckende Choreographien, auch Hauptdarstellerin Meeden zeigt tänzerische Präzision.(c) VBW Deen van Meer
Patricia Meeden harmoniert gut mit Jo Weil als Rachel Marron und Frank Farmer.
Patricia Meeden harmoniert gut mit Jo Weil als Rachel Marron und Frank Farmer.(c) VBW Deen van Meer