Schnellauswahl
Porträt

Der sich mit Amerika anlegt

Würden Sie Donald Trump Ihre Kontodaten anvertrauen? Blue-Code-CEO Christian Pirkner würde es nicht.Richard Tanzer

Christian Pirkner will seine Bezahl-App Blue Code zum europäischen Standard machen. Eben ging er eine Partnerschaft mit Chinas Alipay ein. Um Amerika die Stirn zu bieten.

Der Wiener Christian Pirkner (44) war ein Spitzenstudent. Wirtschaft mit Schwerpunkt Kapitalmärkte in St. Gallen, mit 25 Jahren ein Finance-Doktorat in New York, alles mit Auszeichnung. McKinsey und Goldman Sachs buhlten um ihn, mit McKinsey wurde er einig. Man besiegelte den Vertrag mit einer schönen Flasche Wein. Der Abend wurde lang, sehr lang. Plötzlich packte der McKinsey-Partner den Vertrag weg. Normalerweise, sagte er, rekrutiere er 30-jährige Doktoranden. Pirkner sei so viel jünger. Er solle besser nach Amerika gehen, ein Start-up gründen, gegen die Wand fahren und dann wiederkommen. Was er dabei lerne, sei unendlich viel wertvoller. Und er halte ihm den Job zehn Jahre frei, versprach er.

Pirkner ging nach Amerika. Nach San Francisco, wo er (wir schreiben das Jahr 1999) ein Musik-Start-up hochzog - bis 2003 Apple seinen iTunes Store launchte. Er wechselte in die Videobranche, zog ein neues Start-up hoch – dann kam Netflix. Spätestens da hatte er verstanden: Der Große frisst den Kleinen. Sofern dieser den Markt nicht schnell genug besetzt. Oder mit Gewinn verkauft.

„Da hat es mich gepackt“

2007 kam er zurück nach Wien, mit 100 Millionen Euro Verkaufserlös im Gepäck. Er hätte jetzt zu McKinsey gehen können. Das Austria Wirtschaftsservice (AWS) war schneller: Ob er einen Seedfonds mitjurieren würde? 15 Start-ups pitchten, Nummer sieben hatte es ihm angetan. Die Idee einer mobilen Bezahllösung aus Tirol gefiel ihm, aber er hielt sie damals für zu riskant: „Daran arbeiten die weltgrößten Firmen. Keine Chance. Ich wollte nicht, dass die Tiroler 500.000 Euro Steuergeld verzocken.“

Doch die Tiroler, damals Secure Shopping, ließen nicht locker. Sie luden ihn in die Berge ein und baten ihn um Rat. „Da hat es mich gepackt.“ Pirkner holte einen guten Schweizer Freund an Bord, bald darauf kamen die ersten europäischen Banken. Das war die Geburtsstunde von Blue Code.

Blue Code ist eine Bezahl-App. In Österreich kann man damit bei Merkur, Billa, Bipa, Spar, Hervis, Hartlauer und ein paar anderen zahlen: Handy hinhalten, Code einscannen, bezahlt. Auf der Münchner Wiesn und auf dem Viktualienmarkt ist Blue Code exklusiver Mobile-Payment-Partner. Sieben Millionen Gäste werden erwartet, das wird ein schöner Schub.

Es gelingt Pirkner leicht, Händler und Banken vom Mehrwert zu begeistern. Doch die Konsumenten zögern. Sie hängen an ihren Karten.

Gebranntes Kind

Pirkner hat es eilig. Er weiß, ihm läuft die Zeit davon. Apple Pay und Google Pay scharren in den Startlöchern, Paypal und Amazon knabbern mit eigenen Geschäftsmodellen am Bezahlmarkt. Die Erste Bank launchte diese Woche eine Debit Mastercard, die schrittweise die vertrauten Maestro-Karten ablösen soll. „Alles amerikanisch“, sagt Pirkner, „wollen wir wirklich den Amerikanern den Markt überlassen?“ Er spricht jetzt sehr schnell. Darüber, dass die europäischen Banken aufwachen müssten, wie mächtig sie alle zusammen wären, dass es ihnen aber an Selbstbewusstsein für eine koordinierte Aktion fehle.

Deswegen tat er sich jetzt mit den Chinesen zusammen. Genauer gesagt mit Alipay, der Bezahl-Tochter der in China omnipräsenten Handelsplattform Alibaba. Nicht, dass die Intentionen Chinas so anders wären als die Amerikas. „Der große Unterschied ist: Hier läuft es über meine Plattform. Und an die Kundendaten kommen weder Amerika noch China heran.“

Mit seiner Lösung, verspricht er, können europäische Händler nun auch chinesische Tourismusgelder abschöpfen, weil Chinesen praktisch alles mit dem Smartphone bezahlen. „Ich will signalisieren: Wenn Alipay sich traut, bei uns mitzumachen, können es die Europäer auch.“

Er renne gern gegen Wände, sagt er, nun fast atemlos. Die „Mission Impossible“ bereite ihm Freude. Und seine drei Kinder sollten niemals sagen: „Der Papi hat nichts Sinnvolles gemacht.“

Bloß der McKinsey-Partner, der rief ihn zehn Jahre lang zweimal im Jahr an. Jetzt hat er es aufgegeben.

ZUR PERSON

Christian Pirkner (44) ist CEO der auch über Europa hinaus rasch expandieren-den österreichischen Smartphone-Bezahllösung Blue Code. Nach eigenen Angaben hält sie in Österreich derzeit bei „einigen 100.000 Downloads und ein bis zwei Millionen Transaktionen pro Jahr“. Das sollen prestigeträchtige Kooperationen wie mit dem Münchner Oktoberfest und die Systempartnerschaft mit Alipay, dem weltweit größten Mobile-Payment-Anbieter aus China mit 700 Millionen Kunden, ändern.


[OSXGF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2018)