Alles? Wirklich alles?

Für die heutige Architekturproduktion ist die Frage, ob Architektur Kunst ist, nach wie vor brisant: Steckt in jedem architektonischen Vorhaben das Potenzial, ein Werk der Baukunst zu werden? Der Salzburger Landesarchitektur- preis gab eine Antwort.

Alles ist Architektur“: Mit dieser Behauptung hat Hans Hollein in der Architekturwelt für nachhaltige Verwirrung gesorgt. Einerseits passt sie gut zur Forderung nach einer Demokratisierung der Kultur, wie sie für die 1960er-Jahre charakteristisch war. Architektur sollte sich als „Umweltgestaltung“ nicht mehr auf elitäre Aufgaben wie Kirchen und Museen beschränken, sondern die gesamte Umwelt erfassen und diese im Interesse breiter Bevölkerungsschichten besser designen. Dazu müsse sie sich aus der Blase ihrer elitären ästhetischen Vorlieben befreien und ihre architektonische Inspiration auch aus anderen Quellen schöpfen, etwa den historischen oder anonymen Architekturen des Alltags. „Mainstreet is almost alright“ konstatierten Robert Venturi und Denise Scott-Brown etwa zeitgleich mit Hollein und empfahlen ihren Kollegen „Learning from Las Vegas“.

Andererseits steht Holleins Behauptung auch für das genaue Gegenteil, nämlich den höchsten elitären Anspruch an die Gestaltung aller Lebensbereiche. Vom Schrank bis zum Hochhaus, überall brauche es Architektur als angewandte Kunst. Die meisten Architekten, so formulierte es Hollein an anderer Stelle, kämen vor lauter „Häuserbauen“ gar nicht mehr dazu, an Architektur im Sinne von Baukunst zu denken. Für Hollein bedeutete das auch eine klare Absage an den Funktionalismus und ein Bekenntnis zum Primat der Form – eine Position, mit der er nicht allein stand: So gab etwa Karl Schwanzer dem Buch, das er 1973 über sein BMW-Hochhaus in München publizierte, den Titel „Entscheidung zur Form“.


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