Die strenge Statue

Dasselbe kleine Schiff, das sie hingebracht hat, hat sie auch wieder zurückgebracht. Sie sind durch die große Maschine durchgegangen und am anderen Ende wieder herausgekommen. „Chikago“ – ein Romanauszug.

Der Feri ist an Deck gestanden und hat in den Nebel hineingeschaut, der immer am Horizont gehangen ist, die ganze Überfahrt lang. Sie haben nur zu gewissen Zeiten an Deck gehen dürfen – vielleicht sind das die Zeiten gewesen, zu denen die Passagiere der ersten und der zweiten Klasse Abend gegessen haben oder ihren Nachmittagstee eingenommen haben oder sonst etwas getan haben, was Passagieren der ersten und der zweiten Klasse angemessen gewesen ist. Der Feri hat nicht gewusst, was man so tut als Passagier der ersten und der zweiten Klasse und wer diese Menschen gewesen sind. Dass sie da gewesen sind, hat er gewusst, und dennoch hat er die ganze Reise über keinen von ihnen zu Gesicht bekommen.

(. . .) Manchmal ist das Wasser grau gewesen und manchmal blau, manchmal ist es voller weißer Gischt gewesen, die aufgebraust und gleich wieder in sich zusammengefallen ist. An anderen Tagen ist es glatt gewesen wie ein trüber Spiegel, nur kleine, zarte Wellen, dünne Falten in einem teuren Stoff. Der Feri ist an Deck gestanden und hat sich ans Geländer gelehnt. Er hat sich so weit darüber hinausgebeugt, wie es nur gegangen ist. Sosehr er sich auch bemüht hat, seine Augen haben den Punkt nicht gefunden, wo das Meer und der Himmel zusammengekommen sind. Es hat immer ausgesehen, als würde dort, ganz weit draußen, ein dicker Nebel liegen. Die beiden Hälften von der Welt, das Oben und das Unten, das Hier und das Dort, sind auf dem Meer nie zusammengekommen. Das hat er nicht verstanden. Zehn Tage lang sind sie genau in diesen Dunst hineingefahren, ohne dass sie ihn je erreicht hätten. Aber vielleicht, hat sich der Feri gedacht, vielleicht sind sie in gewissem Sinne doch schon drinnen gewesen. Vielleicht ist es nicht so sehr ein äußerer Nebel gewesen wie ein innerer, ein Gefühl, das auf sie zugekommen ist, das sie von allen Seiten her in großer Entfernung umzingelt hat. Vielleicht ist dieser immer gleich entfernte Nebel genau der Zustand gewesen, das Gefängnis, in dem sie sich jetzt befunden haben – ein andauerndes Hinfahren ohne Ankommen, eine Reise ohne Ende, ein einziges großes, verschwommenes Dazwischen.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.